«Goethe wäre froh gewesen um unseren heutigen Wortschatz»
Interview Markus Collalti. Aktualisiert am 29.07.2010 25 Kommentare
Rudolf Hoberg (74) ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der TU Darmstadt. Seit 1999 ist er Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache. Er war zudem Vorsitzender des Deutschen Sprachrats und gehörte dem Rat für deutsche Rechtschreibung an. Er ist Mitglied in den Jurys für das Wort und das Unwort des Jahres.
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Herr Hoberg, können wir kein Deutsch mehr?
Wir können alle sehr gut Deutsch; die Situation des Deutschen ist heute so gut wie nie zuvor.
Aber man hört und liest immer wieder, das Deutsche sei im Niedergang. Sind wir vielleicht miteinander strenger geworden?
Es kann schon sein, dass wir strenger geworden sind. Aber es gab zu allen Zeiten die Verfechter des sogenannten Sprachverfalls, die sagen, es sei alles schlechter geworden. Die frühesten Belege dafür gibt es bei den alten Ägyptern, und es gibt sie durch alle Jahrhunderte.
Und heute?
Man kann vieles an der heutigen Sprache kritisieren. Nur: Wenn man sagt, die Sprache verfalle, dann setzt das voraus, es sei früher besser gewesen. Das bezweifle ich.
War Goethes Orthographie denn nicht besser als die der Maturanden von heute?
Zu Goethes Zeiten gab es keine festgelegte Orthographie. Die gibt es erst seit 1902. Goethe hat geschrieben, wie er wollte, und auch zu unterschiedlichen Lebenszeiten unterschiedlich. Wir haben Untersuchungen zum Sprachverfall gemacht; unter anderem haben wir Maturaufsätze aus den letzten Jahrzehnten verglichen. Pauschal kann man sagen: Bei den Schülern ist alles besser geworden – mit Ausnahme der Rechtschreibung. Man muss aber berücksichtigen, dass die Schüler heute umfangreichere Texte schreiben. Und wer mehr schreibt, der darf mehr Fehler machen. Vergessen darf man auch nicht, dass sich das gesamte Bildungssystem verändert hat. Um 1960 haben etwa 8 Prozent eines Jahrgangs die Matur gemacht, heute sind es fast 40 Prozent.
Welchen Einfluss haben Schriftsteller? Haben etwa die Dadaisten der Sprache Schaden zugefügt?
Das, was in der Literatur passiert, hat normalerweise keine Einwirkungen auf die Alltagssprache. Ich kenne keinen lebenden Schriftsteller, der etwas an der heutigen deutschen Gemeinsprache verändert hat – im positiven wie im negativen Sinne.
Was macht also nun einen Sprachverderber aus?
Die Individualsprache kann natürlich «schlecht» oder «verdorben» sein - und das kann man selbstverständlich kritisieren. Was gut oder schlecht ist, ergibt sich aus dem zugrunde gelegten Wertungsmassstab, und der ist bei den meisten Menschen und besonders beim Bildungsbürgertum konservativ: Man hält das für gut, was man immer gemacht hat, und das für schlecht, was neu in eine Sprache tritt. Sprachentwicklung hat sich jedoch seit Karl dem Grossen bis heute dadurch ergeben, dass Menschen etwas anders gemacht haben, also gegen die Normen verstiessen und Fehler begingen. Und diese Fehler haben sich als neue Normen durchgesetzt.
Fehler als Fortschritt?
Das ist der entscheidende Motor der Sprachgeschichte. So findet man etwa immer häufiger für den Konjunktiv von «brauchen» «bräuchte». Richtig ist zwar «brauchte», aber immer mehr Menschen haben das Gefühl, ein Umlaut klinge schön und richtig. Und irgendwann wird dann «bräuchte» richtig. In einer Gesellschaft ist sprachlich richtig, was die Mehrheit tut. Die Schwierigkeit ist nur, zu ermitteln, was die Mehrheit tut.
Haben Grammatiker dann überhaupt Einfluss auf die Entwicklung der Sprache?
