«Geld ist nicht patriotisch»

Der französische Philosoph Alain Badiou sieht die modernen Demokratien im Würgegriff des Kapitalismus. Er hat aber Rezepte, wie sich die Menschen vom Diktat der Ökonomie befreien könnten.

«Revolutionäre Politik ist auf lokaler Ebene unmöglich. Es braucht einen Vorschlag auf der Weltebene»: Alain Badious Plädoyer für Internationalismus. Foto: Stephanie Füssenich

«Revolutionäre Politik ist auf lokaler Ebene unmöglich. Es braucht einen Vorschlag auf der Weltebene»: Alain Badious Plädoyer für Internationalismus. Foto: Stephanie Füssenich

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zu Ihrem politischen Denken gehört das kritische Hinterfragen unserer Demokratien. Wo liegt das Problem?
So, wie man Demokratie heute versteht, denkt man an eine Staatsform mit Wahl- und Meinungsfreiheit. Tatsächlich aber unterliegen unsere Demokratien fundamental den Gesetzen des Kapitalismus, und sie sind dadurch sehr limitiert. Zeigt man den Regierenden Alternativen auf, verweisen sie auf den Wählerwillen. Fragt man umgekehrt die Wähler, be­rufen sie sich auf die Politiker – dies ist ein Teufelskreis, der verhindert, dass Demokratien emanzipatorisch handeln.

Immerhin bleibt die Möglichkeit, Regierungen abzuwählen.
In Frankreich haben wir mit François Hollande gerade eine linke Regierung. Doch die tut das Gleiche wie eine rechte. Sie sagt, sie sei gezwungen, Schulden zurückzuzahlen, Ausgaben zu kürzen und Ersparnisse anzulegen. Wenn es nur diesen Weg gibt, sind Wahlen eine Farce. Trotzdem erheben nationale Regierungen den Anspruch auf ein Monopol der Möglichkeiten. Das ist das Hauptproblem: Im Unterschied zur Politik agiert das Kapital global. Somit bleibt nur als Lösung, dass Politik international wird.

Ist politische Internationalisierung in der Europäischen Union nicht schon realisiert?
Die EU ist krummbeinig gebaut. Als wirkliche Autorität tritt die Europäische Kommission auf, eine Exekutivmacht des Kapitals, die nicht vom Volk gewählt wird. Mich überrascht, dass sich daran nur wenige stören, obwohl wir faktisch unter einem technokratisch bestimmten Regime leben und die EU damit Züge einer Diktatur trägt. Ich kann nur warnen: Europa wird in völliger Ohnmacht verharren, solange sich Brüssel in den Dienst des globalisierten Kapitalismus stellt. Ich sage das mit Bedauern, denn ich fühle mich als Europäer.

Allerdings scheinen sich nicht allzu viele Bürger als Europäer zu fühlen, wie die tiefe Stimmbeteiligung an den EU-Wahlen zeigte. Dafür haben die Rechtsparteien zugelegt.
Ein Phänomen der Krisenzeiten. Wenn die Menschen keine Perspektiven haben, klammern sie sich an Identitäten, und die finden sie im Nationalen, in der Tradition. Aber das bietet nur scheinbar Schutz, denn es führt zu keinerlei sozialen oder ökonomischen Veränderungen. Eigentliche Ursache für diesen defensiven Rückzug in die Identität ist, dass der Mensch in einer globalen Gesellschaft nur noch als Konsument etwas wert ist. Der Erfolg der Rechtsextremen ist die Quittung dafür. Trotzdem darf man nicht vergessen: Wenn man nur sagt, man möchte aus der EU austreten, tritt man in unlösbare Probleme ein.

Sollte man die Ökonomie dorthin zurückbinden, wo die Menschen mitreden können?
Wie wollen Sie das machen? Geld ist nicht patriotisch: Wirft es anderswo mehr ab, wandert es aus. Zudem ist eine revolutionäre Politik auf lokaler Ebene unmöglich. Wollen Sie eine Bank anzünden? Was wäre damit gewonnen? Morgen öffnet sie ihre Schalter in der Nachbarstadt. Es braucht einen Vorschlag auf der Weltebene, der den allgemeinen Rahmen für die lokalen Aktionen setzt. Deshalb hatte Marx vorgeschlagen, eine Internationale zu bilden. Diese Idee eines Genies wurde leider nicht realisiert. Ein Nationalstaat kann nicht durch nationale Restriktionen aus der Globalisierung austreten. Austreten geht nur nach oben – in den Internationalismus.

