Freche Frauen

Güzin Kar über eine spezielle Ecke in der Buchhandlung.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Keystone

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Mein erklärtes Lieblingsregal in Buchhandlungen ist dasjenige, das mit «freche Frauen» überschrieben ist. Vor diesem könnte ich stundenlang verweilen, um in Titeln wie «Networking für freche Frauen», «Knigge für freche Frauen», «Freche Frauen auf der Piste» und «Freche Frauen feiern Weihnachten» zu blättern. Eine freche Frau sagt bestimmt konsequent Freinachten, um den fast geglückten Stabreim zu retten. Wobei sich mir auch durch den Klappentext des letztgenannten Werks nicht erschliesst, ob bereits das Feiern von Weihnachten aus einer Frau eine freche macht oder ob im Buch speziell freche Feiertechniken aufgeführt sind, die den Frauen auf die Sprünge helfen sollen.

Oder ist es gar eine Anklageschrift im Sinne von «Immer mehr freche Frauen feiern Weihnachten, und die Gesellschaft sieht tatenlos zu»? Wobei dies unwahrscheinlich ist, da sich freche Frauen gerade dadurch auszuzeichnen scheinen, dass sie nicht wirklich gefährlich sind, sondern nur ein bisschen spielen wollen. Eine Fotoagentur bietet als Symbolbild für freche Frauen eines an, auf dem vier junge Frauen in sexy Pose die Zunge rausstrecken. Genau so stelle ich mir freche Frauen und ihr Erfolgsmodell vor: Zunge raus, Po raus, bisschen Titten zeigen, und die Welt gehört dir.

Ratgeber «Lehman Sisters»

Wenn man von den frechen Büchern auf die Weltlage schliesst – und ich bin entschieden dafür, dass man dies tut –, wird schnell klar, dass es kein Gebiet gibt, in das Frauen nicht bereits durch Frechheit vorgedrungen wären. «Work-Life-Balance für freche Frauen», «So kochen freche Frauen» sowie der «Finanzratgeber für freche Frauen» zeugen davon. Den Finanzratgeber hätte ich ja «Lehman Sisters» getauft und «Das Führungsbuch für freche Frauen» in «Das Führerinnenbuch» oder «Mein frecher Kampf» umbenannt. Wenn schon frech, dann richtig. Vielleicht kann man gleich eine ganze Freche-Frauen-Edition bereits bestehender Werke herausgeben, und aus «Das andere Geschlecht» von Simone de Beauvoir «Das andere, freche Geschlecht» machen. Gleich daneben im Regal lägen «Der Name der frechen Rose» und «Der freche Archipel Gulag – böse Frauen kommen überallhin».

Frauen, die frech gekauft haben, haben auch böse gekauft. Und bissig. Bissig ist nicht umsonst nur eine Zahnreihe von stutenbissig entfernt. So sind sie, die Frauen, von ihren Emotionen getrieben, beissen und fauchen sie in der Gegend herum, aber immer so, dass man sie noch gefahrenlos streicheln kann.

«Seien Sie ruhig bissig», heisst es manchmal in den Interviewanfragen an mich. Oder wenn ich zu einem aktuellen Thema ein Statement abgeben soll, kommt es vor, dass dieser Satz folgt: «Bitte schön frech und bissig, wie man es von Ihnen kennt.» Dann überlege ich, ob ich einfach ein Foto schicken soll, auf dem ich die Zunge rausstrecke. Manchmal bleibt aber selbst im sonst eindimensionalen Freche-Frauen-Universum ein Rest an Unklarheit. Ein Onlineportal für antiquarische Bücher wirbt mit: «Gebraucht freche Frauen Bücher». Da fehlen Satzzeichen. «Gebraucht Freche-Frauen-Bücher!» wäre ein Aufruf an die Kundschaft, die Bücher – auf welche Weise auch immer – zu gebrauchen, «Gebraucht freche Frauen, Bücher!» hingegen ein kämpferischer Aufruf an die Bücher, es den Frauen heimzuzahlen. Die Fantasie galoppiert in beiden Fällen frech über Wiesen und Auen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 18.03.2016, 15:02 Uhr)

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