«Es bräuchte viele Polizisten und teure Gefängnisse»

Jean-Pierre Tabin präsentiert seine neue Studie über Bettler in der Schweiz. Im Interview spricht der Soziologieprofessor über Ursachen des Bettelwesens und erklärt, wieso Verbote nichts bringen.

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Herr Tabin, wie hat sich das hiesige Bettelwesen in den letzten 10 Jahren entwickelt?
Die Sichtbarkeit hat sich massiv verändert, auch in Schweizer Städten ist extreme Armut nun vermehrt präsent. Dies hat verschiedene Gründe: Immer mehr arme, in die Schweiz gezogene Menschen betteln, weil sie hier keiner Arbeit nachgehen dürfen. So etwa Rumänen oder Bulgaren, die nur dann hier arbeiten dürfen, wenn der Arbeitgeber beweisen kann, dass er auf dem lokalen Arbeitsmarkt keine passenden Leute gefunden hat. Das hält diese Menschen jedoch nicht vom Reisen ab. Eine andere Gruppe extremer Arme setzt sich aus zurückgewiesenen Asylbewerbern zusammen. Sie betteln, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Unsere Studie hat gezeigt, dass die meisten Bettler nicht in die Schweiz kamen, um zu betteln – sondern um zu arbeiten. Dabei ist die Situation, die sie hier in der Schweiz antreffen, nicht viel schlechter als die in ihren Heimatländern. Manchmal sogar ein bisschen besser, zum Beispiel für rumänische Roma.

Inwiefern?
In Rumänien ist Armut das Los vieler Menschen. Seit dem Fall des kommunistischen Regimes ist vor allem die Roma-Minderheit stark betroffen. Sie müssen zudem gegen Rassismus und Ausgrenzung kämpfen – was übrigens auch in anderen Ländern der Fall ist, wie zum Beispiel in Ungarn.

Immer wieder ist von Bettelorganisationen die Rede; von Dunkelmännern, die Bettler und vermeintliche Bettler für sich arbeiten lassen.
Bettelorganisationen sind eine Legende, die es bereits im Mittelalter gab. Schon damals waren sämtliche Zutaten zur Legendenbildung vorhanden. Die Legende besagt, dass es sich um Menschen handelt, die organisiert agieren, viel Geld verdienen und betrügen, indem sie beispielsweise eine Behinderung vortäuschen. Auch von einer Geheimsprache ist die Rede, und es heisst, Bettler seien keine Menschen, sondern äusserst böse Wesen, die ihre Kinder umbringen. Schon im 15. Jahrhundert sprach man von den «Armen aus dem Nachbardorf» oder den «fremden Armen», die «weniger menschlich sind als wir». Auch wird seit Jahrhunderten gemunkelt, man könne mit Betteln viel Geld verdienen.

Das ist nicht der Fall?
Wie bereits andere Untersuchungen hat auch unsere Studie gezeigt, dass man mit Betteln auf ein tägliches Einkommen von 15 bis 20 Franken kommt. Stellen Sie sich jetzt vor, was für eine Organisation nötig wäre, um tatsächlich viel Geld zu verdienen. Man müsste ein Netzwerk von Hunderten oder sogar Tausenden Bettlern aufbauen, damit es finanziell interessant wird. Wenn Sie fähig sind, ein solches Netzwerk aufzubauen – glauben Sie wirklich, dass Sie sich dann auf das Bettelwesen konzentrieren würden? Es ist schlicht nicht lukrativ genug, es gibt keinen vernünftigen Grund dafür. Was allerdings nicht heisst, dass Bettler immer alleine unterwegs sind. Manchmal sind sie mit ihren Familien oder Bekannten in die Schweiz gezogen, und manchmal haben sie sich Geld geliehen, um hierherzukommen.

