«Ein neuer Weltkrieg ist nicht ausgeschlossen»

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek über neue Bedrohungen, die Fehler des Westens in Russland und im Nahen Osten.

Slavoj Žižek hat eine gewisse Bewunderung für Obama und ein gewisses Verständnis für Putin.


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Sie haben soeben ein Buch über «Islam und Moderne» publiziert. War der Anschlag auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» der Auslöser?
Ich dachte, wie anfällig muss der Glaube eines Muslims sein, der sich von einer dummen Karikatur in einer satirischen Zeitung bedroht fühlt. Ein kleines Satireblatt kann doch nicht der wirkliche Feind der Islamisten sein, die den Westen ablehnen, ja hassen. Sie müssten doch Repräsentanten des Militärs oder der Wirtschaft attackieren. Nicht so was Randständiges wie «Charlie Hebdo». Dies zeigt aber nur, dass wir im Grunde keine gemeinsame Frontlinie mit den Islamisten haben. Sie sehen das grosse Ganze radikal anders, als wir dies tun.

Wie meinen Sie das?
Das Problem der islamischen Welt besteht bekanntlich darin, dass sie abrupt mit der westlichen Modernisierung konfrontiert wurde. Nehmen wir zum Beispiel Boko Haram. Es ist doch merkwürdig, dass diese Fundamentalisten einen Staat errichten wollen, dessen Grundlage «boko haram» sein soll, das heisst so viel wie: «Westliche Bildung ist verboten» – vor allem Frauenbildung. Als ob allein damit, dass die Frauen an dem von den Islamisten zugewiesenen Ort bleiben, alle Probleme gelöst seien.

Offenbar geht es um mehr.
Es mag auf den ersten Blick lächerlich erscheinen, aber es zeigt sich, welches existenzielle Gewicht diese Fragen für die Fundamentalisten haben. Es geht nicht nur um rein wirtschaftliche Angelegenheiten wie Ausbeutung und Krieg, sondern es geht um das eigene Sein. Wir haben es mit einer panikartigen Reaktion auf die Modernisierung zu tun. Diese Männer sehen ihre persönliche Identität, ja das ganze Weltgebäude bedroht allein durch die Vorstellung, dass Frauen ungesteuert durch die Welt gehen. Der Islam ist für sie eine Art Schutzmauer vor dieser offenbar erschreckenden Vorstellung. Der Islamismus geriert sich als pervertierte Moderne.

Verhindert der Islamismus die Befreiung der Frauen?
Ja, das tut er. Aber in der Vorstellung dieser Männer werden die Frauen durch die Moderne gerade nicht befreit, sondern zu wilden Tieren. Das ist auch der Grund, weshalb die Fundamentalisten das Singen verbieten. Schon bei Platon ist das Singen in nur sehr engen Grenzen wie etwa bei Militärmärschen zulässig. Und zwar darum, weil das ungeordnete Singen zu dionysischen Zuckungen führt und schliesslich zum Zerfall der Gesellschaft. Die Idee, dass wir dadurch verwildern, zieht sich übrigens durch die ganze Geschichte bis in unsere Tage.

Diese Idee ist also nicht auf den arabischen Raum beschränkt?
Nein. Das lässt sich mit einem Beispiel zeigen: Als die Prawda die Uraufführung von Schostakowitschs «Lady Macbeth von Mzensk» 1934 verriss, hiess es unter anderem, dass es in dem Stück bloss um wilde Zuckungen gehe. So etwas dürfe die Gesellschaft nicht zulassen. Auch nach den Auftritten von Elvis Presley kritisierten die amerikanischen Konservativen und die sowjetischen Autokraten unisono, solche anstössigen Beckenbewegungen führten das Ende der Zivilisation herbei. Diese Fantasien, die sich um psychisch bedrohliche Szenarien drehen, erleben nun eine Renaissance bei den arabischen Fundamentalisten.

