Er war eine Glasfaser der Kunst

Der Zürcher Fotovisionär, Publizist, Galerist und Verleger Walter Keller ist 61-jährig überraschend gestorben. Er hat die hiesige Kunstszene seit den 1980er-Jahren entscheidend geprägt.

Walter Keller in Zürich (3. September 2007).

Walter Keller in Zürich (3. September 2007). Bild: Keystone

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«Dort steht Walter Keller!» Noch am Wochenende flüsterte man sich das zu in Zürich, vis-à-vis einer Gestalt, die nicht zu übersehen war. Obwohl von durchsichtiger Erscheinung, lang, dünn und bestimmt nicht von dieser Welt. In Kontakt mit Visionen und Visionärem, so schien es. «Dort steht Walter Keller!» Mit einer gewissen Spannung sagte man sich das, denn dieser Mann liess keinen kalt. Man suchte seine Gegenwart, oder man mied sie, denn Kellers scharfe Intelligenz und Rhetorik konnten aus Künstlern Krümel machen, eh man sichs versah. Oder auch Könige, ganz nach Belieben. Walter Keller, luzide, elastisch, eine Glasfaser der internationalen Fotoszene.

Eine Glasfaser als menschlicher Erregungsübertrager. Walter Keller war vieles, und alles mit nerviger Empfindlichkeit: Verleger, Galerist, Publizist, Kurator, Trendsetter, Utopist. Von Talent getrieben, von Neugierde gestachelt, ein Mensch unter Hochspannung. Ein Kulturkritiker, Kunstgläubiger und Kommerzflüchtling auch. Risikobereitschaft, Bauchgefühl und ein Schädel, in dem es brodelte von Projekten und Ideen.

Sein Kopf war nach Francis Picabia rund, damit das Denken die Richtung ändern kann. Er war auch ein Künstlerkollaborateur, und in diesem Fach war er der Beste. Nan Goldin und Robert Frank waren seine Fixsterne, die er (wieder) an den Kunsthimmel hängte, wo sie bis heute sind. Beide regte er zur Arbeit an, machte sie in seinen Büchern sichtbar, initiierte Ausstellungen. Und wäre er früher geboren, dann würde heute auch der Schweizer Jakob Tuggener anders strahlen, Tuggener war Kellers Gral. Künstlerische Handschriften interessierten ihn und Persönlichkeiten, wie er selber eine war. Er, der diesen Tag zu einem abgründig leeren macht, an welchem man schrecklich falsche Sätze wie diesen erfindet, die der Gemeinte mit einer selbstironischen Geste eitler Bescheidenheit – weit in den Wind wischte.

Walter Keller, 1953 geboren in der «Freien Republik Niederuster», wie er es nannte. Sohn eines Schweizers und einer Italienerin. Biografisch geimpft mit der Lust an der Kontroverse, prädisponiert, um über Grenzen zu denken, und zwar vom Rand aus. Keller hielt dem Rand zeitlebens die Treue, phänomenologisch zumindest, am Rand fand er das Neue und wähnte sich selbst als Randphänomen.

Mit Wirkung. Der wichtige Künstler Paul Graham, der sich gestern aus New York meldete, ist der Meinung: «Die Wertschätzung und die Veröffentlichung von Fotografie hat dank Walter Keller weltweit eine Veränderung erfahren. Ausgehend von ‹little Zurich›.»

Sensation des Gewöhnlichen

Es waren zwei Frauen, die den jungen Volkskundler in den frühen 80er-Jahren zu dem Keller machten, der später die Fotowelt eroberte. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere, in den Jahren von Ruhm, Renommee und Einfluss, hatte Keller als Galerist am Broadway und als Verleger der Fotobuchedition Scalo – kräftig unterstützt vom Winterthurer Mäzen und Unternehmer George Reinhart – weltweit nur zwei relevante Konkurrenten: Aperture in Bezug auf die Grösse und Twin Palms Publishers bezüglich der Qualität.

Doch zuvor waren es die Frauen, wie gesagt. Bice Curiger und Jacqueline Burckhardt, sie haben ihn geschliffen, sie bringen ihn dazu, Verleger zu werden. Walter Keller wird erster Verleger der Kunstzeitschrift «Parkett», ein Museum in Buchform, und die Idee der Gründer ist bis heute einzigartig: In «Parkett» wird über Künstler nicht nur geschrieben, sondern eng mit diesen zusammengearbeitet.

In Kellers anderer, erster Zeitschrift «Der Alltag», die er mit dem Schriftsteller Niklaus Wyss gegründet hatte, bildete sein Hauptinteresse das Heftmotto: «Die Sensationen des Gewöhnlichen». Denn es ist die Spannung zwischen Hochkultur und Parterre, auf Parkettniveau also, die ihn faszinierte. Und natürlich brauchte er dafür bald eigenen Grund und Boden, einen Verlag nach seinem Gusto («Projektverlag für Fotografie, Kunst und Alltagskultur») – Scalo mit Namen, was auf Italienisch so viel heisst wie «Umschlagplatz». Im Zuge dieser Expansion fanden sich Keller, George Reinhart und Urs Stahel 1993 zur allermutigsten Tat zusammen: zur Gründung des Fotomuseums in Winterthur mit Keller als Vereinspräsidenten und Stiftungsrat. Museum und Scalo sollten im Sinne der Initianten demselben dienen: der Vermittlung von Kunst. Stahel, bis 2013 Direktor des Museums, erinnert sich an Keller als einen, der ihn stets unterstützte, wenn Gegenkräfte einen populären Kurs erwarteten.

Doch exakt im Jahr 2006, als die Stadt Zürich Keller für seine Vermittlungsarbeit mit der Heinrich-Wölfflin-Medaille ehrte, fegte der Gegenwind des Kommerzes auch Scalo zu Boden. Und weder der stille Teilhaber und Verleger Patrick Frey noch die finanzielle Unterstützung durch Andreas Reinhart konnten weiterhelfen. Dem Konkurs dieses letzten grossen, unabhängigen Kunstbuchverlages in der Schweiz liess Keller eine hellsichtige Suada und Buchmarktkritik folgen. Ein letztes Aufbäumen? Es gab nie ein Letztes für diesen Unbedingten. Auch wenn er am 1. September überraschend gestorben ist: Dort steht Walter Keller! (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 02.09.2014, 15:50 Uhr)

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