Englisch, Englisch, Englisch!

Beim Fremdsprachenlernen ist eines sicher: Ohne kommt man heute eh nicht mehr weit.

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Als Goethe auf seiner italienischen Reise in Torbole am Gardasee Station machte, fragte er den Hausknecht nach «einer ­gewissen Gelegenheit». Auf gut Deutsch: Er musste aufs WC. «Qui adesso può ­servirsi», sagte der Hausknecht – so ­notierte es Goethe – und deutete in den Hof hinunter. Goethe darauf: «Dove?» Die Antwort: «Da per tutto, dove vuol.» Überall also könne er sich erleichtern.

Heute weisen Piktogramme auch dem Fremdesten, Sprachunkundigsten überall auf der Welt den Weg zur Toilette (und ins richtige Häuschen), aber für weitergehende Bedürfnisse braucht man bald die Landessprache. «Der ­Deutsche soll alle Sprachen lernen, ­damit ihm zu Hause kein Fremder un­bequem, er aber in der Fremde überall zuhause sei», sagt Goethe in seinen ­«Maximen und Reflexionen». Ein Maximal­programm, dem nicht einmal er selbst gerecht wurde.

Immerhin konnte er sehr gut Italienisch und Französisch, etwas weniger gut Englisch, dazu klassisches Latein und Griechisch, sogar ein wenig ­Hebräisch. Er hat leicht gelernt, «ohne Pedanterie, nur aus dem Gebrauch, ohne Regel und Begriff», wie er sich erinnert. Nun, er war schliesslich Goethe und sass auch nicht mit dreissig Mitschülern in einer Klasse. Sein Fremdsprachenprogramm kann kein Vorbild für eine globalisierte Nation wie die Schweiz sein, die Begründung allerdings schon: in der Fremde sich zu Hause fühlen, zu Hause den Fremden entgegenkommen.

Latein? Oder doch Chinesisch?

Wenn es nur so einfach wäre! Eine fremde Sprache lernt sich nicht wie ein Kartenspiel, eher wie ein Musik­instrument, also durch ausdauerndes, ge­duldiges, diszipliniertes Üben. Auch der Klügste muss pauken. Und allzu selten kann er das unter idealen Bedin­gungen, die wären: dort, wo man die Sprache spricht. Der Normalfall des Fremdsprachenerwerbs ist die Schule. Dort hat man einerseits viel Zeit – nämlich mindestens die neun Jahre der obli­gatorischen Schulzeit; anderseits ­verdammt wenig – nämlich nur einige Wochenstunden.

Trotzdem: In der Zeit sollte sich ­einiges bewerkstelligen lassen. Man muss sich allerdings entscheiden. Wie viele Sprachen, welche Sprachen, in welcher Reihenfolge, wie früh und wie lange? Darüber herrscht Verwirrung, Ver­unsicherung und Streit. Verun­sichert sind vor allem die Eltern, die ja stets das Beste für ihre Kinder wollen. Aber was ist das Beste? Englisch, weil das die ­Weltsprache ist? Französisch, die andere grosse Landessprache? Latein als Bildungsfundament? Oder doch Chi­nesisch, weil das die Zukunft ist und ­etwas, durch das man sich von der ­Konkurrenz abheben kann?

Der aktuelle Konflikt ist aus einer ­richtigen Entscheidung der höchsten ­Bildungspolitiker entstanden. 2000 beschlossen diese, früher mit dem Sprachenlernen zu beginnen. Seither werden schon in der Primarschule zwei Fremdsprachen unterrichtet, die erste in der dritten, die zweite in der fünften Klasse.

Gegen zwei Fremdsprachen in der Primarschule sind fünf Volksinitiativen hängig, frühere Initiativen sind allerdings alle gescheitert. Zündstoff liegt auch in der Sprachenfolge. Die roma­nischen Kantone beginnen mit Deutsch; in den deutschsprachigen Kantonen ist aber ein anglofranzösischer Graben ­aufgebrochen, nennen wir ihn den Froschschenkelgraben. Im Westen wird zuerst Französisch, in Zürich und der Ostschweiz Englisch gelernt. Letzteres zum grossen Ärger der Romands, die es sowieso fuchst, wenn sie mit ihrem mühevoll erworbenen Schulhochdeutsch nach Zürich oder Basel kommen und dort, mit der Mundart konfrontiert, nicht einmal Bahnhof verstehen.

Ja, die Mundart: Die verkompliziert die Situation noch, denn für das Schweizer Kind fällt die erste Fremdsprache nicht in der dritten, sondern in der ersten Klasse an: Hochdeutsch. Ein Handicap, das sich zum Vorteil wenden kann: Denn die Begegnung mit fremden ­Wörtern, Regeln und Strukturen hat das Kind schon einmal erlebt. Mehrsprachigkeit im Deutschen, das Nebeneinander zwischen heimeliger Mundart und komplexer Schriftsprache, wird es das ganze Leben begleiten; der Französisch- oder Englischunterricht kann da an­docken. «Der Mensch ist das Wesen, das mehrere Sprachen lernt», hat der grosse Sprachwissenschaftler Mario Wandruszka definiert. Er fasst den ­Begriff «Sprache» weit, für ihn wechseln wir ständig – in Fachsprachen, in den Slang, in ein Familienidiom voller ­Anspielungen und vieles mehr.