Leben die denn wirklich die Askese, die sie von anderen verlangen?
Es wird ein streng reglementiertes, moralisches Leben gepredigt und postuliert; bei den Anhängern hingegen lässt man jede Form von Ausschweifung zu, bei der alle schmutzigen Fantasien ausgelebt werden können bis hin zur Vergewaltigung von Frauen. So funktioniert, wie Adorno erkannt hat, jeder Faschismus oder Totalitarismus: Das nach aussen hin strenge und starre Regime besticht die eigenen Leute mit der Verlockung, allen möglichen Lüsten nachzugehen. Während die offizielle Ideologie des Islamischen Staates über die westliche Freizügigkeit schäumt, gehören zur alltäglichen Praxis seiner Gangs komplett karnevaleske Orgien voller Gruppenvergewaltigungen, Folter, Mord und Ausplünderung der «Ungläubigen».

Auch in weniger totalitären Organisationen lassen sich Ansätze einer solchen Paradoxie beobachten.
Ja, etwa in der Armee. Obwohl sie eine männerliebende Organisation ist, gibt sie sich als extrem homophob. Wenn ein Schwuler zwangsgeoutet wurde in der Armee Jugoslawiens, wurde er entweder ignoriert oder verprügelt, und das, obwohl oder gerade weil das militärische Leben von homosexuellen Fantasien und Assoziationen durchdrungen ist. Diese Ambiguität, diese zweideutige Haltung prägt viele Institutionen und Gesellschaften: Verbannung und Verdrängung der Homosexuellen einerseits, Dominanz von schwulen Anspielungen im Alltagsleben andererseits.

Aber wieso greifen Islamisten dann den Westen an?
Der Islamist ist innerlich tief gespalten. Es geht ihm um die Abspaltung und Übertragung dessen, was er will, auf den Fremden, den er mit dem Tod bestrafen will dafür. Er projiziert den schrankenlosen Konsumgenuss auf den Westen. Aber wir sind in Wirklichkeit gar keine hemmungslosen Konsumknechte; wir hegen den Genuss rigide ein: Kaffee ohne Koffein, Trinken in Massen usw. Absoluten Hedonismus gibt es bei uns nicht. Diesen bilden sich die Islamisten, die gegen jeden Hedonismus ins Feld ziehen, bloss ein.

Haben Sie ein Beispiel für diese These?
Als die Taliban in Afghanistan an der Macht waren, erliessen sie sehr abwegige Gesetze. Zum Beispiel war es Frauen verboten, Metallabsätze an ihren Schuhen zu tragen. Für die Taliban war es wohl so: Wenn eine Frau vollkommen verhüllt ist, wird selbst der Klang dieser Absätze zu einer erotischen Provokation. Dies allein würde die Männer zu stark erregen. Sie sind also vom sündigen Leben der Ungläubigen zutiefst umgetrieben, fasziniert, bezaubert. Man spürt, wie sie mit den sündigen anderen ihre eigene Versuchung bekämpfen.

Es handelt sich also um eine höchst erotisierte Gesellschaft.
Das Bedürfnis, Frauen verschleiert zu halten, spricht für eine extrem sexualisierte Welt, in der das blosse Zusammentreffen mit einer Frau eine Provokation bedeutet, der ein Mann unmöglich widerstehen kann. Diese Abhängigkeit vom Weiblichen ist die verdrängte Grundlage des Islam, sein Ungedachtes, das, was er auszuschliessen, aus­zulöschen oder doch wenigstens mit Hilfe seines komplexen ideologischen Gebäudes zu kontrollieren versucht – was ihn aber hartnäckig heimsucht, weil es eben gerade die Quelle seiner Vitalität darstellt.

Braucht die muslimische Welt eine Revolution, um weiter zu kommen?
Sie braucht keine Revolution, aber eine säkulare Linke. Es muss eine Bewegung sein, die sich nicht religiös legitimieren muss. Steht der Aufstieg des radikalen Islamismus nicht in genauer Wechselwirkung mit dem Verschwinden der säkularen Linken in den muslimischen Ländern?