Die Schweiz hat kürzlich anders entschieden und sich an der Urne für eine Beschränkung der Zuwanderung aus der EU ausgesprochen.
Wäre ich Schweizer Bürger, würde ich heute auch zögern, was den EU-Beitritt angeht. Es ist nicht interessant, so zu werden wie Griechenland oder Portugal. Ich wäre hin- und hergerissen, wie immer, wenn man zwei Lösungen hat und keine der beiden richtig gefällt.

Deshalb ist es an der Zeit, neue ­Vorschläge zu machen.
Ja, wir sind dazu gezwungen. Wir leben in einer Zeit, in der die Vorstellung einer lebendigen Alternative zur bestehenden Ordnung abhandengekommen ist. Oder können Sie sich vorstellen, nicht in einer Demokratie und nicht im Kapitalismus zu leben? Jeder glaubt, die Kombination dieser beiden Ordnungen sei die einzig richtige. Dabei präsentiert sich der Kapita­lismus immer schamloser als Angelegenheit der privaten Gier, und die Demokratie bringt sich zusehends selbst in Verruf als apolitische Verwaltung raffgieriger Privatinteressen.

Wie könnte eine reale politische Alternative ausschauen?
Wenn ich das wüsste, würde ich eine Kampagne starten. Zumindest scheint es so zu sein, dass eine solche Alternative etwas zu tun hat mit einer Gesellschaft, die nicht unter der Herrschaft des Egoismus steht, wie das heute der Fall ist. Mit einer Gesellschaft, die anders organisiert ist als durch Privateigentum und Profitmaximierung – mit einer Form von Kommunismus.

Europas kommunistische Parteien sind weder gross noch wichtig. Wie wollen Sie denn das umsetzen?
Der Kommunismus, von dem ich spreche, hat nichts mit diesen Parteien zu tun. Diese sind Überbleibsel der Vergangenheit. Wir wissen, dass dieses Kapitel abgeschlossen ist. Die Sowjetunion ist zusammengebrochen, und China ist in Wirklichkeit kapitalistisch. Wir befinden uns an einem Punkt des Neuanfangs.

Das Wort «Kommunismus» hat für viele einen negativen Beigeschmack.
Deshalb muss man den Kommunismus neu bestimmen und erforschen, was er heute bedeuten kann. Ich denke an etwas Neues, allerdings mit demselben Ziel einer nicht durch Privateigentum und Profit organisierten Gesellschaft. Ich schlage eine dritte kommunistische Etappe vor, die historische Erfahrungen mit berücksichtigt. Es geht darum, Fehler zu vermeiden wie etwa jene des Terrors kollektiver Staaten, wie es ihn im 20. Jahrhundert gegeben hat.

Die Geschichte dieser Staaten bringt Sie nicht in Verlegenheit?
Nein, denn die hatte wenig mit Kommunismus zu tun. Der Kommunismus kann grundsätzlich keine Staatsmacht sein, vermutlich überhaupt keine Macht. Er muss eine Bewegung bleiben und darf sich nicht als Partei oder Regierung absondern. Gewalt als Geburtshelferin der Geschichte, wie Engels meinte, ist ein schlechtes Mittel, wie man heute weiss. Nein, wir sind heute in einer ähnlichen Situation wie Marx zwischen 1840 und 1850. Auch er konnte sich nicht auf Beispiele berufen. Wir müssen Kommunismus quasi bei null beginnen.

Die Umsetzung dürfte einen ­langen Atem erfordern.
Es gibt Grund, optimistisch zu bleiben, denn die Menschen beginnen zu erkennen, dass der Kapitalismus keine Option ist. Zuversichtlich stimmt mich auch, dass wir heute wieder in der Lage sind, überhaupt Vorschläge in Richtung Kommunismus zu machen. Bis vor kurzem konnte man nicht darüber sprechen, ohne gleich beschimpft zu werden. Das ist zwar ein kleiner Sieg, aber immerhin.

Wie Neues entsteht, beschreiben Sie in Ihren Werken. Dabei spielt der Begriff «Ereignis» eine wichtige Rolle. Wie ist er zu verstehen?
Da ich überzeugt bin, dass die Welt von mathematischen Gesetzen regiert wird, habe ich die Kategorie des «Ereignisses» in meine Philosophie eingeführt, um eine logische Erklärung für die Ent­stehung von Neuem vorzuschlagen. Man entdeckt es an Orten, die ich «Ereignis­orte» nenne. Damit sind die Schwachstellen in einem System gemeint. Man könnte sie auch Zonen der Fragilität nennen. Um sie aufzufinden, braucht es ein Bewusstsein, das nicht vom herrschenden System generiert wurde. Die Ereignisorte sind die Zäsuren in einer geregelten Welt. Einmal entdeckt, können daraus unerwartete, revolutionäre Ereignisse entstehen. Heute gilt es also etwa, die Ereignisorte des Kapitalismus zu suchen, um bereit zu sein, wenn ein Ereignis eintritt.