Grammatiker und Wörterbuchautoren beschreiben zunächst einmal nur den Ist-Zustand. Aber sie können und sollen selbstverständlich auch Wertungen nach vernünftigen Kriterien vornehmen. Wenn etwa immer mehr der Bedeutungsunterschied zwischen den Wörtern «scheinbar» und «anscheinend» verlorengeht, dann ist das schade, denn es geht eine Differenzierung im Deutschen verloren. Also machen wir darauf aufmerksam, über die Schule und die Medien, sie zu erhalten.
Und damit hat man Erfolg?
Vor allem über die Schule und die Medien. Sie spielen die grösste Rolle bei der Sprachpflege.
Gibt es Anzeichen, dass unsere Sprache nicht verfällt, sondern gedeiht?
Ja, dafür gibt es viele Anzeichen. Ich würde behaupten, es gab noch nie einen so grossen Wortschatz wie heute. Goethe wäre froh gewesen, wenn er unseren heutigen Wortschatz gehabt hätte. Natürlich ist vieles verlorengegangen – das ist zu jeder Zeit passiert, und das kann man beklagen –, aber mehr noch ist hinzugekommen. Auch im grammatischen Bereich ist es nicht schlechter geworden. Es hat sich vieles verändert, wie etwa die Formen des Konjunktivs. Aber zum Beispiel das Schwinden des Genitivs zu beklagen, ist völliger Unsinn. Es hat noch nie eine Zeit gegeben, in der mehr Genitive benutzt wurden als heute.
Als Schuldige für den «Sprachverfall» werden oft Anglizismen ausgemacht. Werden sie zum festen Bestandteil unserer Sprache, oder sind sie nur eine Art Sprachspielzeug, das schnell wieder langweilig werden kann?
Beides. Ich vermute, wir werden auch noch in zwanzig Jahren «Handy» sagen. Das ist ein so guter Anglizismus, dass mir Engländer oder Amerikaner häufiger sagen, man sollte ihn re-importieren und statt «cell phone» oder «mobile phone» verwenden. Das ist ein Wort, das wir vermutlich im Deutschen behalten werden – niemand weiss das genau –, und irgendwann schreiben wir es «Händi» und haben ein neues Wort. Ein Gegenbeispiel ist «cool», da zweifle ich, ob wir das in einigen Jahren noch haben werden. Es ist ein Modewort der Jugend und wird vermutlich aus der deutschen Sprache wieder verschwinden. Sollte es aber im Wortschatz verbleiben, dann haben wir neben «kühl» ein neues Wort, denn «cool» bedeutet ja im Deutschen nicht «kühl»: Kein Mensch sagt, er wolle ein «cooles Bier» haben, sondern Mädchen sagen, jemand sei «ein cooler Typ».
Die deutschen Wörter werden nicht verdrängt?
Ich kenne kein einziges deutsches Wort, das durch ein englisches verdrängt worden wäre. Es werden nur Bedeutungen weiter differenziert. Das häufig gehörte Wort «Kids» verdrängt zum Beispiel nicht das Wort «Kinder». Dreizehn-, Vierzehnjährige werden Kids genannt, meistens von Älteren. Die Kinder selbst nennen sich nicht so, denn es ist eine ironische Bewertung. Niemand würde hingegen im Gespräch fragen: «Wie viele Kids haben Sie?» Solche Differenzierungen könnte man natürlich auch mit deutschen Wörtern vornehmen. Doch das Englische kommt uns zuvor, da mit einer Sichtweise oder einem Sachverhalt aus dem englischsprachigen Kulturraum gleich das Wort mit herüberkommt.
Ist das Englische also doch eine Gefahr?
Man hat ausgerechnet, dass es 15 Prozent Fremdwörter im Deutschen gibt; ein Prozent davon sind Anglizismen. Der Anteil der Fremdwörter ist also relativ gross, der Anteil der Anglizismen dagegen noch relativ gering. Die Anglizismen-Gegner sind immer nur gegen die jüngsten Fremdwörter. Sie sagen aber mit grösster Selbstverständlichkeit «okay», weil wir das schon lange im Deutschen haben. Es gab jedoch noch nie eine Zeit, in der keine Fremdwörter ins Deutsche gelangten; heute kommen sie – wie auch in anderen Sprachen – fast ausschliesslich aus dem Englischen.
Das Englische hat einen ganz besonderen Status, oder?
