Grundpfeiler Schweinefleisch

Güzin Kar über ein sehr merkwürdiges Symbol der Fortschrittlichkeit.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Keystone

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Die grosse Abstimmung ist vorbei, da und dort murrt noch der Kater nach dem Feier- oder dem Frustbesäufnis, und trotzdem ist keine Zeit zum Ausruhen, denn wir müssen in die nächste Schlacht: In ganz Europa tobt der Frikadellenkrieg. Mit Europa ist nicht das marode Brüssel gemeint, sondern der Westen, dessen Werte in Gefahr sind, seit immer mehr schwule Muslime und vegane Lesben – oder wer immer auf so einen Brunz kommt – das gute, alte Schweinefleisch von unseren Tellern verbannen. Täglich hört man gruslige Nachrichten von der Ächtung von Wurst und Schinken aus übertriebener Rücksichtnahme gegenüber Nichtchristen.

Aber jetzt mal Klartext: Eure Religion ist uns Panzerotti. Was uns im Land nicht vergönnt ist, lassen wir uns am Herd nicht nehmen: In der Küche wird sich durchgesetzt. Während Deutschland über eine Schweinefleischpflicht debattiert, prescht Dänemark vor: In einer Kleinstadt wurde auf Drängen der Rechtspopulisten gesetzlich festgelegt, dass alle öffentlichen Einrichtungen, die über eine Kantine verfügen, dort Schweinefleisch anbieten müssen. Hoffentlich fragt keiner, ob in der dänischen Kleinstadt auch Vegetarier und Veganer leben.

Und jetzt haben wir schon wieder die Juden vergessen, die ebenfalls kein Schwein essen. Gut, die vergessen wir andauernd, das ist ja nichts Neues, dass die immer nur dann hervorgekramt werden, wenn eine Gesellschaft zeigen will, wie verdammt weltoffen und tolerant sie doch ist. Dann ist plötzlich von der christlich-jüdischen Kultur die Rede, und alle haben eine jüdische Grossmutter.

Liberté, egalité, cochonité

Jetzt stört diese aber ein bisschen, weshalb wir einfach so tun, als gäbe es überhaupt keine Juden und hoffen, dass die nichts sagen zu unserem grossen Schweinethema. Schweinefleisch ist nämlich nicht nur ein Grundpfeiler unserer Kultur, sondern Symbol für Fortschrittlichkeit. Liberté, egalité, cochonité. Je suis Schinken. Natürlich hat CVP-Pfister recht, wenn er fordert, nur noch christliche Asylbewerber ins Land zu lassen. Die Schweiz könnte sich abschreckend in Schwein umbenennen. Ein kleiner Buchstabe für ein Land, ein grosser, Sie wissen schon. Ausserdem wird es dann seltener mit Schweden verwechselt. Die Miss Schweiz heisst ab sofort Miss Piggy, und der Literaturclub wird in Schwartenshow umbenannt. Das Militär, das uns bald an der Grenze stehend vor Eindringlingen schützen wird, soll jeden Flüchtling mit einer Schlachtplatte empfangen und als Test «beissen Sie mal hier rein» sagen. So trennen sich Spreu und Haxen.

Für die, die leider schon da sind, böte sich an, bei der Einbürgerung keine Sprach-, sondern eine Wurstprüfung zur Erkennung diverser Sorten durchzuführen, eine Mischung aus «Wetten, dass ..?» und «Kassensturz». Vielleicht käme dabei dummerweise heraus, dass nicht nur die herzigen Schöggeli, die die SVP vor den Wahlen verteilte, «made in Germany» sind, sondern auch der Schweizer Hinterschinken.

Ein weiteres Risiko dürften die Milchbauern darstellen, die sich womöglich übergangen fühlen und fordern, Asylsuchende auf Lactoseintoleranz zu testen. Wir haben schon mehr als genug einheimische intolerante Veganer, da brauchts keine zusätzlichen aus diesen nordafrikanisch aussehenden Ländern mit all ihren Aus- und Anschlägen, da brauchen wir nicht noch Allergien aus Algerien. Denn wem unsere Grundwerte wurst sind, ist ein armes Schwein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 04.03.2016, 11:57 Uhr)

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