Emma Watson rettet auch Sie!

Güzin Kar beschäftigt sich mit dem Feminismus sehr prominenter Leute.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Letzten Monat trat Beyoncé Knowles an den MTV Video Music Awards vor einem überdimensionalen «Feminist»-Schriftzug auf und zitierte die Definition einer Feministin gemäss der nigerianisch-amerikanischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie: «Person, die an die politische, soziale und wirtschaftliche Gleichheit der Geschlechter glaubt.» Es war ein starker Moment.

Während Beyoncés seit Jahren andauerndes feministisches Engagement in den USA heiss diskutiert wird, bleibt es bei uns marginal beachtet. Im Gegensatz dazu macht Emma Watsons feministische Rede als UNO-Sonderbotschafterin derzeit die Runde und sorgt weltweit für feuchte Augen und beseelte Blicke, sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Watsons Auftritt war charmant, ihre Schüchternheit hochprofessionell inszeniert, man schloss sie ins Herz, auch wenn man den Inhalt der Kampagne, für die sie warb, nicht gutheissen kann, ganz einfach, weil diese keinen Inhalt hat. Sie wolle die Männer einladen, die Gleichstellung der Geschlechter zu unterstützen, sagte sie. Was genau diese Gleichstellung beinhalten soll, und weshalb Männer eine Einladung von Frauen brauchen, blieb im Dunkeln.

Den Hund gepostet

Auf der offiziellen Site der Kampagne können alle Männer, die dem Aufruf folgen wollen, auf einen Button klicken und ein Bild von sich hochladen. Davon haben etliche Gebrauch gemacht. Einer hat ein Bild von seinem Hund gepostet. Unter den Sponsoren findet sich unter anderen das britische Finanzunternehmen Barclays. Dort seien von vierzehn Vorstandsvorsitzenden drei weiblich, lese ich. Ein Ja zur Gleichstellung der Geschlechter schliesst offenbar keinerlei Handlungen mit ein.

Hier wird ein Feminismus gefeiert, der keinem wehtut, weil er nichts will. Das Mitmachen kostet nichts, was man nicht eh schon den ganzen Tag auf Facebook täte: für oder gegen etwas sein und ein Bild von sich posten. Lea Beiermann verglich in der FAZ Watsons Auftritt gar mit den im Netz beliebten pseudofeministischen Werbekampagnen von Always und Dove, die Frauen zu mehr Selbstbewusstsein animieren wollen, indem sie ihnen beispielsweise vorführen, dass Schönheit eine relative Grösse sei. Schlager fürs postfeministische Gemüt?

Koloniale Denkmuster

Man könnte die Sache gelassen zur Seite schieben, gäbe es nicht etwas, das irritiert: dass sich weisse, europäische Feministinnen der Mittelschicht nicht mit dem Kampf einer Schwarzen, einer Ausländerin oder einer Prostituierten solidarisieren, weil sie wissen, dass sie ihre eigenen Privilegien hinterfragen müssten. So wenden sie jene Methoden an, die sie einst bekämpften. Während man die eigene Gruppe zelebriert, schliesst man alle anderen aus oder gibt sie der Lächerlichkeit preis.

«Wie feministisch ist Beyoncé Knowles?», twitterte die Zeitschrift «Emma» umgehend, wohingegen der anderen Emma, der Watson, eine «bewegende feministische Rede» attestiert wurde. So gesehen, ist der weisse Feminismus in einem Punkt tatsächlich dort angelangt, wo er immer hinwollte: bei der Gleichstellung, zumindest was die alten kolonialen Denkmuster der Patriarchen anbelangt.

Wussten Sie übrigens, dass Jay-Z, Beyoncés Ehemann, sich seit Jahren für die Homoehe einsetzt? Wir sollten aber mit Applaus warten, bis Daniel Radcliffe oder Robert Pattinson uns Heteros einladen, Schwule und Lesben als Menschen zu betrachten und hierzu einen Button zu drücken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.09.2014, 17:09 Uhr

Artikel zum Thema

Politporno am Büffet

Güzin Kar nervt es, ständig nach ihrer Gesinnung gefragt zu werden. Mehr...

Eltern und andere Schwule

Güzin Kar macht sich Gedanken zur Familienplanung. Mehr...

Digitale Idioten

Güzin Kar empfindet tiefstes Mitgefühl für einen jungen Sportler. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Blogs

Blog Mag Preise und Werte

Mamablog Rentenalter 57, nur für Frauen

Abo

Digitale Abos - Neu ab 18.- pro Monat

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Jetzt neu ab 18.- CHF pro Monat.

Die Welt in Bildern

Hast du mal Feuer: Forrest Scott schaut auf die Buschfeuer rund um sein Haus bei Santa Margarita in Kalifornien (26. Juni 2017).
(Bild: Joe Johnston/The Tribune) Mehr...