Einer gegen alle
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 29.11.2010 45 Kommentare
Die wichtigsten Wikileaks-Fälle
Seit seiner Gründung 2006 ist Wikileaks für spektakuläre Enthüllungen gut. Täglich erreichen 30 neue Fälle Wikileaks. Eine Auswahl der brisantesten:
- US-Militärakten zum Irak: Fast 400'000 geheime Dokumente über Gräueltaten werfen ein grelles Licht auf den Krieg im Irak. Die Akten zeugen nicht nur von Folter und Tod in irakischen Gefängnissen. Sie beweisen auch, dass die USA und ihre Verbündeten bewusst weggeschaut haben. Die USA reagieren empört, die Veröffentlichung im Oktober 2010 gefährde das Leben ihrer Soldaten.
- Afghan War Diary: Nahezu 92'000 US-Militärdokumente über den Afghanistan-Krieg enthalten Details über den internationalen Einsatz. «Spiegel Online» schreibt, die im Juli ins Netz gestellten Dokumente zeigten «ein ungefiltertes Bild des Krieges».
- Video der US-Streitkräfte zu einem Luftangriff im Irak: Dieser im April veröffentlichte Film mit Aufnahmen einer Bordkamera wird beim Videoportal Youtube millionenfach abgerufen. Zahlreiche Medien berichten, der Film dokumentiere einen Angriff auf Journalisten und andere Zivilisten.
- Militärhandbuch für Guantánamo: Das Handbuch «Camp Delta Standard Operating Procedures» enthält Bestimmungen der US- Streitkräfte zum Umgang mit Gefangenen dieses Lagers. Daraus veröffentlicht das US-Magazin «Wired» im November 2007 unter anderem einen Lageplan.
- Dokumente der Schweizer Julius Bär Bank & Trust Co: Die Papiere enthalten Daten von Bankkunden und Transaktionen auf die zu Grossbritannien gehörenden Caiman-Inseln, die als Steueroase gelten. Aufsehen erregen weniger die Dokumente an sich als vielmehr der vergebliche Versuch des Schweizer Instituts, im Februar 2008 gerichtlich gegen Wikileaks vorzugehen.
- Auszüge aus Verträgen zwischen der deutschen Regierung und dem Lastwagen-Maut-Betreiber Toll Collect.
- Auszüge aus Sarah Palins E-Mail-Konten, die Hacker Wikileaks zukommen liessen. Demnach hat die Gouverneurin von Alaska private Mail-Accounts für Regierungsgeschäfte genutzt - die entgegen den offiziellen Mail-Accounts nicht der Archivierungspflicht unterliegen. (sda)
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Die Luft wird dünn für Julian Assange. Nachdem der Australier am Sonntag mehr als 250'000 Dokumente von US-Diplomaten in aller Welt veröffentlichte, hat Australien der US-Regierung Unterstützung bei einer Strafverfolgung des Wikileaks-Gründers zugesichert. Auch in Schweden, wo sich die wichtigsten Server von Wikileaks befinden, ist er ein gesuchter Mann – wegen sexueller Belästigung und Nötigung.
Assange soll vergangene Woche in London gesehen worden sein. Sein derzeitiger Aufenthaltsort ist nicht bekannt. Zuletzt erwog er, sich in der Schweiz niederzulassen und dort politisches Asyl zu beantragen. Die Schweiz sei neben Island das einzige westliche Land, in dem sich Wikileaks sicher fühle, sagte er Anfang November im Schweizer Fernsehen.
Unterschiedliche Wahrnehmung
Schon bevor er gesucht wurde, führte Assange ein Nomadenleben, reiste von Land zu Land, wobei er bei Freunden oder Freunden von Freunden wohnte. Auf die Frage, wo sich sein Wohnsitz befinde, antwortete er jeweils: «In den Flughäfen dieser Welt.» Denn Assange, glaubt man seinen Worten, lebt gefährlich. Als Gründer eines öffentlichen Nachrichtendienstes habe er mächtige Feinde. Möglich machen die vielen Reisen die Spenden von Wikileaks-Freunden. Das genaue Finanzierungsmodell von Wikileaks ist allerdings genauso nebulös wie die Organisation. Offenbar arbeiten drei bis vier Leute Vollzeit für Assange, hunderte Freiwillige kümmern sich derweil um die Infrastruktur der Site.