Englisch ist die dominierende Weltsprache – die erste überhaupt, die es, soweit wir das wissen, seit Beginn der Menschheit gibt. Latein oder Französisch hatten nur in Europa eine dominierende Stellung, andere Länder wie etwa China kamen nicht unter ihren Einfluss. Es ist also eine ganz neue Situation. Das sollten wir berücksichtigen, bevor wir darüber urteilen. Zunächst können wir uns darüber freuen, dass wir, ohne die jeweilige Landessprache zu lernen, die ganze Welt bereisen können. Eine Weltsprache ist heute, im Zeitalter der Globalisierung, unverzichtbar. Die andere Seite ist, dass wir andere Sprachen pflegen und darauf achten müssen, dass sie nicht zurückgedrängt werden oder untergehen.
Muss man sich da um das Deutsche Sorgen machen?
Das betrifft uns weniger; Deutsch wird als Muttersprache in der Europäischen Union bei weitem am häufigsten gesprochen. Das betrifft kleinere Sprachen wie Litauisch, Lettisch oder auch Niederländisch. Doch hier liegt das Grundproblem der augenblicklichen Sprachsituation. Es liegt nicht in den Anglizismen. Die wichtige Frage ist: Was passiert mit den Sprachen ausser Englisch - ganz egal, ob mit oder ohne Anglizismen?
Sollten Wissenschaftler auf Deutsch statt auf Englisch publizieren?
Wenn ich Naturwissenschaftler oder Mediziner oder Techniker wäre und hätte etwas Neues zu sagen, würde ich das selbstverständlich auf Englisch tun. Aber ich sage diesen Berufsgruppen immer wieder: Sie müssen auch auf Deutsch publizieren - vielleicht in einem anderen Aufsatz, in einer anderen Arbeit -, weil sonst die deutsche Wissenschaftssprache verloren geht. Das würde dazu führen, dass wir in zwanzig oder dreissig Jahren Naturwissenschaften gar nicht mehr auf Deutsch studieren können, weil wir die Entwicklung in der Wissenschaftssprache nicht mitgemacht haben. Das ist eine Spagatsituation: Immer mehr Menschen werden Englisch lernen, und es wird immer mehr zur Zweitsprache werden. Das soll und kann man nicht verhindern. Es ist durchaus sinnvoll, dass manchmal in Betrieben Englisch gesprochen wird oder dass es englischsprachige Studiengänge an deutschen Universitäten gibt. Aber man muss selbstverständlich auch das Deutsche und andere Sprachen verwenden, weil sonst die Vielsprachigkeit in der Welt verlorengeht - und das wäre ein sehr grosser, ein verheerender Verlust für die Menschheit.
© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Erstveröffentlichung 25. Juli 2010. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 29.07.2010, 10:52 Uhr
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25 Kommentare
Super Artikel. Ich wohne seit fast 25 Jahren als Schweizer in den USA, meine Frau ist Amerikanerin. Als informatik-lastiger Berrater weiss ich nur zu viel ueber die Schwiergkeit, Anglizismen oder Fachausdruecke auf Deutsch zu uebersetzen. Im Moment arbeite ich wieder fuer eine Deutsche Firme und ich habe gemerkt, wie sich Deutschkenntnisse auf die Beziehung auswriken. Heimatsprache ist Heimat. Antworten
@peter sorg - .und es lebe die gleichschaltung - ich ziehe ein paar barrieren mit den damit verbundenen kulturellen vielfaelltigkeiten einem sprachlichen einheitsbrei auf jeden fall vor. Nicht gegen eine einheitliche zweitsprache aber eben zweite sprache ! Antworten
Sorgen machen mir nicht die Anglizismen, die Helvetismen finde ich viel schlimmer. Wenn mir bei einer beruflichen Weiterbildung ein sogenannter "Kommunikationsprofi" sagt, "schulmeisterlig" oder "Grümpel" sei ein schönes, deutsches Wort, dann frage ich mich wirklich, wie es um die deutsche Sprache steht.... Antworten
