Gebt dem Frieden eine Chance

Keine gute Zeit für Friedensaufrufe: Separatisten schiessen ein Zivilflugzeug ab, der Islamische Staat köpft öffentlich Geiseln. Die Antworten darauf sollten differenziert bleiben.

Eine Blume für den Frieden: Jan Rose Kasmir an einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg in Washington 1967. Foto: Marc Riboud (Magnum Photos)

Eine Blume für den Frieden: Jan Rose Kasmir an einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg in Washington 1967. Foto: Marc Riboud (Magnum Photos)

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Frieden ist ein hohes Gut, vielleicht das höchste überhaupt. Alle wollen wir Frieden. Gleichzeitig hat die Häufung von blutigen Konflikten – in der Ostukraine, im Nahen Osten, in Teilen Afrikas – dazu geführt, dass der Pazifismus zum Spottobjekt geworden ist. Zur Weltanschauung für unverbesserliche Träumer.

Dazu beigetragen haben Bilder von grausamen öffentlichen Hinrichtungen durch Anhänger des mittelalterlichen Kalifats IS im Irak und in Syrien. Russische Separatisten, die mutmasslich den Linienflug MH17 der Malaysia Airline abschossen und anschliessend die Bergung der Opfer erschwerten. Die Terroristen von Boko Haram in Nigeria, die Mädchen aus Schulen und halbe Dörfer verschleppen und vor keiner Grausamkeit zurückschrecken. Die Aggressoren brechen alle Regeln des Kriegs- und Völkerrechts und stellen Landesgrenzen infrage – eine vermeintlich gesicherte Grundlage der westlichen Friedensordnung.

Nicht an der Eskalationsschraube mitdrehen

Vor diesem Hintergrund ist das Nachdenken über einen modernen, aufgeklärten Pazifismus dringend nötig: einen Pazifismus, der nicht pauschalisiert, sondern differenziert. Gegenüber dem IS oder Boko Haram in Nigeria ist jede militärische Aufrüstung im Namen der Grundregeln der Zivilisation gerechtfertigt. Im Konflikt um die Ostukraine gibt es dagegen gute Gründe, an der Eskalationsschraube nicht mitzudrehen.

Es ist schwieriger geworden, einen kühlen Kopf zu bewahren, jeden Konflikt für sich zu betrachten und dort, wo die Konfliktparteien rationalen Argumenten gegenüber zugänglich sind, erst Möglichkeiten zur Deeskalation zu suchen. Es geht um einen aufgeklärten Pazifismus ohne ideologische Kompromisslosigkeit.

Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg

Eigentlich ist es ja erstaunlich, dass es diese Denkrichtung gegenwärtig so schwer hat. Der 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs hat zu einer Flut von Büchern geführt. Sie führte uns vor Augen, wie viele Opfer ein industriell geführter Krieg fordert. Die Erinnerung an diesen Krieg zeigte auch, wie nichtig ein Anlass sein kann, der zu einer verheerenden Eskalation führt, wenn beide Seiten darauf setzen.

Wer in den Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aufgewachsen ist, wird als Jugendlicher seine ersten Leseerlebnisse Karl May und der deutschen Nachkriegsliteratur verdanken. Schon in Karl Mays Abenteuergeschichten war die Blutsbrüderschaft zwischen Winnetou und Old Shatterhand eine zentrale Botschaft. Die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Indianern und Weissen endeten meist mit dem kollektiven Rauchen der Friedenspfeife.

Eindrücklich danach die deutsche Nachkriegsliteratur: Erich Maria Remarques «Im Westen nichts Neues», Wolfgang Borcherts «Draussen vor der Tür», Heinrich Bölls «Wo warst du, Adam?» waren literarische Mahnmale über die Grausamkeiten der beiden Weltkriege. Gleichzeitig brachten sie die Utopie einer anderen, friedlichen Welt zum Ausdruck. Es waren Werke, die jungen Lesern unter die Haut gingen – alle geschrieben mit gehörigem Abstand zum jeweiligen Kriegsende, weil das unmittelbare Erleben des Schreckens offenbar Distanz brauchte.

Pazifismus unter Verdacht

Plädoyers für den Frieden haben es heute ungleich schwerer. Die konflikthafte Weltlage führt dazu, dass sich der Verdacht, unter dem der Pazifismus von Natur aus steht, noch verschärft hat. Er steht, genau genommen, unter einem vierfachen Verdacht: dem sachlichen Verdacht, die Aggressivität der menschlichen Natur zu verkennen; dem misstrauischen Verdacht, opportunistisch zu sein; dem gehässigen Verdacht, der Gegenseite zu helfen; dem Hauptverdacht, naiv zu sein.

