Kultur

«Ich begreife Deutsch als Fremdsprache»

Von Guy Krneta. Aktualisiert am 20.10.2010 296 Kommentare

Der Autor Guy Krneta kritisiert die Verkitschung der Mundart im Zuge des aktuellen Swissness-Marketings. Und verteidigt die Sprachkompetenz von jungen Schweizern.

«Von der SVP werden in den letzten zehn, fünfzehn Jahren auf primitivste Art Ängste geschürt»: Schriftsteller Guy Krneta.

«Von der SVP werden in den letzten zehn, fünfzehn Jahren auf primitivste Art Ängste geschürt»: Schriftsteller Guy Krneta.
Bild: Sebastian Hoppe

Zur Person

Guy Krneta ist Dramatiker und Spoken-Word-Autor. Seine Mundartstücke schrieb er unter anderem fürs Theater Basel und fürs Zürcher Neumarkt Theater. Er ist Mitglied der Gruppe «Bern ist überall» und tritt regelmässig im Trio mit Rapper Greis auf. Ausserdem gehört er zum «Morgengeschichten»-Team von Radio DRS 1.

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Standardsprache ist ein hässliches Wort, da gebe ich Peter von Matt Recht. Auch ich verwende es nur polemisch, um deutlich zu machen, welcher Krampf entsteht, wenn Schweizer Erziehungsdirektoren gesprochene Sprachen aus dem Bildungssystem auszuschliessen versuchen. Wenn Lehrerinnen angehalten werden, uns am (Berner) Elternabend mit «Ich begrüsse Euch alle» zu begrüssen, als wären wir Duzis. Und Kindergärtner ihre Knirpse auf Deutsch zu trösten haben. Die heftigen Reaktionen darauf waren vorhersehbar und ich ärgere mich grün und blau, wie leichtfertig da eine Sache, die mir am Herzen liegt, jenen angeblichen Heimatschützern zugespielt wird, die im gleichen Atemzug kein Problem damit haben, die Heimat mit Autobahnen zuzupflastern, für atomare Endlager zu lobbyieren, unsere Städte zu verspekulieren, das Sprachengesetz zu torpedieren sowie sämtliche Kultursubventionen zu bekämpfen, ob sie nun der Förderung des Jodelns dienen oder der Entstehung neuer Musik.

Wenn denn eine «gefühlsmässige Aufwertung» der Sprachen stattfindet, in denen Johann Peter Hebel, Kurt Marti oder auch (marginal) Robert Walser geschrieben haben, bedeutet das kein Verdikt gegen die Schreibsprachen von Gottfried Keller und Max Frisch. Es ist nicht leichter oder schwerer in Mundart zu schreiben als in Deutsch und es gibt in der Dialektliteratur nicht mehr Kitsch als in allen anderen Sprachen auch. Literatur ist immer sprachliche Neuschöpfung von Welt und jede Sprache ist angelernt. Dass ich den Vorschlag begrüsse (der, wenn ich mich nicht irre, unter anderem von Friedrich Dürrenmatt stammt), Deutsch als Fremdsprache zu begreifen, hat das damit zu tun, dass er meiner täglichen Erfahrung entspricht: Ich vollbringe, wenn ich einem Deutschen erzähle, was im Tram gerade geredet wird, eine klassische Übersetzungsleistung. Dem Selbstbewusstsein, das sich darin zeigt, Begriffe, Satzkonstruktionen und Aussprache bedenkenlos aus der Mundart in die sogenannte Standardsprache zu übernehmen, ziehe ich das Bewusstsein für die Differenz der Sprachen vor. Richtiger als den Kindergärtnerinnen den mundartlichen Mund zu verbieten, wäre es, ihnen die Möglichkeit zu geben, einige Semester in Deutschland zu studieren.

Neue Schreibcodes

Aber die Fixierung aufs Verhältnis von Mundart und Deutsch greift zu kurz. Wenn Maturandinnen und Maturanden mangelnde Deutschkenntnisse vorgeworfen werden, muss gleichzeitig festgehalten werden, dass sie sich vermutlich in mehr Sprachen zu bewegen wissen als ihre Altersgenossen zu früheren Zeiten. Wir wachsen längst nicht mehr zweisprachig auf, sondern vielsprachig. Die Sozialisierung mit Englisch fängt etwa so früh an wie die Begegnung mit dem deutschen Fernsehen. Kommt hinzu, dass ungefähr jedes dritte Kind eine weitere Mutter- oder Vatersprache kennt. Dass sich in einer Einwanderungsgesellschaft, die wir sind, die Mundarten dennoch (wenn auch vor allem klanglich-rhythmisch) so hartnäckig durchsetzen, finde ich bemerkenswert. Und es beschäftigt mich, dass der grösste Teil der mündlichen UND schriftlichen Kommunikation der Jugendlichen in Sprachen erfolgt, die aus unserem Bildungssystem ausgeschlossen sind. Diese Jugendlichen, die mit ihren Handys täglich neue Schreibcodes entwickeln, verfügen nicht über weniger Sprachkompetenz als die Jugendlichen früherer Zeiten, allenfalls über andere.

Die Verkitschung der Mundart im Zuge des aktuellen Swissness-Marketings hat mit Mundart wenig zu tun. Swissness ist eine so oberflächliche Begeisterung fürs angeblich Eigene wie ihre Kehrseite, die Fremdenhetze. Hier wie da geht es nicht darum, kulturelle Errungenschaften zu bewahren, zu leben und Differenzen zueinander ins Verhältnis zu setzen. Und gerade darum halte ich es für sträflich, die Sprachen den Ideologen zu überlassen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.10.2010, 15:14 Uhr

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296 Kommentare

Laurens van Rooijen

18.10.2010, 18:48 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Wer Schweizerdeutsch für eine eigene und Hochdeutsch für eine Fremdsprache hält, hat manches nicht verstanden - das ist meines Erachtens sprachgewordenes Sonderfall- und Inseldenken in Reinform. Wer dann noch meint, Mundart (SIC!) schreiben zu müssen, hat noch viel weniger begriffen. Die Verschriftlichung ist der Mundart geradezu wesensfremd - und nein, eine Dialekt-Orthographie gibt's nicht! Antworten


Peter Wenzel

16.10.2010, 09:56 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Danke sehr - niemals im Leben wird ein Bayer von einem Schweizer verlangen, in München eben Bayerisch zu sprechen, oder ein Lübecker von einem Schweizer verlangen Plattdeutsch zu sprechen, und bei Nichtbeherrschen des Dialektes ihn entsprechend als Sonderling oder sonstwen zu betiteln. Warum das hier aber so ist, entzieht sich mir seit über 20 Jahren. Antworten



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