Dürfen Geistesgrössen irren?
Von Guido Kalberer. Aktualisiert am 30.09.2010 9 Kommentare
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Louis-Ferdinand Céline, einer der grössten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, war ein glühender Antisemit. Martin Heidegger, einer der grössten Philosophen des 20. Jahrhunderts, liess sich 1933 von den Nationalsozialisten zum Rektor der Universität Freiburg im Breisgau wählen. Und nun verliert auch Le Corbusier, einer der grössten Architekten des 20. Jahrhunderts, seine politische Unschuld. Man kann weiter in der Geistesgeschichte zurückgehen und etwa bei Arthur Schopenhauer einen Halt machen, der die Frauen herzhaft hasste, oder in den Norden reisen zu Knut Hamsun, der dem nationalsozialistischen Gedankengut nahestand.
Man kann aber auch die Stirn runzeln über das Verhalten der jüdischen Philosophin Hannah Arendt, die nicht nur vor, sondern auch nach dem Zweiten Weltkrieg mit Heidegger liiert war, obwohl sich ihr Liebhaber mit keinem Wort von seiner politischen Vergangenheit distanzierte – was ihm der Dichter Paul Celan nie verzieh. Man kann auch einen Blick auf die zahlreichen Geistesheroen des 18. Jahrhunderts werfen, welche die sich anbahnende Demokratisierung vehement ablehnten und in der Französischen Revolution Teufelswerk sahen. Nur allzu schnell geht vergessen, dass der Geist jahrhundertelang die vornehme Perücke des Adels trug.
Grenzen der Toleranz
Es ist ein weites Feld, das sich hier auftut, und ein heikles dazu mit vielen offenen Fragen. Erträgt man es, dass Geistesgrössen, deren Werk man schätzt oder gar bewundert, moralisch oder politisch irren? Wenn ja, wie weit reicht unsere Toleranz? Und schliesslich stellt sich die für die Ästhetik zentrale Frage: Hat die politische Haltung – wie etwa ein ressentimentgeladener Rassismus – auf das künstlerische Werk durchgeschlagen, sodass es davon infiziert ist? Ist etwa Friedrich Nietzsche schuld daran, dass die Nationalsozialisten ihn wie einen Eisheiligen verehrten, oder wurde sein radikales Konzept des Übermenschen für deren Zwecke instrumentalisiert oder gar missbraucht? Und trägt «Sein und Zeit», das 1927 erschienene Hauptwerk von Heidegger, bereits den Stempel des späteren NS-Parteimitglieds? Dutzende von Studien beschäftigen sich mit dieser komplexen Materie und kommen von Fall zu Fall und von Autor zu Autor zu anderen Schlüssen.
Nur eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Je älter und geografisch entfernter der Skandal, desto unaufgeregter die Reaktion; je historischer das Denken, desto gelassener das Urteil. Niemand wirft Sokrates oder Platon Pädophilie vor, sie war, wie die Sklaverei, weitverbreitet und Teil der antiken Lebenswelt – bei der Odenwaldschule allerdings regte sich unser kollektiver Widerstand, mit dem Effekt, dass die alternativen pädagogischen Konzepte auf einen Schlag entwertet wurden. Mit der philosophischen Aufklärung haben sich nicht nur normative Standards über das richtige Leben durchgesetzt, auch eine gewisse Selbstverblendung der Moderne wurde Mode und Methode: So kommt das moralische Urteil der Nachwelt häufig einer Absolution der realen Gegenwart gleich. Es geht dabei weniger um Einsichten und Erkenntnisse, sondern um eine Überhöhung des eigenen Standpunktes.
Wenn die Grossen klein denken
Wenn man eine Meinung oder Haltung in einen bestimmten historischen Kontext stellt, heisst das aber noch nicht, dass man sie damit akzeptiert oder gar entschuldigt. Es handelt sich bloss um den Versuch, ein Stück weit einen unangenehmen Weg zu gehen, um jemanden zu verstehen. Man kann zum Beispiel die Musik von Carlo Gesualdo in vollen Zügen geniessen, ohne damit den Mord an seiner Ehefrau zu rechtfertigen.
Klar: In letzter Instanz, wie Friedrich Engels sagen würde, hat das von zahlreichen Zwängen entfesselte Individuum in den meisten Situationen die freie Wahl zwischen Mitmachen oder Verweigern. Je näher wir dem ideologietrunkenen 20. Jahrhundert kommen, desto schmerzhafter macht sich der Stachel moralischen Verfehlens bemerkbar. Es ist letztlich die Freiheit, die uns so sehr bewegt und verletzt, wenn die Grossen klein denken oder falsch handeln.
Der Widerspruch zwischen dem, was ist, und dem, was sein soll, ist umso stossender, je bedeutender eine Persönlichkeit ist. Wieso? Weil wir ihr eine Erhabenheit zuschreiben, die mehr über uns und unsere Wünsche verrät als über die Künstler selbst. Gottfried Benn, auch er kein Leuchtturm ethischen Verhaltens, übertrieb nur wenig, als er schrieb, Kunst sei das Gegenteil von gut gemeint. Richtig ist sicherlich, dass der Ästhetik mit rein moralischen Urteilen nicht beizukommen ist. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.09.2010, 08:25 Uhr
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9 Kommentare
Ist ja echt mühsam wie alle immer darauf herumreiten, was interessieren mich die Weltkriege, wichtig ist für mich die Zukunft ! Kann auch sein das in 100 Jahre alle auf uns zurückschauen und sagen die USA hat Völkermord im nahen Osten begangen und Russland in seinen Nachbarstaaten usw... man findet immer etwas wenn man will, bei jeder einzelnen Person, je nach Blickwinkel. Antworten
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