Zum ersten Verdacht: Der Mensch mag seinem Wesen nach aggressiv sein und ist darin dem Schimpansen wesensverwandter als dem Orang-Utan oder dem Gorilla. Die Tierforschung hat allerdings festgestellt, dass Schimpansen nicht überall kriegerisch sind, sondern dass es auf die Verhältnisse ankommt: auf die Fläche ihres Terrains, darauf, ob die Rangordnungen geklärt und ob im Verhältnis zur Population ausreichende Ressourcen vorhanden sind. Der Mensch als intelligentestes und bewusstestes, in seinen technologisch unterstützten Fähigkeiten aber auch grausamstes Tier müsste sich folglich dauerhaft die Frage stellen, welche Verhältnisse den Krieg verhindern. Es ist die Frage, welche die deutsche Philosophin Hannah Arendt gestellt hatte: Welche Ordnung erlaubt es dem Menschen, gut zu sein? Wer diese Frage ernst nimmt, wählt zwar einen pazifistischen Ansatz – freilich keinen, der die Aggressivität verkennt, sondern einen, der die Aggressivität zu kanalisieren versucht.

Ein Gürtel neutraler Länder

Im Falle der Ostukraine ist zu vermuten, dass ein Gürtel neutraler Länder rund um Russland dem Frieden förderlicher wäre als eine expandierende Nato, die von Russland nach wie vor als bedrohlich angesehen wird. Es ist auffällig, dass im Konflikt um die Ukraine beide Seiten drohen: die russischen Separatisten mit der russischen Armee, die Ukraine mit den Nato-Truppen. Beide Seiten fühlen sich so stark, dass sie mit Tiraden den Hass schüren. Putins Russland wird unberechenbar und gefährlich bleiben, solange man dort vom Szenario einer expandierenden Nato ausgeht.

Die vermeintliche oder tatsächliche Bedrohung durch einen Nachbarn ist laut dem Zürcher Ethnologen Jürg Helbling das stärkste Motiv für den Präventivkrieg in Stammesgesellschaften (Artikel vom 5.9.). Auch wenn sie nicht eins zu eins auf Putins Russland übertragbar ist, zeigt sie einen möglichen Schlüssel zum Frieden in dieser Region: ein Wiener Kongress 2.0, der den Gürtel der europäischen Nachbarländer Russlands ähnlich neutralisiert wie jener vor 199 Jahren, der die Neutralität und Unabhängigkeit der Schweiz garantierte.

Die Schweiz unter Verdacht

Dem zweiten Verdacht, wonach der Pazifismus einen opportunistischen Antrieb haben könnte, ist namentlich die Schweiz im Ukraine/Russland-Fall ausgesetzt. Zwar hat der Bundesrat mehrfach seinen Willen betont, er wolle Umgehungsgeschäfte über die Schweiz verhindern, und er hat auch die notwendigen Verordnungen dazu erlassen. Trotzdem hält sich der Verdacht hartnäckig, die Schweiz wolle sich aus wirtschaftlichen Gründen nicht an der Eskalation beteiligen – etwa in der deutschen CDU, aber auch in den sich bedroht fühlenden Nachbarstaaten Russlands wie Estland.

Nun mag dieser Verdacht gegenüber den Freunden Putins gerechtfertigt sein, etwa gegenüber dem ehemaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder, der seit dem Ende seiner Amtszeit für russische Wirtschaftsinteressen in Europa lobbyiert. Es gibt bisher aber keine Belege dafür, dass die Schweiz seit den verschärften Sanktionen durch die USA und die EU vermehrt für Umgehungs­geschäfte benutzt wird.

Ermunterung der Gegenseite?

Der dritte Verdacht unterstellt den Pazifisten, sie würden indirekt den Aggressoren helfen. Ihr friedlicher, nicht auf militärische Drohkulisse bauender Ansatz sei eine Ermunterung für die Gegenseite, ihre Feldzüge fortzusetzen. Das könnte im Fall Russland heissen: erst Transnistrien, dann die Krim, dann den Landweg in die Krim, danach die Ostukraine, schliesslich jene baltischen Gebiete mit hohem russischen Bevölkerungsanteil . . . Aber ist die Gefahr eines Expansionsdrangs ohne Ende real? Diese Frage zu stellen, gehört zum Kern des aufgeklärten Pazifismus. Die Prüfung, welche Auswirkungen der Versuch einer pazifistischen Konfliktlösung haben könnte, ist elementar – wenn er allerdings dem Aggressor hilft, kann er keine Option sein.

