Kultur

Eine Ausstellung über den Kriegspapst Pius XII. provoziert die Juden

Von Michael Meier. Aktualisiert am 03.02.2009 3 Kommentare

Als wäre das Verhältnis des Vatikans zu den Juden nicht schon getrübt genug: Eine Ausstellung soll Pius XII. vom Vorwurf lossprechen, er habe zum Holocaust geschwiegen.

Pius XII. hielt nichts von Hitler; aber er hat sich nie explizit zum Holocaust geäussert.

Pius XII. hielt nichts von Hitler; aber er hat sich nie explizit zum Holocaust geäussert.
Bild: Keystone

Die Wogen um die päpstliche Begnadigung von vier Traditionalistenbischöfen, darunter ein Holocaust-Leugner, sind noch keineswegs geglättet. Und schon provoziert Papst Benedikt die Juden abermals. Mit einer Ausstellung über Papst Pius XII., der nicht nur für die Juden eine der umstrittensten Gestalten der Zeitgeschichte ist. Die Papstausstellung, ausgerichtet vom päpstlichen Komitee für Geschichtswissenschaften und im neuen Flügel des Schlosses Charlottenburg zu sehen, will «das unverzerrte Bild des Papstes» mit bürgerlichem Namen Eugenio Pacelli (1876 bis 1958) zeigen.

In Berlin und München amtierte Pacelli von 1917 bis 1929 als päpstlicher Nuntius in Deutschland, ehe er nach Rom zurückkehrte und 1939 Papst wurde. Mit Fotos, Dokumenten und Exponaten zeichnet die Ausstellung Pacellis ganze Vita nach, wie dem reichhaltigen Katalog zu entnehmen ist. Neben pompösen Messgewändern ist zum ersten Mal die Tiara, die dreifache päpstliche Krone, nördlich der Alpen zu sehen. Des weitern auch der Füllfederhalter, mit dem er 1950 das unfehlbare Dogma der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel unterzeichnet hatte.

Den Höhepunkt und Knalleffekt gibt es erst im letzten Ausstellungsraum. An einer Hörstation, bei einer vor einem Mikrofon platzierten Bronzebüste des Papstes, heisst es: «Hier hören Sie das Schweigen des Papstes.» Mit metallener Stimme beklagt Pius XII. in seiner Weihnachtsansprache von 1942 das Schicksal von «Hunderttausenden, die persönlich schuldlos bisweilen nur um ihrer Volkszugehörigkeit oder Abstammung willen dem Tode geweiht oder fortschreitender Verelendung preisgegeben sind». In einem zweiten Tondokument äussert sich der Papst am 2. Juni 1943 mit ähnlichen Worten vor seinen Kardinälen.

Vor allem diese beiden Tondokumente sollen mit der «Schwarzen Legende» aufräumen, Pius XII. habe zum Holocaust geschwiegen. Doch die gerade mal zwei Äusserungen in sechs Kriegsjahren, bei denen Pius zudem die Worte «Holocaust» oder «Juden» nicht über die Lippen gebracht hat, vermögen kaum zu überzeugen. Der britische Gesandte beim Heiligen Stuhl meinte schon damals zur Radioansprache des Papstes: «Die Rede könnte ebenso gut das Bombardement deutscher Städte gemeint haben.»

Seit Rolf Hochhuths christlichem Trauerspiel «Der Stellvertreter» (1963) ist die Kontroverse um den schweigenden Papst nie mehr abgebrochen. Publizist und Produzent Ingo Langner hatte Hochhuth schon vor der Eröffnung zu einem Rundgang durch die Ausstellung im Schloss Charlottenburg eingeladen und sich im Streit von ihm getrennt. «Ihr Stück ist seit langem widerlegt. Sie sind ein Mann von gestern und kein Diskussionspartner», schimpfte Langner und liess Hochhuth stehen.

