Europa und die Dummen

Christoph Blocher und Adolf Muschg sind seit Jahrzehnten politische Kontrahenten. Am Sonntag sassen sie sich auf einem Podium gegenüber. Moderator Roger Köppel musste am Schluss das Publikum beruhigen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bereits eineinhalb Stunden war leidenschaftlich diskutiert worden im übervollen Zürcher Volkshaus, da fragte ein Zuschauer Muschg, wie es um die demokratische Legitimation der Europäischen Union stehe. Muschg antwortete, es sei auch ihm klar, dass in jedem Land, in dem ein solch talentierter Politiker wie Christoph Blocher Stimmung machen würde, eine Volksabstimmung keine Chance hätte. Um dann den verheerenden Satz zu sagen: «Die EU ist ein Gebilde für intelligente Leute.» Aus dem Publikum ertönten Pfiffe und Buhrufe, Moderator Roger Köppel bat das Publikum, Ruhe zu bewahren. Muschg korrigierte sich sogleich, man solle protokollieren, «für anspruchsvolle Leute». Blocher, erfreut zu sehen, dass Muschg in diese Falle tappt, meinte: «Ich habe schon nach der EWR-Abstimmung gesagt, ich sei stolz, in diesem Fall zu den Dummen zu gehören.»

Alle, die gegen einen EU-Beitritt sind, seien dumm, das hat Muschg zwar nicht direkt so gesagt, und doch war dies das Hauptgesprächsthema nach Ende der Diskussion unter den Gästen – und ist eine Steilvorlage für zukünftige Angriffe von EU-Gegnern gegen den Schriftsteller. Dass Muschg zuvor mit hoher historischer Sensibilität und einem enormen Fundus an Wissen argumentierte, wird keine Rolle mehr spielen. Solche Steilvorlagen hat Muschg in der Vergangenheit schon einige geliefert. Seinen Aufsatz, «Wenn Auschwitz in der Schweiz liegt», zitierte Blocher auf dem Podium einmal mehr verkürzt mit: Muschg habe geschrieben, «Auschwitz liegt in der Schweiz». Unvergessen ist auch Blochers Diffamierung vor über 10 Jahren, Muschg habe gesagt, die Schweizer Neutralität sei unanständig wie ein Furz, was auch eine ziemliche Verkürzung seiner eigentlichen Aussage war, ihm aber noch heute um die Ohren geschlagen wird.

Muschgs Radikalisierung

Wie sich Muschg energisch, gegen alle Widerstände, mittlerweile fast als Einziger für den unpopulären EU-Beitritt einsetzt, weist Parallelen auf zu Christoph Blochers Anti-EWR-Kampf 1992 gegen das gesamte Establishment und alle Medien. Auch Muschg nimmt für seine Überzeugung in Kauf, sich unbeliebt zu machen; dass er eine Einladung der «Weltwoche» annimmt, sich mit einem Christoph Blocher zu Duellieren, hat Respekt verdient. «Mein Verdacht ist, dass die beiden mehr Gemeinsamkeiten haben, als ihnen lieb ist», meinte Roger Köppel, der als Moderator keineswegs einseitig auf Blochers Seite war. Worauf Blocher anfügte, Köppel führe sich nun als Niklaus von Flüe auf.

So ähnlich sich die beiden sind, was den Kampfeswillen betrifft, so gegensätzlich sind ihre politischen Ansichten. «Meine Meinung hat sich über die Zeit noch radikalisiert», sagte Muschg. Über Blochers unschöne Attacken gegen Muschg während der Debatte um nachrichtenlose Vermögen, wollten sich beide nicht mehr gross äussern. Dass eine gegenseitige Abneigung noch immer vorhanden ist, kam in erster Linie über die Körpersprache zum Ausdruck. Die beiden sprachen einander kaum je direkt an, Muschg wandte sich während seinen Ausführungen jeweils von Blocher ab und blickte ins Publikum. Auf Muschgs Buch «Sax» angesprochen, in dem eine Figur vorkommt, die Blocher sehr ähnlich ist, meinte Blocher, er habe es lesen wollen, nach 20 Seiten aber nichts mehr verstanden.

Die Zweifel der Kämpfer

Wenn man einen oder mehrere Standpunkte dermassen vehement vertritt, kommen nicht manchmal Zweifel auf? Muschg zitierte hierzu Goethe, dass sich die Wahrheit dadurch auszeichne, dass auch das Gegenteil wahr sei. Blocher formulierte es anders: Es gebe nie die richtige Lösung, sondern nur die am wenigsten falsche. Und er erzählte: «Während des EWR-Abstimmungskampfes dachte ich in der Nacht oft, hoffentlich sehe ich das nicht falsch.» Solche Zweifel dispensierten aber nicht, voll für sie einzustehen, sagte Blocher. Genau das ist es, was einen Muschg und einen Blocher von anderen abhebt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.11.2010, 10:04 Uhr

Zwei der prägendsten Figuren der Schweiz in den letzten Jahren: Schriftsteller Adolf Muschg und SVP-Alt-Bundesrat Christoph Blocher. (Bild: Keystone )

Artikel zum Thema

Muschgs erneute Abrechnung mit Blocher

Einst erklärte Christoph Blocher den Schriftsteller Adolf Muschg zum «Volksfeind». In seinem neuen Roman rechnet Muschg mit dem «unholden Vater des Vaterlandes» ab. Mehr...

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ein Ohrenschmaus: Das Glastonbury-Festival mit über 100'000 Besuchern, ging heute nach fünf Tagen zu Ende.Ein Zuhörer beim Verlassen des Geländes (26. Juni 2017). Revellers and detritus are seen near the Pyramid Stage at Worthy Farm in Somerset during the Glastonbury Festival in Britain, June 26, 2017. REUTERS/Dylan Martinez
(Bild: Dylan Martinez) Mehr...