Russland träumt wie jede gekränkte und gedemütigte Macht von seiner alten Grösse als Zarenreich oder jener als Sowjetunion, und das Land hat auch die militärische Stärke, um sich einzelne Territorien zurückzuholen. Doch es fehlt ihm trotz guter Rohstoffbasis die wirtschaftliche Stärke, um die Grossmachtfantasie zu beleben. Das hat der Kollaps der Sowjetunion 1989 in aller Deutlichkeit gezeigt; im Unterschied zu China oder Indien ist Russland auch nie zu einem wirtschaftlichen Tiger geworden. Russland ist als Grossmacht auf Dauer nicht überlebensfähig. Handelt die russische Führung rational, drohen keine weiteren Feldzüge. Offen bleibt allerdings die Frage, wie gross in Moskau der Rationalismus ist.

Eine Portion Naivität

Bleibt der Hauptverdacht, der Pazifist sei ein unverbesserlicher Naivling. Diesem Vorwurf war schon die frühe Generation von Militärdienstverweigerern ausgesetzt. Der damalige «Friedensapostel» Max Daetwyler war mit seiner weissen Fahne und dem wallenden Bart eine auffällige Gestalt in der Schweizer Öffentlichkeit ab den 30er-Jahren – dass ihn niemand richtig ernst genommen hat, zeigt schon das Etikett des Apostels. Wer den Militärdienst verweigerte, wurde damals vor Gericht gefragt, ob er sich nicht wehren würde, wenn seine geliebte Partnerin vergewaltigt würde.

Tatsächlich gehört eine gehörige Portion Naivität zum Wesen des bedingungslosen Pazifismus. Wie jede absolut gesetzte wertethische Haltung ist er nicht widerspruchsfrei lebbar. Umso nötiger ist die Justierung des Pazifismus-Begriffs – die Hinwendung zum aufgeklärten, differenzierten Pazifismus. Die Weltlage macht die Dringlichkeit dieser Justierung deutlich: Wer sich heute der Bewaffnung der Kurden zum Schutz vor den vorrückenden grausamen IS-Truppen widersetzt, argumentiert nicht pazifistisch, sondern naiv – oder verantwortungslos. Das hat damit zu tun, dass die schwer bewaffneten Aktivisten, die im 21. Jahrhundert ein neues Kalifat einrichten wollen, rationalen Argumenten gegenüber nicht zugänglich sind. Jeder Versuch einer Verständigung würde schon im Ansatz scheitern. Natürlich besteht wie in jedem Konflikt die Gefahr, dass die gelieferten Waffen der Gegenseite in die Hand fallen werden. Aber vorrangig ist, dass alles getan wird für den Schutz der Bevölkerung – diese Überzeugung muss insbesondere ein aufgeklärter Pazifismus vertreten.

Taube unter Falken?

Im Fall Russlands stehen die Chancen besser, dass sich mit Vernunftargumenten eine Verständigung erreichen lässt. Das bewies auch die Schweizer Diplomatie unter Führung von Aussenminister Didier Burkhalter. Als Vertreterin der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) konnte sie wenigstens die Gesprächskanäle offenhalten. Die Rolle der OSZE wurde und wird immer wieder als wirkungslos kritisiert, zeitweilig schien sie in der Tat ohne Wirkung zu sein. Die Organisation wurde als naiv bezeichnet, sie galt als antiquierte Taube, die sich in die Welt der Falken verirrt hatte. Nun hat die Organisation aber immerhin eine Waffenruhe mit ausgehandelt, die diese Region kurzfristig vor dem Schlimmsten bewahrt hat, etwa dem Sturm der aufgerüsteten russischen Separatisten auf die Hafenstadt Mariupol.

Gegenüber Russland sollten wir dem Frieden eine Chance geben. Damit bliebe der Krim-Konflikt eingefroren, die Halbinsel für die Ukraine vielleicht verloren. Aber das Land und weitere Teile von Osteuropa werden nicht in einen neuen sinnlosen Krieg geführt mit unabsehbar grosser Opferspur. Darum muss es hundert Jahre nach Beginn des grossen Schreckens im 20. Jahrhundert auf europäischem Boden in erster Linie gehen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.09.2014, 00:00 Uhr)

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