Der junge Schweizer hat es mit seiner Zweispurigkeit des Deutschen also schwerer und leichter zugleich als ein Schüler «einsprachiger» Länder. Lernt er Englisch oder Französisch, so nicht von der Mundart aus, sondern vom Hochdeutschen, mit dem er vielleicht noch seine liebe Mühe hat (was verstärkt für Migrantenkinder gilt). Er muss die Kräfte einteilen, sich konzentrieren.

Anderseits: weniger als zwei – echte – Fremdsprachen dürfen es nicht sein. Die eine wegen der Internationalität, die andere wegen des eigenen Landes. Die Schweiz hat keine Zukunft ohne eine qualifizierte Bevölkerung, die ­mühelos die Weltsprache unserer Zeit beherrscht – die Sprache der digitalen Welt, der besten TV-Serien, der Technik, der internationalen Politik, der Wissenschaft (inzwischen sogar Teile der Sozial- und Geisteswissenschaften).

Schlüssel für andere Länder

Und damit beantwortet sich für mich die Frage der Sprachenfolge mit einem Dreiklang, ähnlich dem, den die Makler beim Häuserkauf anstimmen. Drei Dinge sind entscheidend, sagen sie: Lage, Lage, Lage. Also Englisch, Englisch, ­Englisch! So früh wie möglich, so lange wie möglich, so intensiv wie möglich, damit das Ergebnis so gut wie ­möglich ausfällt. Am besten die gesamte Schulzeit hindurch, in den höheren Klassen mit dem Einsatz von «native speakers», mit Austauschprogrammen, mit Englischunterricht auch in anderen Fächern.

Ziel muss das sein, was man in Stellenanzeigen mit «Verhandlungssicherheit» bezeichnet. Wer sich in der Ge­neration, die heute und in den nächsten Jahren ins Berufsleben einsteigt, im ­Englischen unsicher ist oder unwohlfühlt, wird wie behindert sein (und so behandelt werden). Andersherum ausgedrückt: Das Englische muss für jeden mit dem mindesten beruflichen und gesellschaftlichen Ehrgeiz eine Kulturtechnik sein wie Lesen, Schreiben, Rechnen.

Zum Nachteil des Französischen? Für viele, die nicht zwei Fremdsprachen bis zur Perfektion treiben können, schon. Aber machen wir uns nichts vor: Es ist längst so, dass sich viele Welsche und Deutschschweizer leichter mit­einander tun, wenn sie sich auf Englisch unterhalten können. Und ist das ­wirklich schlimm?

Englisch top, Französisch so gut wie möglich: Das ist das Minimum, und wenn es gelingt, ein schönes Ergebnis. Auf der Sekundarstufe, im Gymnasium ist natürlich mehr drin. Es ist der Platz für Lust und Luxus. Das kann also Ita­lienisch sein, die dritte Landessprache, oder Spanisch, beide für Französisch­erfahrene leicht zugänglich. Es kann Russisch sein, nicht nur zum Putin­verstehen, sondern auch wegen Puschkin und Achmatowa. Warum nicht Arabisch oder Chinesisch? Kommt man bei diesen exotischeren Sprachen nicht wirklich weit, so kann man doch in Geist und Kultur dieser Länder oder Sprachräume eindringen.

Hier wäre auch der angemessene Platz für Latein: in einem zweijährigen Kurs, der nicht vorwiegend Deklina­tionen paukt, sondern die römische ­Zivilisation vermittelt. Dass Latein die Grundlage aller modernen Sprachen sei, ist nur historisch richtig, sprachpädagogisch aber ein zeitraubender Umweg. Umgekehrt funktioniert es ­besser: Wer gut Französisch kann, dem erschliesst sich auch ein lateinischer Text leichter als pubertierenden ­Zwölfjährigen.

«Carpe diem», sagen die um die Zukunft ihrer Kinder besorgten Eltern und wählen Sprachen nach Nützlichkeits­erwägungen. Schon recht. Aber ohne Freude an der Sache ist alles nichts. Und welche Freude kann die Entdeckung und Eroberung eines fremden Universums machen! Wer eine Sprache lernt, setzt Verstand und Herz, Ohren und Mund ein, mobilisiert alle intellek­tuellen, sinnlichen und emotionalen ­Fähigkeiten – und befriedigt sie im ­besten Fall auch.

Diesem besten Fall muss sich der Sprachunterricht anzunähern suchen. Mit tollen Texten (die gibt es, gerade in der modernen Literatur) und gespielten Alltagsszenen, mit dem Einsatz modernster Medien und lebendiger Muttersprachler. Auch mit vergleichenden und historischen Ansätzen: Manchmal hilft es, gerade auf den Unterschieden zur ­Muttersprache zu insistieren («snake» ist Schlange, «snail» ist Schnecke), manchmal das Wissen, wie sich ein Wort entwickelt hat, um es sich einzuprägen.

Vor allem kann guter Sprachunterricht vermitteln, dass mit neuen Wörtern, Klängen und Formen auch ein anderer Geist in das eigene Hirn einzieht. Dass dieses reicher wird. Dass in diesem Hirn ein paar Schlüssel zu neuen Welten Platz haben, die nicht nur nützlich sind, sondern auch faszinierend, schön an­zusehen, wohlklingend. Dass es schliesslich einfach mehr Spass macht, nach dem Klo zu fragen, wenn man es kann, als stumm und blöd den Piktogrammen zu folgen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 01.12.2014, 11:33 Uhr)

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