Kultur

Zug daher!

Von Jyoti Guptara*. Aktualisiert am 08.07.2009

Eigentlich wollte ich Zivildienst leisten. Als Schweizer - seit einem Jahr - erfülle ich natürlich gerne meine Pflicht fürs Vaterland.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Aber solange kein Krieg ausbricht, dachte ich, wäre dem Vaterland besser mit Zivildienst gedient. Etwas «Sinnvolle(re)s». Darum ist der Weg, den ich jetzt, bei den Panzergrenadieren, gehe, ironischerweise der egoistischere. Denn in erster Linie will ich zu dieser Kampftruppe, nicht um die Schweiz zu stärken, sondern mich - physisch, psychisch und persönlich.

An allem schuld ist mein Nachbar. Wenn er zu den Panzergrenis kommt, sagte ich mir - und ihm -, dann gehe ich mit. Er hat es geschafft. Deshalb bemühte ich mich, die Rekrutierung ernst zu nehmen, und erzielte bei der Sportprüfung stolze 94 Punkte. Nicht schlecht für einen Schriftsteller, der seit fünf Jahren nicht regelmässig Sport getrieben hat. Da wir keinen Medizinball zu Hause besassen, um Stossen zu üben, benutzte ich Mehlsäcke. Bis einer platzte und unser Wohnzimmer verstaubte. Fast am wenigsten Punkte habe ich bei der einzigen Disziplin geholt, die ich wirklich übte («Flamingo stehen»). Ja, ich hatte sogar meine Frisur angepasst: Gefilmt von Tele Top, wurden die schulterlangen Haare zum Neunmillimeterschnitt. (Nachdem letztes Jahr bereits Kurt Aeschbacher meine Haare kürzte, könnte das televisierte Haareschneiden zur Tradition werden.) Ich dachte also, ich wäre bereit.

Falsch. In Thun eingerückt, weist mich der Zugführer zu einem Schild: «Gratis Haareschneiden». Aus neun Millimetern wird einer (ungleichmässig). Na ja, ich wollte eh schon immer Bart und Glatze. Aber nach dem zweiten Tag stelle ich fest, dass die Sportprüfung täuschte. Das waren kurze, einmalige Übungen. Damit kann mein Körper umgehen. Was mich am meisten fertigmacht, ist der Dauerstress. Keine Minute Freizeit. Und dann wieder stundenlang warten - im Stehen, versteht sich, denn ein Grenadier sitzt nicht. Und dabei bin ich es nicht gewohnt, mehr als zehn Minuten lang auf den Beinen zu sein, und ruhe mich nach einer Anstrengung aus. «Ihr seht aus wie ein elender Haufen gottverdammter Füsiliere!», grollt einer der höheren Offiziere während einer Pause, als wir ungeordnet am Boden sitzen. «Und es gibt nichts, was ich mehr hasse als Füsel. Ausser Sanis.» Und Zivis . . .? Hoffentlich gerät diese Kolumne nicht in falsche Hände!

Natürlich sind der Nachbar und ich in verschiedenen Zügen. Dafür lernen wir so mehr Leute kennen, während wir sinnlos herumstehen und warten, um Material zu fassen oder Impfungen zu bekommen oder Regelungen und Gradzeichen zu büffeln. Obwohl man meistens nicht reden darf. Mit durchschnittlich vier Stunden Schlaf pro Nacht stürmt eine Erkältung an meinem geschwächten Immunsystem vorbei, da hilft kein ABC-Schutz, und alles tut weh, so, dass ich Samstagmorgen knapp zum Bahnhof torkeln kann mit einem Gedanken: Ich kann nach Hause. Zug daher!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.07.2009, 10:59 Uhr

WRITE A COMMENT







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.


Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre

Bestenlisten

Kino
Kinoeintritte Schweiz

26. Januar 2012- 01. Februar 2012

1.1Intouchables64'262
2.neuThe Descendants18'860
3.2The Girl With The Dragon Tattoo16'439
4.44Jack And Jill16'133
5.32Man On A Ledge13'482
Mehr
Musik
Schweizer Hitparade

19.Dezember 2011 - 25.Dezember 2011

1.221, Adele
2.1Lioness; Hidden Treasures, Amy Winehouse
3.6Christmas, Michael Bublé
4.3Imaginaerum, Nightwish
5.5Made In Germany 1995-2011, Rammstein
Mehr
Bücher
Bestseller

6.Februar 2012 - 12.Februar 2012

1.1Das Alphabethaus, Jussi Adler-Olsen
2.2Aleph, Paulo Coelho
3.3Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand, Jonas Jonasson
4.4Sündige Gier, Sandra Brown
5. WEVom Ende einer Geschichte, Julian Barnes
Mehr