Welche Intention liegt dieser Legende zugrunde?
Ich behaupte nicht, dass diese Legende von Menschen kreiert wurde, die ein spezielles Ziel hatten. Es war keine Verschwörung. Sie entstand in einer Zeit, als in der Schweiz Gemeinden geschaffen wurden. Damals waren Landstreicher ein Problem, weil man fürchtete, sie könnten die Handelskonvois angreifen. Als dann erste kantonale Allianzen entstanden, kam man zum Schluss, dass sich jeder Kanton um seine eigenen Armen kümmern musste, damit diese nicht zu gefährlichen Landstreichern werden konnten. Es stellte sich die Frage der Zugehörigkeit der Menschen zu einer Gemeinde – so entstand die Orts- und Kantonsbürgerschaft, und man konnte jetzt «unsere Armen» von den «anderen» unterscheiden. Schlechter angesehen wurden dabei stets «die Fremden».

Wie hat sich die Haltung der hiesigen Bürger gegenüber den Bettlern verändert?
Im Kanton Waadt beispielsweise war das Betteln bis 2007 verboten. Dieses Verbot wurde dann aufgehoben, gleichzeitig weitete sich die EU auf Bulgarien und Rumänien aus. Somit konnten Rumänen und Bulgaren ohne Visum in die Schweiz reisen, durften hier aber nicht arbeiten. Aus diesen Faktoren entstanden Migrationsbewegungen. Jetzt wird in der Waadt wieder diskutiert, ob man das Verbot wieder einführen sollte. Dabei hatte dieses Verbot damals keine grossen Auswirkungen, weil es nur wenige Bettler gab. Es ist äusserst schwierig, das Bettelverbot in der Praxis durchzusetzen. Es bräuchte viele Polizisten und teure Gefängnisse.

Verbote funktionieren also nicht?
Nein. Das zeigt aktuell auch das Beispiel des Kantons Genf. In der Schweiz wurde in der Vergangenheit schon alles probiert, um das Bettelwesen zu bezwingen: Bettler wurden gejagt, gebrandmarkt, man schnitt ihnen ein Ohr ab, verbot den Menschen, ihnen Geld zu geben, sperrte die Armen ein. Dabei war das Problem eigentlich nicht das Bettelwesen an sich, sondern es waren eher die unterschiedlichen sozialen Schichten, die zusammenleben mussten. Armut bekämpft man nicht, indem man das Bettelwesen verbietet.

Welche besseren Massnahmen gibt es denn, um das Bettelwesen einzudämmen?
In Europa existiert eine allgemeine Tendenz zum Verbot. Es gibt aber auch andere Wege, wie zum Beispiel in Frankreich, wo verschiedene Projekte ins Leben gerufen wurden, um Bettlern etwa ein Dach über dem Kopf zu bieten oder um ihnen zu helfen, eine Arbeitsstelle zu finden. In einigen Fällen funktioniert es, in anderen nicht. Verschiedene französische Gemeinden setzen mittlerweile auch auf Integrationsprojekte und stellen den Armen Wohnmöglichkeiten zur Verfügung, damit keine Slums entstehen. Dies setzt aber voraus, dass diese Menschen auch das Recht haben zu arbeiten.

Wie sehen Sie die künftige Entwicklung?
Dies ist schwierig abzuschätzen. Heute kommen viele Bettler aus Rumänien. Wenn Rumänien vollumfänglich Teil der bilateralen Abkommen mit der EU wird und die Rumänen somit hier auch arbeiten dürfen, wird sich die Situation ändern. Nicht zu vergessen sind aber auch Menschen anderen Ursprungs, wie zum Beispiel die Spanier. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 25.01.2013, 14:10 Uhr)

Jean-Pierre Tabin ist Soziologieprofessor an der Pädagogischen Hochschule Lausanne (EESP) und der Uni Lausanne.

Studie

Zwischen Mai 2011 und April 2012 führten die Professoren Jean-Pierre Tabin (EESP) und René Knüsel (Uni Lausanne) für das Jugenddepartement des Kanton Waadt eine Studie durch, die die Lebensbedingungen von Bettlern in der Waadt genauer analysieren sollte. Hierfür wurden unter anderem Bettler beobachtet und interviewt, Polizisten, Sozialarbeiter und Mitarbeiter des Gesundheitswesens befragt und die Presse und politische Debatten analysiert. (cof/lsch)

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