Kultur

Fussball – die höchste Kunstform

Schon Roy Hodgson wusste: Das Genre Fussball ist wertvoller als Roman, Oper und Kino.

Die Möglichkeit eines Wunders ist im Fussball immer gegeben: Spielerlegende Pelé in Aktion.

Die Möglichkeit eines Wunders ist im Fussball immer gegeben: Spielerlegende Pelé in Aktion.
Bild: Liechfield

«Ich bin», gestand Roy Hodgson 1994, damals noch als Trainer der Schweizer Nationalmannschaft, «ein Kulturschaffender. Fussball ist für mich die höchste Form von Kultur.»

Damit griff Hodgson in eine uralte Debatte ein: um die Spitze an der Rangliste der Künste. Die Frühromantiker kürten den Roman zur höchsten Kunstform, Schopenhauer plädierte für die Musik, Sartre für das Kino. Der Fussball und seine Ästhetik hingegen wurden lange ignoriert. (Schon 1900 klagte Ossip Mandelstam: «Entstellt, entehrt, in trübem Lichte: der Fussball – ein dickhäutiger Gott.»)

Deshalb hier sieben Argumente, warum der Fussball die umfassendste Kunstform von allen ist: 1. Einfachheit. Wie alle grosse Kunst – und alle grossen Kunstformen – ist Fussball im Prinzip einfach. Und ebenso unerschöpflich. Spätestens nach drei Spielen ist jeder Zuschauer Experte. Und diskutiert dann ein Leben lang darüber.

2. Kritik. Keine andere Kunstform kennt eine derart radikale, schnelle, souveräne Form von Kritik. 10 000 Zuschauer sind 10 000 Kunstpäpste. (Rufe wie: «Mal das Porträt abstrakter, du Arsch!» oder «Hamlet auswechseln!» wagt kein anderes Publikum.) Wie sonst im Leben gilt: je stärker die Kritik, desto stärker das Werk.

3. Poesie. Ebenso wie die Tugend spontaner Urteile blüht beim Fussball die Tugend der spontanen Schöpfungskraft. Fussballlyrik ist das Volkslied der Moderne. Sein Thema ist das ewig gleiche: Geliebtwerden oder Nichtgeliebtwerden. Die Lieder sind oft voller lebensbejahendem Trotz («Wir sind Schalke / Wir sind Schaaalke! / Niemand liebt uns / Scheissegal!») – oder sie sind wie in folgendem Lied aus Frankfurt, der Geburtsstadt Goethes, voll von jener unerfüllbaren Sehnsucht nach der Grenzüberschreitung, die jeder grossen Liebe eigen ist: «Halt mich fest / halt mich fest / halt mich fest, Marie! / Bei der Eintracht spielt ein Mann / das ist der Grabowski!»

4. Die 3-Akt-Inszenierung. Das Vergnügen an der (auch eigenen) Performance erstreckt sich auf weit mehr als auf die 90 Minuten Spielzeit. Ein Grund dafür ist die Nutzbarmachung anderer Medien: Internet, TV und Zeitung. Das Spiel selbst ist nur mittlerer Akt in einer multimedialen Dramatisierung. Den 1. Akt bestreiten Vorschauen: Zittern, Hoffnung, Propaganda. Im 2. Akt kommt der Spielbericht. Im 3. Akt folgen Analysen, Kommentare, Polemiken. (Dieser klassische Aufbau macht den Sportbund zum dramaturgisch besten Teil der Zeitung.)

5. Das Wunder. Keine andere Kunstform hat das Problem der Langeweile so souverän gelöst. In Büchern, Oper, Drama etwa steht das Ergebnis von Anfang an fest: Hamlet besiegt in der 60. Minute Polonius und scheitert in der 90. an sich selbst. Diese Künste gleichen einer Show-Sportart wie Wrestling: Das Ende steht fest, den Künstlern bleibt nur eine möglichst bombastische Inszenierung, um den Zuschauer zu fesseln. Fussball hingegen löst das Langeweileproblem strukturell – und zwar dadurch, dass in jedem, selbst dem verschnarchtesten Spiel in jeder Sekunde etwas Fantastisches geschehen kann: ein, zwei Pässe über das Mittelfeld, ein Torpedokopfball und – Tor! Ein katastrophales Goaliedribbling – Tor! Ein 50-MeterRush eines saudischen Stürmers durch die belgische Abwehr – Tor! Die Möglichkeit eines Wunders oder einer Katastrophe ist immer gegeben: Die immer neue Motivation des Zuschauers – und somit der ästhetische Haupttreibstoff des Spiels – sind Hoffnung und Angst, dass etwas passieren oder nicht passieren möge. Kurz: Fussballbetrachter leben in der Welt des Möglichen. Sie sind utopische Denker.

6. Schurken. Ein bewährtes dramaturgisches Mittel war seit je der Einsatz von Schurken und Helden. Getreu Hitchcocks Forderung «Je stärker der Schurke, desto stärker der Film» gebärdet sich der Fussball quälend realistisch: Seine Schurken sind meistens reich, mächtig – wie etwa der FC Bayern oder Basel – und immer empörend erfolgreich. (Erst ein abgestiegener Schurke ist keiner mehr.) An der WM tritt auch regelmässig der ÜberSchurke auf: Deutschland, das geschlagen werden muss und manchmal durch Wunder (Dänemark! Bulgarien!) geschlagen wird.

7. Tragik. Ein Gegentor in der 89. Minute, und die Herzen brechen, das Stadion schweigt, die Bars leeren sich, eine Masse zerfällt in einsame Verräter. «Weder im Sport noch im Leben gibt es Gerechtigkeit. Darum ist es gefährlich, davon zu sprechen, dass jemand kriegt, was er verdient. Ich glaube nicht, dass Leute das Recht haben, vom Leben zu erwarten, dass es sie gerecht behandelt.» (Hodgson)

Kein Wunder, sagte Camus: «Alles, was ich über Moral und menschliche Verpflichtungen gelernt habe, verdanke ich dem Fussball». Die Liebe zu einer Mannschaft ist so riskant wie die zu einem Menschen oder einer Idee.

PS: Bill Shankly, einst Trainer des FC Liverpool, beschrieb die Kunstform Fussball am knappsten: «Fussball ist keine Sache auf Leben und Tod. Er ist ernster als das.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2010, 13:12 Uhr

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3 Kommentare

andreas furrer

09.06.2010, 18:14 Uhr
Melden

von kunst - geschweige denn von liebe - verstand ih noch nie etwas. der tagesanzeiger erinnerte mich aber immer schon an fussball. Antworten


John De Clerc

09.06.2010, 17:58 Uhr
Melden

Kunst ist vor allem was die Fans vor und nach dem Spiel machen. Dagegen ist 70er Jahre Aktionskunst wie Disneyland.. Antworten


Hans Peter Bernet

09.06.2010, 16:46 Uhr
Melden

Einmal mehr eine journalistische Glanztat von Constantin Seibt! Der ultimative Artikel zur bevorstehenden Fussball-WM und ziemlich ein Stich ins herz von allen Kunstbanausen und Puritaner, die diesen hehren Begriff immer noch für das bildungsbürgerliche "Klassik-Reservat" reservieren wollen. Antworten



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