Kultur

«Gutmenschen», «Märkte» und andere Unworte

Aktualisiert am 05.10.2011 10 Kommentare

Nina Janich verkündet künftig das Unwort des Jahres. Die Darmstädter Professorin erklärt, warum ein solches überhaupt gekürt werden muss und was ein gutes Unwort ausmacht.

Die Vorschläge für das Unwort des Jahres 2011 stammen vor allem aus dem Wirtschaftsvokabular: Händler an der New Yorker Börse (15. August 2011).

Die Vorschläge für das Unwort des Jahres 2011 stammen vor allem aus dem Wirtschaftsvokabular: Händler an der New Yorker Börse (15. August 2011).
Bild: Keystone

«Das hat alles so direkt mit dem Leben zu tun»: Die Sprachwissenschaftlerin Nina Janich.

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Ob Nina Janich das Unwort des Jahres 2011 wie ihr Vorgänger Horst-Dieter Schlosser an eine Tafel schreiben wird, weiss sie noch nicht. «Mir schwebt da eher etwas mit einem Touchscreen vor», sagt die Professorin der Technischen Universität Darmstadt. Die Sprachwissenschaftlerin löst den langjährigen Jurysprecher Schlosser ab und wird das viel beachtete Wort im kommenden Januar erstmals verkünden.

Zuletzt hatte ihr Vorgänger «alternativlos» an die Tafel geschrieben. «Da waren wir uns schnell einig gewesen» erinnert sich Janich, die der Jury bereits seit zehn Jahren angehört. Nachdem sich der Frankfurter Sprachwissenschaftler zur Ruhe gesetzt hat, wird Janich das Unwort künftig in Darmstadt verkündigen.

Was ein gutes Unwort ausmacht

Bis zur feierlichen Verkündigung liegt aber noch ein wenig Arbeit vor der Jury, der in diesem Jahr auch der CDU-Politiker Heiner Geissler angehört. Das ganze Jahr über werden die eingereichten Vorschläge der Bürger gesammelt und vorsortiert. Aus der sogenannten A-Liste nennt dann jedes Jurymitglied drei bis fünf Favoriten. «Dann diskutieren wir bis zum Konsens», sagt Janich. Das könne schon mal zwei bis drei Stunden dauern.

Ihr eigener Favorit hat es dabei bislang «zwei bis drei Mal» auf Platz Eins der Unwörterliste geschafft. Ein «gutes» Unwort verstosse gegen demokratische Grundwerte oder diskriminiere ganze gesellschaftliche Gruppen. «Es muss auch immer belegbar sein und einen öffentlichen Stellenwert haben», betont Janich. Ein Begriff, der etwa nur in einem Firmenrundschreiben auftauche oder niemandem zuzuordnen sei, tauge daher nicht zum Unwort.

Lieblingsmissverständnis Italien

Ohnehin muss die Jury viele Einsendungen aussortieren, weil es sich um «Missverständnisse» handele. So würden häufig Namen von unliebsamen Politikern oder Ereignissen eingesandt. «Mein Lieblingsmissverständnis ist Italien», sagt Janich. Den Namen «Italien» zogen die Jurymitglieder nach dem unglücklichen Ausscheiden der deutschen Fussball-Nationalmannschaft gegen die Squadra Azzurra bei der WM 2006 gleich reihenweise aus den Umschlägen.

Anklagen oder belehren wollen Janich und ihre Jurykollegen mit dem Unwort des Jahres nicht. «Schreiben Sie bloss nicht Sprachwächter», fleht die 42-Jährige. Vielmehr soll ein Sprachbewusstsein geschaffen werden. Der verantwortungsvolle Umgang des gesprochenen Wortes ist ohnehin ein Steckenpferd der gebürtigen Erlangerin und Mutter dreier Töchter.

Schon während ihres Studiums der Literaturwissenschaften in Mainz fiel Janich auf, dass ihr Zugang zur Sprache methodisch und analytisch ist. Mehr als dicke Klassiker der Weltliteratur interessierten sie Aufsätze über Alltagssprache. «Das hat alles so direkt mit dem Leben zu tun», sagt Janich. Beeinflussen liess sie sich auch von ihrem Vater Peter Janich, einem mittlerweile emeritierten Philosophieprofessor an der Uni Marburg.

Ein Buch mit dem Papa ist geplant

Gemeinsam mit ihrem Vater will sie daher auch eine Einführung in die Sprachhandlungstheorie schreiben. «Es geht um die Verantwortlichkeit für das eigene Tun, anhand der Sprache, die wir benutzen», erklärt die Professorin.

Mit dem Unwort des Jahres 2011 hat sich die neue Jurysprecherin bislang noch nicht befasst, was auch an der Arbeitsteilung liegt. Denn die Vorauswahl übernimmt Jurykollege Martin Wengeler von der Uni Trier. «Bislang haben wir genau 400 verschiedene Vorschläge von 808 Einsendern erhalten», sagt Wengeler. Mit Abstand am häufigsten sei «Stresstest» im Zusammenhang mit der Bankenkrise als Unwort vorgeschlagen worden. Weitere Favoriten sind Wengeler zufolge «Restrisiko», «Gutmensch», «Rettungsschirm» und «Märkte».

Allerdings hat die Häufigkeit der genannten Begriffe keinen Einfluss auf die Entscheidung der Jury. Welches Unwort Janich auch immer präsentieren wird, Kollege Wengeler ist von der Nachfolgerin Schlossers überzeugt: «Ich bin mir sicher, dass sie das sehr eloquent und charmant machen wird.»

Welches ist Ihr persönliches Unwort des Jahres? (Oliver Teutsch/dapd)

Erstellt: 05.10.2011, 16:15 Uhr

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10 Kommentare

Christian Loetscher

05.10.2011, 16:32 Uhr
Melden 29 Empfehlung

Scheinasylanten. Oft verwendet von Scheindemokraten. Antworten


Samuel Landis

05.10.2011, 18:08 Uhr
Melden 20 Empfehlung

Die Verunglimpfung des sogenannten "Gutmenschen" erinnert an die Rhetorik der Nazipropaganda. Daher eindeutig das Unwort des Jahrzehnts. Antworten



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