Finger weg vom Kinn!
Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 23.02.2012 14 Kommentare
Zeigefinger an der Schläfe; Zeigefinger am Kinn; gestreckter Zeigefinger an der Backe und der Daumen im 90-Grad-Winkel unter dem Kinn; Kinn auf gekrümmten Zeigefinger gestützt; Kinn auf geballter Faust: Porträtfotos mit dem gewissen Extra sind überall. Sie stehen bei Experteninterviews in Zeitungen, auf Politikerinseraten, in Karriereprofilen. Moritz Leuenberger hat es gerne getan, Steve Jobs auf seinem Biografie-Cover ebenfalls und die Politikwissenschaftlerin Regula Stämpfli tut es immer wieder.
Zum Beispiel im «Blick am Abend» vor ein paar Tagen. Oberhalb der Kolumne steht Regula Stämpflis Konterfei. Sie ist etwas nach vorne gebeugt, ein leichtes Lächeln umspielt die Lippen, ihre dunklen Locken umrahmen das Gesicht. Aber nicht nur die. An Stämpflis rechter Backe thront ein ausgestreckter Zeigefinger mitsamt imposantem Klunker. Regula Stämpflis Fingerfoto ist aber nichts gegen das Porträtfoto auf der gegenüberliegenden Zeitungsseite, auf dem die Psychologin und Spin-Doctor-Expertin Judith Barben zu sehen ist. Das Foto zeigt eine fröhliche Frau mit strahlendem Lächeln. An der rechten Backe hängt jedoch nicht nur ein Finger, sondern gleich die ganze, flache Hand. «Huhuuu, hier bin ich!», scheint die Hand zu rufen.
«Ich würde davon abraten»
«In der heutigen Medien- und Kommunikationskultur scheint dieser Bildtyp in der Tat sehr beliebt zu sein», sagt Invar-Torre Hollaus vom Institut Visuelle Kommunikation an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Das ist ziemlich erstaunlich. Denn Hände im Gesicht sind heikel und lenken ab. Zum Bespiel bei Bewerbungen. «Ich würde davon abraten, sich mit einem Passfoto mit Finger im Gesicht zu bewerben», sagt Bert Höhn, Vizedirektor des Laufbahnzentrums Zürich. Ausser, es passe zur Person oder man wolle etwas Bestimmtes mit der Hand ausdrücken.
Genau das wollen die meisten Politiker, Experten und Berater mit Darstellungsbedürfnis. «Die abgebildete Person will seriös und gewitzt erscheinen und dem Betrachter signalisieren, dass sie die Sache nicht nur zu überdenken imstande ist, sondern auch im Griff hat, anpacken kann», erklärt Invar-Torre Hollaus. Und die Bewerbungsexpertin Miriam Koch von Karriere.ch glaubt, dass man mit derartigen Porträtbildern versuche, weniger steif und persönlicher zu wirken. Grundsätzlich sei es zwar eine gute Option zu einem konservativen Porträtfoto, doch es müsse zur Person und zum Thema passen.
Genau dieser Grad zwischen positiv auffallen und lächerlich daherkommen ist schmal, und es gelingt nur den wenigsten ihn zu meistern, wie Experten und Politiker uns täglich vorführen. Die Denkerpose wird teilweise auf lächerliche Weise interpretiert. «Mitunter kippen solche Arrangements ins Gegenteil und wirken grotesk und wenig überzeugend», so Invar-Torre Hollaus. Was bei einer starken Frau wie Regula Stämpfli noch funktioniert, wirkt bei anderen schnell lächerlich. Siehe obige Bildstrecke. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.02.2012, 09:09 Uhr
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