Er war Netzwerker vor dem Internet

Heute ist Conrad Gessners 500. Geburtstag. Schon erstaunlich, wie viel Zürichs Universalgenie trotz aller Beschränkungen von der Welt wusste.

Links: Papagei aus Gessners Sammlung, Zeichner unbekannt. Foto: Universitätsbibliothek Basel<br />Rechts: Die Taglilie aus Gessners «Historia plantarum». Foto: Unibibliothek Erlangen-Nürnberg

Links: Papagei aus Gessners Sammlung, Zeichner unbekannt. Foto: Universitätsbibliothek Basel
Rechts: Die Taglilie aus Gessners «Historia plantarum». Foto: Unibibliothek Erlangen-Nürnberg

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Das Landesmuseum Zürich eröffnet morgen seine grosse Conrad-Gessner-Ausstellung. Neun Themenräume durchschreitet der Besucher; er lernt Gessners Zürich kennen, sein Umfeld, seine Werke. In einem Raum eine Europakarte; Punkte markieren die Orte, wo Leute lebten, mit denen Gessner korrespondierte.

Von Narbonne bis Warschau und von Norwich bis Korfu sind es unzählige Punkte. Man nennt Gessner, 1516 bis 1565, ein «Universalgenie». Er kannte sich aus mit Pflanzen und Tieren, Heilkunde und Arzneien, alten Sprachen und Texten von der Bibel bis Aristoteles. Dass ein Gutteil dieses Wissens darauf beruhte, dass er zu netzwerken wusste: Die Karte belegt es.

Wir Heutigen recherchieren per Google. Oder wir fliegen hin und schauen. Gessner hatte Kollegen und Zulieferer. Sie reportierten per Brief. Sie schickten ihm Bilder von Tieren. Sie beschafften ihm Tierteile und Pflanzen.

Exakt heute, 16. März, jährt sich zum 500. Mal der Tag von Gessners Geburt, das Gessner-Jahr kommt nun in Fahrt. Gross war gestern an der Medienkonferenz im Landesmuseum die Zahl der Referenten und Involvierten, darunter etwa Zoo-Zürich-Direktor Alex Rübel. Denn gleich an mehreren Orten laufen Ausstellungen an. Und so besteht die Chance, dass Conrad Gessner, sozusagen Zürichs Leonardo da Vinci, vielleicht bald mehr Leuten ein Begriff ist.

Conrad ist nicht gleich Salomon

Dass es mit dieser Bekanntheit in der Schweiz noch nicht allzu weit her ist, stellte Urs B. Leu klar, der Spezialist von der Zentralbibliothek Zürich (ZB). Conrad Gessner sei als Pionier der Zoologie kurioserweise im Ausland viel renommierter als bei uns, sagte Leu. «Und die, die ihn hierzulande zu kennen meinen, verwechseln ihn in der Regel mit dem Idyllendichter Salomon Gessner, ebenfalls aus Zürich.»

Leu hat selber Anteil daran, wenn der Name Gessner in nächster Zeit vermehrt genannt wird. Von ihm stammt die neue, bestens lesbare Biografie, die im TA letzte Woche vorgestellt wurde («Conrad Gessner», Verlag NZZ). Leu half zudem seitens der ZB, die Ausstellung im Landesmuseum zu kuratieren.

Als das Wissen explodierte

Ein Highlight von vielen in dieser Ausstellung: Themenraum drei. Er widmet sich der von Zwingli gegründeten Hohen Schule, einer Bildungseinrichtung aus reformiertem Geist, an der auch Gessner lehrte. An der Wand Porträts aus jener Zeit des Aufbruchs, grosse Figuren mit ernsten Mienen wie Bullinger, Bibliander, Pellikan sowie eben Gessner.

Und noch ein Höhepunkt: Raum acht. In ihm geht es um den Buchdruck mit beweglichen Lettern. Nachdem ihn Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts lanciert hatte, explodierte das Wissen in Europa. Gessner lebte in einer Ära, die man ein wenig mit der heutigen vergleichen kann, in der das Internet eine ähnliche Multiplikation der zur Verfügung stehenden Kenntnisse bewirkt.