Was wären andere Beispiele von Ereig­nissen?
Beispiele finden sich in allen Bereichen des Lebens: Nehmen Sie die Französische Revolution. Damals waren selbst die Revolutionäre baff. Keiner konnte 1788 ahnen, dass die Revolution ein Jahr später losbrechen würde. Das Ereignis ist seinem Wesen nach undenkbar und kontingent: Es ist möglich, aber nicht notwendig.

Angenommen wir befinden uns am Ereignisort, an der Schwachstelle des Kapitalismus. Was können wir tun, damit ein revolutionäres Ereignis entsteht?
Sie müssen handeln! Ein Ereignis ist immer nur ein Vorschlag. Wenn Sie es aber annehmen, wird es real. Es braucht die Mitbeteiligung der Menschen. Nur dann entfaltet sich die neue Wahrheit, die dem Ereignis entspringt. Diesen Vorgang nenne ich «Wahrheitsprozedur». Sie verleiht der Wahrheit eine Univer­salität, indem sie sich in die Epochen der Welt «inkorporiert». Um das Beispiel der Französischen Revolution aufzugreifen: Die Errungenschaften, die sie hervorbrachte, bestimmen unsere Gesellschaft bis heute. Das Ereignis hat also universelle Wahrheiten hervorgebracht.

Auch die Liebe ist in Ihrer ­Philosophie ein Wahrheitsträger. Welche Rolle schreiben Sie ihr zu?
Wollen Sie dem Kapitalismus etwas entgegenhalten? Dann verlieben Sie sich! Damit können Sie die Welt verändern. Auch die Liebe ist Teil der Wahrheiten. Sie hat ihren Ursprung nicht in einer, sondern in zwei Personen, was eine dialektische Wahrheit zur Folge hat. Leider sind wir heute von der kapitalistischen Ideologie komplett vergiftet. Andauernd sind wir gefordert, uns in der Arbeits- und Liebeswelt gegen andere Rivalen zu behaupten. Infolgedessen basiert das Verhältnis zwischen den Menschen hauptsächlich auf dem Konkurrenz­prinzip. Die Liebe ist der Beweis dafür, dass es auch anders geht. Sie integriert die Differenz, die Unterschiede der Liebenden und bleibt doch ein gemeinsames Projekt. Die Bühne der Liebe ist der Ort, an dem eine singuläre, antikapitalistische Erfahrung der Welt stattfindet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.10.2014, 09:08 Uhr

Artikel zum Thema

Lieben im Kasino-Kapitalismus

Stewart O’Nan, der amerikanische Meisterdiagnostiker des Untergangs der Mittelschicht, macht in seinem neuen Roman «Die Chance» eine komödiantische Kehre. Hinreissend schwarz bleibt seine Welt trotzdem. Mehr...

Die Glocke des amerikanischen Kapitalismus

«Candy Crush» und seine Entwickler starten heute an der Börse. Die Hauptrolle bei der Zeremonie auf dem Balkon des New Yorker Handels spielt dabei ein Stück Metall. Mehr...

Alain Badiou
Philosoph und Kommunist

Alain Badiou, 1937 in Rabat geboren, ist Philosoph, Schriftsteller und Mathematiker. Sein Denken orientiert sich an Karl Marx und versucht, den Begriff Kommunismus in die Jetztzeit zu retten. Badiou war von 1969 bis 1999 Professor an der Universität Paris VIII, dann Direktor des Institutes für Philosophie an der École normale supérieure in Paris. Auch nach seiner Emeritierung arbeitet er am Collège international de philosophie. Er war zudem als Dozent bei der European Graduate School in Saas-Fee tätig. (TA)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Ein Ohrenschmaus: Das Glastonbury-Festival mit über 100'000 Besuchern, ging heute nach fünf Tagen zu Ende.Ein Zuhörer beim Verlassen des Geländes (26. Juni 2017). Revellers and detritus are seen near the Pyramid Stage at Worthy Farm in Somerset during the Glastonbury Festival in Britain, June 26, 2017. REUTERS/Dylan Martinez
(Bild: Dylan Martinez) Mehr...