Doch nicht das «Wie?» und das «Wo?» sind die interessanten Fragen bei Assange, sondern das «Warum?». In Europa gilt er als Mensch mit hohen Idealen, der sich im Dienst der Wahrheit mutig mit der mächtigen US-Militärmacht anlegt. In US-Zeitungen wird er hingegen mit Aufschneidereien, Halbwahrheiten und Manipulationen verbunden.
Wer Julian Assange verstehen möchte, tut gut daran, seine Biografie zu studieren. Geboren im Jahr 1971 in Australien, durfte er keine Schule besuchen – zumindest nicht regelmässig. Seine Mutter wechselte aus Angst, in bürgerliche Strukturen zu verfallen, in Julians ersten 14 Lebensjahren 37 Mal den Wohnort. Auch weil der Vater von Julians Halbbruder, ein militantes Sektenmitglied, offenbar hinter ihr her war.
Kommunikationsfluss der Verschwörer
Mit 16 bekam Julian sein erstes Modem, wenig später war er ein geübter Hacker. Mit 18 schwängerte er seine Freundin. Immer noch verbrachte er sein Leben mit Hacken, wobei er nach der Devise «einbrechen, aber nichts zerstören» vorging. Dann folgte der grosse Zusammenbruch. Seine Freundin verliess ihn mit dem gemeinsamen Kind, gleichzeitig wurde er wegen 32 Hacker-Straftaten vor Gericht gezerrt. Assange kam auf Bewährung frei – strebte aber einen jahrelangen Sorgerechtsstreit gegen seine Freundin an. Damals habe er erfahren, wie «Bürokratie einen Menschen zermalmen kann», erklärte er gegenüber dem «New Yorker».
Seither, berichten Bekannte, geht es Assange nicht um «rechts gegen links» oder «Glaube gegen Vernunft». Sondern um den Kampf zwischen Individuum und Institution. Er selbst beschreibt es so: «Handelt eine Regierung unrechtmässig, macht sie sich der Verschwörung gegenüber dem Volk schuldig. Um eine Verschwörung zu bekämpfen, muss man den Kommunikationsfluss der Verschwörer zum Erliegen bringen. Das gelingt, indem man Informationslecks publik macht.»
Apostel der Wahrheit?
Ein anderer Grund, weshalb Assange Wikileaks gestartet hat, ist sein Misstrauen in den Journalismus. «Wikileaks ist nicht der Presse zugehörig», betont er gerne. Assange versteht sich vielmehr als Anwalt von Quellen – damit solche nicht mehr von Journalisten abhängig sind, die mit den Informationen unter Umständen eine eigene Agenda verfolgen. «Wissenschaftlicher Journalismus» nennt Assange das: keine Gerüchte, nur Originaldokumente.
Da ist sie wieder, die Frage nach Assanges Wirken: Apostel der Wahrheit? Oder eine Gefahr für demokratische Gesellschaften, weil er im Alleingang, ohne Möglichkeit der Gegendarstellung, darüber entscheidet, welche Informationen er als nächstes um den Globus jagt? Sicher ist: Die von Assange so verabscheute Kombination – Macht ohne Verantwortlichkeit – zeichnet auch ihn aus. Und ganz sieht es danach aus, dass sie ihm gerade zum Verhängnis wird. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 29.11.2010, 14:40 Uhr
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45 Kommentare
Einer gegen alle ist ein verfehlter Titel, richtiger ist: Fast alle gegen Einen! Vielen Dank für Ihren Mut, Herr Assange! Sie können wahrscheinlich 90% der rechtschaffenen Menschen hinter sich wissen, egal was die Medien und die Geheimdienste dazu sagen!!! Antworten
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