Gessner reagierte auf die Bücherflut mit einer ordnenden Tat: einem Katalog aller ihm bekannten Bücher, der «Bibliotheca universalis». Dank dem Gewaltswerk, das europaweit geschätzt wurde, gilt er als Erfinder der Bibliografie. Auch das lernt man im Landesmuseum.

Die Sache mit dem Wolf

Weitere Ausstellungen und Anlässe im Gessner-Jahr in der Stadt Zürich:

  • Im Zoologischen Museum der Universität Zürich gibt es ab morgen eine Ausstellung zu Gessners Tierbüchern.
  • Der Zoo Zürich bietet ab morgen eine dezentrale Installation zu Gessner als Vater der Zoologie. An 13 Standorten werden Fragen erörtert wie «Gibt es ein Einhorn?», «Ist der Wolf kein böses Tier?» und «Ist Schlangengift als Arznei zu gebrauchen?».
  • Der Botanische Garten der Uni Zürich widmet sich ab 27. Mai den «Gesneriengewächsen». Es handelt sich dabei vor allem um tropische und subtropische Pflanzen, die Bezeichnung wurde zu Ehren Gessners 1816 eingeführt. Zu dieser Ausstellung werden auch Führungen im alten Botanischen Garten angeboten.
  • Vom 6. bis 9. Juni treffen sich Forscher am Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte an der Theologischen Fakultät der Uni Zürich. An diesem Kongress steht Gessner als interdisziplinärer, die Wissenszweige verbindender Gelehrter im Mittelpunkt.
(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.03.2016, 23:56 Uhr)

Gessner als Pionier der Zoologie

Den Meermönch zweifelte er an, nicht aber das Einhorn

Geht es um den Naturforscher Conrad Gessner, kommt oft ein Konjunktiv: Hätte er es geschafft, das Pflanzenlexikon «Historia plantarum» zu vollenden, wäre dieses sein Hauptwerk geworden – und er der Vater der modernen Botanik.

1565 holte die Pest Gessner, er war erst 49. Sein botanisches Projekt blieb unvollendet. Und so ist es die riesige Tiergeschichte «Historia animalium», die Gessners folgenreichstes Buch ist; drei Jahrhunderte später vermochte es Charles Darwin zu fesseln.

Dem Tierkundler Gessner widmet sich die morgen anlaufende Ausstellung «Tiere von A bis Z – Die Tierbücher Conrad Gessners» im Zoologischen Museum der Uni Zürich. Besucher können in die aufgeschlagenen Seiten der «Historia animalium» schauen. Prachtvoll von Gess­ner arrangierte Abbildungen wie die des Rhinozeros.

Über 1000 Tiere erfasst

In der Ausstellung werden auch die Hintergründe der Tierenzyklopädie ergründet: Wie schaffte es Gessner, ohne Internet und ohne Fotografie über 1000 Tieren in Wort und Bild zu erfassen? Da­runter waren sogar Tiere aus der gut 60 Jahre vorher entdeckten Neuen Welt.

Eine Teilantwort: Gessner sammelte und dokumentierte unermüdlich. In seinem Haus an der Frankengasse 6 in Zürich unterhielt er eine Naturaliensammlung: Korallen, Muscheln, getrocknete Fische, ein Eberzahn, ein Elchgeweih, die Hörner eines Wisents. Die Scheiben seines Arbeitszimmers schmückten Glasmalereien mit Fischen, Schildkröten, Robben.

Dass es auch einige wenige Gruselgeschöpfe wie der Meermönch, halb Fisch, halb Mensch, in die «Historia animalium» schafften, passe zu Gessners Zeit: Das sagte gestern an der Medienkonferenz im Landesmuseum Lukas Keller, Direktor des Zoologischen Museums der Uni Zürich. Gessners Epoche sei zwar die des Aufbruchs der modernen Wissenschaften – doch habe man das Mittelalter zuerst ganz abschütteln müssen.

Auch darum geht es in besagter Ausstellung. Dass Gessner an der Existenz des Meermönchs zweifelte, deutete er zwischen den Zeilen an. Das Einhorn aber nahm er wohl für real. Er besitze dessen Horn, schrieb er. In Wahrheit handelte es sich um einen Narwalzahn. (tow)

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