Hitler salonfähig gemacht

Auch im deutschen Feuilleton gehen die Wogen zum Pius-Papst hin und her. Man wirft ihm vor, 1933 mit dem Reichskonkordat mit Hitler diesen international salonfähig gemacht und den Oppositionswillen des deutschen Klerus geschwächt zu haben. Pius hatte die deutschen Bischöfe auch nie ermahnt, dem Nazi-Regime mit Hirtenworten aktiv zu widerstehen.

Gemäss Ausstellung und Katalog jedoch hatte Pius öffentlichen Protest gegen Hitler für aussichtslos gehalten. Stattdessen habe er nach der Maxime «Retten statt Reden» tatkräftig gehandelt. So bot er während der deutschen Besetzung von Rom im Herbst 1943 Antifaschisten und Juden Zuflucht in Klöstern an. Der jüdische Religionswissenschaftler Pinchas Lapide schätzte, dass der Papst von den 9600 Juden, die damals in Rom lebten, 8500 vor dem Zugriff der Gestapo gerettet hatte. Die Ausstellung präsentiert auch die bekannten positiven Zeugnisse von prominenten Zeitzeugen, etwa von Golda Meir, Israels Aussenministerin, die 1958 zum Tod von Pius XII. schrieb: «Als für unser Volk im Jahrzehnt des Nazi-Terrors das furchtbare Martyrium anbrach, erhob der Papst seine Stimme zur Verurteilung der Verfolgten.»

Unbestritten ist, dass Pius nichts von Hitler hielt, ihn sogar vom Teufel besessen hielt. So sprach er über Hitler zweimal einen Exorzismus von Rom aus. Alles in allem aber zeichnen Ausstellung und Katalog ein makelloses Bild des Pontifex und spart alles aus, was Schatten auf ihn wirft. Etwa das Faktum, dass Vatikanstellen in seiner Amtszeit nach 1945 Nazis halfen, über die «Rattenlinie» nach Südamerika zu flüchten. Unerwähnt bleibt, dass Pius XII. auch nach dem Zweiten Weltkrieg nie explizit zum Holocaust Stellung bezog.

Walter Brandmüller, Präsident des päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften, verhehlt nicht, dass er die Ausstellung, die 2008 in Rom zu sehen war, auf Wunsch von Papst Benedikt XVI. organisiert hat. Auch in Deutschland soll Pius XII. in ein möglichst günstiges Licht gerückt werden. Denn seine Seligsprechung durch Benedikt ist nur eine Frage der Zeit: Das Dekret dazu liegt bereits auf seinem Schreibtisch. All den jahrzehntelangen jüdischen Protesten zum Trotz. Und auch dem Umstand zum Trotz, dass die vatikanischen Archive zur Amtszeit Pius XII. frühestens im Jahr 2014 geöffnet werden.

Ausstellung im Berliner Schloss Charlottenburg bis 7. März 2009; vom 17. 3. bis 3. 5. in München. www.spsg.de

Katalog bei Schnell und Steiner. 232 S., ca. 35 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.02.2009, 20:13 Uhr

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3 Kommentare

Stefan Studer

03.02.2009, 22:11 Uhr
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Die Formulierung "... provoziert die Juden" im Titel des Artikels und im Text selbst ist äusserst peinlich für den Autor. Solche Formulierung sind unangebracht und genauso falsch, wie wenn man von "den Moslems" oder "den Christen" schreiben würde. Wer fühlt sich hier provoziert? Guten Journalismus wünsche ich mir etwas genauer und differenzierter. Der Artikel ist dabei durchaus sehr interessant. Antworten


Rolf Auf der Maur

04.02.2009, 16:10 Uhr
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Nachtrag zu meinem Posting von vorher. Das Zitat "Joker-Gott" stammt von Angelika Schrobsdorff, anlässlich eines Gesprächs mit Roger de Weck auf SF 1 vom 02.2009, in der Sternstunde Philosophie. Sehr empfehlenswert, könnte mancher Intrigant eine Scheibe davon abschneiden.In Sachen >>Antisemitismus...< Antworten



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