«EU Diktatur!» und «Sozialisten SP!»

Hedi Wyler ist der Super-Troll. Hinter ihr steckt Urs Kaufmann. Er hat nun ein Buch mit den gesammelten Kommentaren veröffentlicht.

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Sie ist die wohl tüchtigste Hasskommentatorin der Schweiz: Hedi Wyler. Innerhalb kürzester Zeit verfasste die verbitterte alte Dame über 140 Kommentare auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet und «SRF-News». Hedi Wyler schreibt von der «EU Dikatatur», der «SozialistenSP» und der «Födraldemokratie». Sie verachtet Simonetta «Somarugga» und Herr «Levra», spricht SVP-Politiker mit Doktortitel an und beendet einen Satz gerne einmal mit «pasta» (anstatt basta).

Wylers Kommentare sind voller Schreibfehler und verfolgen weder Logik noch System. Sie sind so absurd, dass sie wieder amüsant sind. Aber meint das jemand wirklich ernst? Wer ist diese verwirrte Frau? Vor zwei Jahren lüftete die «WOZ» das Geheimnis: Hedi Wyler ist ein Fake-Profil. Ihr Schöpfer ist ein Familienvater aus dem Kanton Zürich, ein Mann Mitte vierzig, Historiker und Lehrer in leitender Funktion. Der Name des Ghostwriters: Urs Kaufmann.

140 gehässige Äusserungen

Kaufmann hat diese Woche ein Buch über seine erfundene, gehässige Freundin veröffentlicht. Der Historiker hat Wylers Kommentare abfotografiert und gesammelt. «Wesswegen», so der Buchtitel und das Markenzeichen von Wyler, enthält ihre 140 gehässigen Äusserungen auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet und die Reaktionen darauf.

Kaufmanns Werk «Wesswegen» beginnt mit dem 13. Februar 2014 um 6.26 Uhr: Auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet erscheint der erste Kommentar von Hedi Wyler. Sie hat sich über die «linke» Berichterstattung der Medien über die Masseneinwanderungsinitiative geärgert. Nun schreitet sie ein. Ihr Kommentar zu einem Artikel mit dem Titel «4000 Neugeborene und 12’000 Zugewanderte»:

Es muss gebremst werden mit dieser unsähglichen EU Einwanderung von Europa!

Urs Kaufmann war enttäuscht von der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative. Er, der sich häufig auf «Tages-Anzeiger online» über das aktuelle Weltgeschehen informiert, beobachtete die Kommentare, die sich zu dieser Zeit häuften: «Ich habe mich schon immer über die gehässigen Kommentare gewundert. Nach der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative im Februar 2014 wurden die Kommentare noch schlimmer. Dann beschloss ich spontan, auch einmal so etwas in der Art zu schreiben.»

Innerhalb von wenigen Stunden verfasste er unter dem Namen Hedi Wyler noch drei andere Kommentare. In den Tagen darauf folgten zahlreiche weitere. Die Texte beginnen meist mit «Es ist gut, das...» oder «Es ist nicht gut, das...».

Kaufmann braucht für die kurzen Statements kaum Zeit: Er klickt auf die viel diskutierten Artikel, scrollt zum Seitenende und tippt die Meinung von Kunstfigur Hedi Wyler ins 800 Zeichen umfassende Kommentarfeld. «Frau Wyler hat immer dasselbe Feindbild. Das funktioniert in jedem Kontext.» Für Kaufmann sei Hedi Wyler ein «Versuch, herauszufinden, wie die Menschen auf solch überspitzte Texte reagieren.»

«Dann bin ich halt auf die SRF-Newssite ausgewichen.»

Kaufmanns Satire kommt nicht überall gleich gut an: Nach kurzer Zeit wurde Hedi Wyler von Tagesanzeiger.ch/Newsnet blockiert. Der Grund dafür erklärt Jan Rothenberger, Teamleiter Social Media: «Wir leisten uns ein liberales Kommentarforum. Redaktioneller Konsens ist, dass unsere Freischalter keine Richter über die inhaltliche Qualität von Kommentaren sind, sondern lediglich die Kommentarregeln durchsetzen, die wir transparent kommunizieren (hier). Diese zielen darauf, Beleidigung und Diskriminierung zu verhindern, den Lesern aber ansonsten viel Freiraum zu erlauben – aus diesem Grund besteht auch immer ein Restrisiko für weniger konstruktive Kommentare. Weil es sich bei der Kunstfigur Hedi Wyler in letzter Instanz um einen Missbrauch der Kommentarfunktion handelte, entschlossen wir uns 2014, diese zu sperren. Fest steht aber, dass es sich um einen der kreativeren und wohlmeinenderen Trolle handelte, mit dem wir zu tun hatten.»

Obwohl Kaufmann weiss, dass seine Hedi Wyler gegen die Regeln verstösst, war er trotzdem etwas enttäuscht: «Es hat mich natürlich ein bisschen genervt, dass ich nicht mehr schreiben konnte. (lacht) Dann bin ich halt auf die SRF-Newssite ausgewichen. Dort wurde ich aber nach circa drei Monaten auch gesperrt.»

«Frau Wyler, Sie sind unschlagbar!»

Hedi Wyler kriegt für ihre Kommentare zwar oft Schelte und wird oft wegen ihrer offensichtlichen Legasthenie ausgelacht, trotzdem unterstützen überraschend viele Menschen die Meinung der satirischen Kunstfigur. Ein Herr Zwahlen schreibt: «Hedi Wyler weiss auf jeden Fall mehr als jeder linke Historiker», und Frau Schmid meint: «Frau Wyler, Sie sind unschlagbar!»

In seinem Buch «Wesswegen» hat Kaufmann die Reaktionen auf die Kommentare zusammengefasst: «56,95% Likes und 43,05% Dislikes» haben Hedi Wylers Kommentare erhalten. Für Kaufmann nicht allzu verwunderlich: «Ich habe zwar nicht damit gerechnet, dass Hedi so viel Zustimmung kriegt, aber in der heutigen Welt ist das auch nicht mehr weiter erstaunlich. Populistische Aussagen werden immer salonfähiger.»

Kaufmann hat für «Wesswegen» noch weitere Statistiken verfasst: «Das macht man ja bei einem wissenschaftlichen Buch», meint er augenzwinkernd. Unter anderem kam Kaufmann auf folgendes Ergebnis: «Die Zustimmung korreliert mit der Uhrzeit. (...) Ab 17.00 Uhr ist Frau Wyler nicht mehr mehrheitsfähig (...) Erst ab 6.00 Uhr beginnt die Akzeptanz wieder zu steigen. (...) Die hohen Zustimmungswerte lassen sich mit dem nahestehenden Feierabend erklären, eventuell auch mit dem dazugehörigen Bier. Dies ist jedoch statistisch nicht nachzuweisen.»

Auf die Frage, was Hedi Wyler machen würde, wenn man sie wieder entsperrt, gibt es für Kaufmann nur eine Option: «Wieder Kommentare schreiben!» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.12.2016, 12:36 Uhr

Trolls wurden zum Symbolbild für Hasskommentierer. (Bild: Keystone )

140 gesammelte Kommentare enthält das Werk Urs Kaufmann. Das Buch ist im Saugg-Verlag erschienen und ist online für 30.- erhältlich.

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