Und was soll der Westen machen?
Die Frage muss lauten: Was soll der Westen nicht machen? Es ist eine tragische Ironie, dass jede amerikanische Intervention die Dinge noch schlimmer macht als sie waren, und das selbst aus amerikanischer Perspektive. Was ist das Resultat der Intervention im Irak? Die stärkste politische Kraft sind die pro-iranischen Schiiten. Auch Libyen existiert nicht mehr als Staat, die stärkste Macht stellen dort die radikalen Islamisten. Darum ist die Frage ernst gemeint: Der Westen muss sich überlegen, was er besser nicht tun sollte, und deshalb habe ich bei aller Enttäuschung immer noch eine gewisse Bewunderung für Barack Obama. Er hat nicht nur einige gute Dinge gemacht, sondern auch einige schlechte nicht gemacht. Die westlichen Interventionen haben den Fundamentalismus in den muslimischen Ländern bloss gestärkt. Auch die IS-Provokationen mit den öffentlichen Enthauptungen haben zum Ziel, eine Intervention des Westens zu erzwingen – das würde zu Krieg führen und die Islamisten erneut stärken.

Welche konkreten Fehler hat der Westen gemacht?
Es war idiotisch, dass die Amerikaner nach dem Sturz von Saddam die irakische Armee total aufgelöst haben. Damit haben sie direkt den Raum für die Fundamentalisten geöffnet. Oder nehmen wir die Sowjetunion: Die wirkliche Katastrophe waren die 90er-Jahre, als die westlichen Staaten Jelzin und seine ­korrupten Leute gedemütigt haben. Berater aus dem Westen haben die Chance ergriffen, um Russland zu schwächen: Sie haben wirtschaftlich verheerend falsche Ratschläge gegeben, die zum Niedergang Russlands geführt haben. Damals ist auch der Wunsch nach einer Figur wie Putin entstanden, und in ­gewisser Weise kann ich Putin auch verstehen. Heute haben wir es gleich mit mehreren Machtzentren zu tun. Sie alle probieren auf ihre Weise aus, wie weit sie gehen können. Das ist sehr gefährlich, und wir befinden uns heute in einer ähnlichen Situation, wie ein Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg. Die Regeln sind nicht mehr klar, und ein neuer Weltkrieg ist nicht ausgeschlossen. Auch vor dem Ersten Weltkrieg glaubte niemand daran, dass es wirklich zum Krieg kommen würde.

Sind terroristische Anschläge nicht naheliegender als ein Weltkrieg?
Im Vergleich mit einem drohenden Krieg ist dies nicht das Hauptproblem, genauso wenig wie die viel beschworene Islamisierung des Westens eine seriöse Gefahr ist. Vielleicht werden Anschläge wie jene in Paris und Kopenhagen dazu führen, dass Europa kräftiger wird – im Sinne einer Gegenmobilisierung. Als eurozentrischer Linker bin ich fest davon überzeugt, dass wir Europa mehr denn je brauchen. Die europäische Leitkultur geht auf den Universalismus der Aufklärung zurück, die mit einem allgemeinen Relativismus nicht zu vereinen ist. Wir haben das Recht, Grenzen zu setzen und mit aller Härte gegen Islamisten vorzugehen. Respekt gegenüber dem Islam heisst auch aufzuzeigen, wo dessen Grenzen liegen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.03.2015, 07:08 Uhr)

Slavoj Žižek

Philosoph und Psychotheoretiker

Slavoj Žižek ist ein Unikum. Er reist von einem Ende der Welt zum anderen, lehrt, hält Vorträge und publiziert ununterbrochen Zeitungsartikel, Essays und Bücher. Wo immer der 65-Jährige auftritt, zieht er vor allem jüngere Zuhörerinnen und Zuhörer in Massen an. Seine unkonventionelle Art des Sprechens und sein schnelles, dialektisches Denken, das immer wieder unverhoffte Wendungen nimmt, zeichnen ihn aus. Unterhält man sich mit einem Philosophen wie Slavoj Žižek, sieht man buchstäblich, wie sich die Gedanken formen. Nach seinem 1500 Seiten schweren Buch über Hegel legt er nun beim Ullstein-Verlag die 60-Seiten-Schrift «Blasphemische Gedanken. Islam und Moderne» vor. Der linke Theoretiker, der sich häufig auf Jacques Lacan bezieht, wohnt in seiner Heimatstadt Ljubljana. (kal)

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