Grossartiger Blick auf die Schweiz im rasanten Wandel
Von Guido Kalberer. Aktualisiert am 22.10.2009
Die Ausstellung
Aufbruch in die Gegenwart – Schweiz in Fotografien 1840-1960, Landesmuseum Zürich, 23. Oktober 2009 bis 28. Februar 2010. www.aufbruch.landesmuseum.ch
Im Limmatverlag ist ein empfehlenswerter Katalog mit 100 Fotografien erschienen, der von Dieter Bachmann und den Schweizerischen Landesmuseen herausgegeben wurde. 185 S., ca. 48 Fr.
Wir sind auf einem Schweinemarkt 1934 in Thun, in einem Schulzimmer 1943 in Biel im Goms oder auf einem schmalen Weg nach Goppenstein 1907, und wir sehen die Menschen, ihre Blicke und Kleider und denken unwillkürlich: Wie fern diese Welt doch ist! Obwohl noch keine 100 Jahre vergangen sind, erscheint uns die alltägliche Lebenswelt der Grosseltern, ja der Eltern, unendlich weit weg.
Mit beinahe ethnologischem Blick mustern wir unsere Vorfahren, um vielleicht doch noch einen winzig kleinen roten Faden zu entdecken, der ihre Welt mit unserer Gegenwart verbindet. «Der Beschauer fühlt unwiderstehlich den Zwang, die unscheinbare Stelle zu finden, in welcher im Sosein jener längst vergangenen Minute das Künftige noch heute nistet, dass wir, rückblickend, es entdecken können», schreibt Walter Benjamin 1935 in seinem Werk «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit».
Direkter Bezug zum Tod
Meist aber bleibt bloss das Befremden über die Fremden (und ein leises Schaudern darüber, dass auch wir in nicht allzu ferner Zukunft den neugierigen Blicken unserer Nachkommen ausgesetzt sein werden). Denn die Fotografie hat einen unmittelbaren Bezug zum Tod. Der französische Philosoph Roland Barthes sprach von dem «etwas unheimlichen Beigeschmack, der jeder Fotografie eigen ist: die Wiederkehr der Toten». Die Menschen, die da arbeiten, heiraten, wandern oder sonst etwas tun, haben das Zeitliche bereits gesegnet. Und wir werden zu Zeugen, dass sie einmal gelebt haben.
Das Landesmuseum in Zürich zeigt nun rund 300 Fotografien – die meisten entstammen dem wunderbaren Schatz des Basler Sammlerpaares Herzog – aus den Jahren 1840 bis 1960. In dieser Zeit verwandelt sich die Schweiz von einem Agrarland in einen Industrie- und dann in einen Dienstleistungsstaat. Die Fotografien lassen sich chronologisch lesen als fortschreitende Entwicklung oder, wie die Kuratorin Ricabeth Steiger dies tut, thematisch als Sozialgeschichte: Die Schweiz, die allmählich von einem Auswanderungs- zu einem Einwanderungsland wird, und die Schweizer, welche die Berge und Täler verlassen und die Städte im Flachland bevölkern.
Da die Bilder nicht an den Wänden hängen, sondern auf diverse Kuben im Raum verteilt sind, müssen sich die Besucher in Disziplin üben: Diese lineare Geschichte ist nur dann nachvollziehbar, wenn man sich an die Abfolge der Nummerierung hält. Und wer sich frei bewegt? Auch dem erzählen die Fotos ihre je eigene(n) Geschichte(n).
Es handelt sich um eine Sicht von unten: nicht die gesellschaftlichen oder sozialen Repräsentanten der Schweiz stehen im Zentrum der Ausstellung (wie allgemein bei der Sammlung Herzog), sondern unbekannte Menschen, die mehr oder weniger zufällig aufgenommen wurden von zumeist unbekannten Leuten. Neben anonymen Bildern gibt es auch solche renommierter Fotografen wie Gotthard Schuh oder Jakob Tuggener, Theo Frey oder Wilhelm Felber (auch sie richten ihren Blick immer wieder auf die Kleinen und Armen).
Erhabene Berge
Die Schau kann verstanden werden als eine Geschichte der Fotografie, aber auch als eine fotografierte Geschichte. Und was für eine Geschichte! Die Zeit, um die es geht, ist bis in die hintersten Täler geprägt vom «Aufbruch in die Gegenwart», so der Ausstellungstitel, vom rasanten Zivilisationsprozess in die und in der Moderne. Da erst die wachsende Mobilität und Beschleunigung diese Entwicklung in Gang setzen konnte, ist ihr – insbesondere der Flug-, Bahn- und Automobiltechnik – ein eigenes Abteil in der Ausstellung reserviert. Die zahlreichen Unfälle und Abstürze konnten die dynamische Vorwärtsbewegung des Landes nicht aufhalten. Nebensächliche Menetekel, welche für die Fotografen interessanter sind als die Routine der Normalität.
Und die Berge, die Friedrich von Martens in seinen frühesten Aufnahmen um 1850 erhaben wie das Matterhorn zeigte, hemmen die Entwicklung: Der Strassenbau reisst Wunden in das alpine Massiv, und die Eisenbahn verschwindet in mühsam freigeschaufelten Löchern. Die kollektiven Massnahmen zur Überwindung von Raum und Zeit hinterlassen Spuren auf den Gesichtern der Arbeiter: Effizienzsteigerungen, die zu Ermüdungserscheinungen führen.
Wandel hat Individuen geprägt
Die dreiteilige Ausstellung führt eines klar vor Augen: Der Wandel hat nicht nur die Gesellschaft beschleunigt, sondern auch den Menschen. Aus den Fotografien spricht uns eine antiquierte Auffassung von Zeit an. Das Unbewegte der Fotografie bekommt damit eine zusätzliche Bedeutung in der frühen Phase dieses Mediums: Es gab damals stets viel Armut, aber wenig Bewegung. Erst mit der Industrialisierung und dem damit einhergehenden Individualisierungsschub wird das Land aus seiner Starre und geografischen Enge erlöst und in die Zukunft katapultiert. Dieser strukturelle Wandel hat die Individuen nachhaltig geprägt – ein Prozess, der bis heute andauert.
Vielleicht ist es dieser Bruch, der uns die Distanz zu den Vorfahren als unüberbrückbar empfinden lässt. Es ist das Verhältnis zur Zeit, das unser Sein bestimmt – und nicht umgekehrt. Auch dies können die Besucher in dieser überragenden Schau lernen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.10.2009, 09:21 Uhr