@ Peter Müller: In der reisserischen Überschrift ging es aber um Goethe, nicht um Bürger oder Bauern seiner Zeit. In der Printausgabe war der Artikel sogar mit den Worten angekündigt: "Hoberg attestiert heutigen Gymnasiasten ein besseres Deutsch als Goethe." Darauf, und auf nichts anderes, bezog ich mich... Antworten
Das sich eine Sprache zur Weltsprache durchsetzt ist definitiv zu begrüssen. Aber, aber Herr Hoberg: Wieso bitte soll ein mögliches Verschwinden der Vielsprachigkeit ein verheerender Verlust sein? Vielsprachigkeit schafft doch nichts anderes als künstliche Barrieren. Open your mind! Antworten
Sollten Wissenschaftler auf Deutsch statt auf Englisch publizieren? Dieser Zug ist schon längst abgefahren. Bin Molekularbiologe und ich hab keine Ahnung, wie die alltäglichsten Dinge in meinem Fachgebiet auf Deutsch heissen könnten. Ich könnte weder meine Artikel übersetzen noch jemanden auf Deutsch ausbilden. Antworten
2. Viel schlimmer ist die Sprachverluderung - nicht nur Anglizismen - in Wirtschaft, Werbung, "Expertentum" (v.a. Sozio- und Psychologie) und der Politik. Da wird mit vielen WOERTERN - nicht Worten - BESTENFALLS NICHTS gesagt. Und SCHLIMMSTENFALLS - bitte urteilen Sie selbst! Ach ja, wussten sie was ein "Facility Manager" ist? Ein Hauswart. Ist "Hauswart" denn ein unanständiger Beruf? Oh Gott! Antworten
1. Ich bin Theologe und Philosoph und "sprachkonservativ". Ich meine, dass "wir Deutschsprachigen" die Fähigkeit bewahren sollten, "Deutsch und Deutlich(!)" zu sagen, was wir wirklich sagen wollen, und auch in diesem Sinne verstanden zu werden. Da macht mir die "Jugendsprache" keine Sorgen, denn diese dient zuvörderst der Kommunikation und wird von den HörerInnen wohl auch richtig verstanden. Antworten
Mag sein, dass das heutige Deutsch einen höheren Wortbestand aufweist als zu Goethes Zeiten. Durchschnittlich verfügen wir trotzdem nur über einen aktiven Wortschatz von 6’000 – 10’000 Wörtern (nach Bussmann: Lexikon der Sprachwissenschaft), nach anderen Schätzungen vielleicht etwas mehr, Goethe jedoch hat ein Vielfaches davon in seinen Werken verwendet… Mehr dazu im Dummdeutsch-Blog... Antworten
Die Lektüre der Ausführungen des Germanisten hat mich sehr beeindruckt. Dass die deutsche Sprache schon immer gerne Fremdwörter "entliehen" hat, beweist die Tatsache, dass im sogenannten Mittelalter unzählige griechisch - lateinische Wörter übernommen wurden, später französische und heute eben englische. Das Russische fehlt. Aber wer denkt schon bei "Krawatte" an "Kroatien"? Antworten
Das ist absoluter Unfug und eine Beschönigung des Zustandes! Wenn seit Jahrzehnten die Messlatte runtergesetzt werden muss, damit sich überhaupt ein paar Hochspringer für die WM qualifizieren, findet trotzdem ein Rückschritt statt. Goethe würde rücklinks ins Grab zurückfallen, wenn er hören würde, dass heute in Deutschland niemand(!) mehr Grammatikregeln beherrscht und/oder anwendet. Antworten
Na ich hoffe doch sehr dass in Gewissen Bildungspolitischen Kreisen die letzte Frage und Antwort zu Gute/Herzen nehmen, anstatt wie alle Schafe in die gleiche Richtung zu blöken und immer mehr Studiengänge nur auf Englisch (insbesondere bei Master) anzubieten... Antworten
Kultur
young adult
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Hans Vögtlin
Ja, lieber Herr Professor, Ihre Ausführungen zum angeblichen Zerfall der deutschen Sprache klingen sehr theoretisch, selbst wenn sie auf Experi- menten beruhen. Ich war jahrzehntelang Deutschlehrer und Experte für Maturaprüfungen und musste feststellen, dass die Fähigkeit, sich klar auszudrücken, dauern abnahm. Der Wortschatz verarmte, und die stilist. Sicherheit ebenso. Haupturs. : Lesefaul. Antworten