Evolution der Maschinen

An der Digitalmesse South by Southwest in Texas wurde die Virtual-Reality-Technologie erprobt, zum ersten Mal auch mit einer Delegation von Schweizer Entwicklern.

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«Auch wenn ein Mensch alle seine Organe mit künstlichen ersetzen würde, bliebe er doch immer ein Mensch», hören wir eine leicht metallische Stimme sagen. «Ja, stimmt. Menschen werden immer Menschen bleiben», erwidert das Gegenüber. Die Diskussion scheint trivial, doch sie ist es nicht: Die Sätze kommen aus den elektronischen Mündern von zwei Androiden. Wir sind am South by Southwest (SXSW) in Austin, Texas. Der jährlich stattfindende Anlass ist gleichzeitig ein Musik- und Filmfestival mit über 2000 Konzerten und Hunderten von Filmpremieren, eine Konferenz mit unzähligen Podiumsdiskussionen und eine Messe für die neuesten digitalen Entwicklungen.

Man kann sich das so vorstellen, als würde man die Erlebnismesse Züspa mit dem Filmfestival Locarno und dem Open Air St. Gallen vermengen und diesen Jahrmarkt dann auf 80'000 Besucher skalieren. Das alles im Herzen des konservativen Texas, unweit der mexikanischen Grenze (aus diesem Grund steht wohl auch überall angeschrieben, dass es ein «waffenloser Anlass» sei). «Diese Art von Festival kann man sich in Europa gar nicht vorstellen. Hier kommt alles zusammen, von Musik zu Film bis hin zu Technologie und Innovation», meint Emmanuel Cuénod, Leiter des Festivals Tous Écrans in Genf.

Hollywoods verlorener Kampf

Eröffnet wurde das SXSW mit «Song to Song», dem neuen Spielfilm des US-Regisseurs Terrence Malick. Die Schauspieler Ryan Gosling, Rooney Mara und Natalie Portman waren anwesend, gemäss Kennern gehört das SXSW mittlerweile zu den zehn wichtigsten Filmfestivals der Welt. Vielmehr noch ist es aber eine Digitalkonferenz mit Podiumsdiskussionen, die Titel tragen wie «Die Zukunft des Kinos im Zeitalter der virtuellen Realität» oder «Immersives Kino und virtuelle Realitäten».

Angesichts der Krise in Hollywood und der zunehmenden Bedeutung des Silicon Valley im Entertainmentbereich wird allmählich allen klar, wer künftig das Unterhaltungsgeschäft bestimmt: Google, Facebook, Netflix, Amazon und Apple – und nicht mehr die Majorstudios wie Twentieth Century Fox oder Warner Bros. Hollywood scheint diesen Kampf bereits verloren zu haben.

Es ging also um neue Digitalformate und um Video-on-Demand; es ging um computergenerierte Schauspieler und um die Frage, wie man künstliche Intelligenz beim Drehbuchschreiben verwenden kann. Hauptthema jedoch war die virtuelle Realität (VR), also das Eintauchen in neue Welten mithilfe einer Videobrille. So konnte man an der SXSW alles in diesem Bereich antreffen, von VR-Blockbustern wie «The Mummy» mit Tom Cruise bis hin zu anspruchsvolleren Produktionen wie «Miyubi» des Erfolgsduos Felix & Paul aus Kanada.

Absurdität im Zeitraffer

Man schlüpft in diesem Virtual-Reality-Kurzfilm in die Haut respektive das Blech eines japanischen Roboters in den 80er-Jahren. «‹Miyubi› ist eine der ersten VR-Erzählungen, die wie ein Film wirken», meint Paola Marinelli, die am Tous Écrans in Genf den digitalen Bereich leitet. Aus diesem Grund gab es an der diesjährigen SXSW zum ersten Mal auch eine neue Kategorie mit dem Namen «SXSW Virtual Cinema», die sich ausschliesslich dem virtuellen Film widmete. In dieser Sektion liefen 38 neue Virtual-Reality-Filme.

Überwältigend war zum Beispiel «Life of Us» von Chris Milk, worin man die Evolution im Zeitraffer erlebt – und zwar zu zweit. In einer zehnminütigen Szenenfolge vom Einzeller bis zum Affenmenschen durchläuft man alle Evolutionsschritte und versucht dabei hilflos zu kommunizieren: ein Erlebnis absurder Zweisamkeit im Hyperraum der Zeit. In der letzten Szene verwandelt man sich in ein posthumanes, digitales TechDuo, das ohne Fleisch und Knochen auszukommen scheint. Ein anspruchsvolles Erlebnis – den Preis für die «beste virtuelle Erfahrung» gewann jedoch Google mit Tilt Brush, einer VR-Software, mit der man im dreidimensionalen Raum malen kann.

Erstmals war dieses Jahr auch die Schweiz mit einigen digitalen Projekten vor Ort: Mario von Rickenbach und Michael Frei, die Macher des Videospiels «Plug & Play», präsentierten «Kids», das Spiel, Kurzfilm und Ausstellung in einem ist und von der Psychologie einer Gruppe handelt.

Die Genfer Firma Apelab stellte «Break a Leg» vor, ein von den Zaubershows des 19. Jahrhunderts inspiriertes Videospiel, das dank den am SXSW geknüpften Kontakten nun im neuen Controller der VR-Videobrille Oculus Rift eingebaut werden wird. Der Flug- oder besser Vogelflugsimulator «Birdly» von Somniacs, einem Spin-off der Zürcher Hochschule der Künste, ist mittlerweile sogar weltbekannt. Dank «Birdly» kann der Benutzer für ein paar Minuten wortwörtlich die Welt aus der Vogelperspektive erleben.

An einer solch grossen Konferenz treffe man kaum jemanden durch Zufall, meint Michael Frei. «Ohne die Unterstützung des Innovationsbüros Swissnex und des Förderfonds Engagement Migros wären wir heute nicht hier», sagt auch Nathalie Enderle von Birdly. Und Marie Mayoly, die via Engagement Migros die Kontakte der Schweizer Projekte mit den Amerikanern knüpfte, führt weiter aus: «Unser Auftrag ist es, die neuen Schweizer Künste im digitalen Bereich zu unterstützen, und wir machen das, indem wir ihnen durch gezielte Treffen die Türen in die USA öffnen.»

Schweizer Racletteparty

Der wahre Höhepunkt der Schweizer Präsenz war aber die Party mit dem Titel «Swiss Cowboys and Cowgirls», welche von Swissnex organisiert wurde. Über 1000 Leute kamen zur Feier, die vom SXSW sogar offiziell empfohlen wurde. Bei Raclette und Elektromusik tauschten sich Schweizer, Amerikaner und Leute aus aller Welt über die Zukunft der Branche aus und knüpften Kontakte.

«Am SXSW sieht man, dass keine Technologie oder Kulturform kategorisiert werden kann. Hier kommt alles zusammen. Die Schweiz sollte dies auch besser verstehen und entsprechend fördern», sagt Sophie Lamparter von Swissnex. Die erstmalige Präsenz der Schweiz am South by Southwest ist demnach ein kleiner, aber wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Und obwohl niemand weiss, ob Virtual Reality wirklich die nächste Entwicklungsphase darstellt, ist am SXSW eines doch klar geworden, vor allem im VR-Evolutionsfilm «Life of Us»: Die technologische Evolution ist unaufhaltsam. Entfernt sie den Menschen von sich selbst? Oder ist es eher so, wie die Roboter sagen: dass Menschen immer Menschen bleiben?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2017, 19:13 Uhr

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