«Ich bin eine Möchtegern-Lesbe»

Der englische Komiker Eddie Izzard tritt in Zürich auf. Sein Outing als Transgender gab ihm Kraft für 47 Marathonläufe.

Eddie Izzards Botschaft an die Welt: «Wir alle können mehr, als wir können». Foto: Hamish Brown (Getty Images)

Eddie Izzards Botschaft an die Welt: «Wir alle können mehr, als wir können». Foto: Hamish Brown (Getty Images)

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Hier gehts zur englischen Version des Interviews.

Die Regierung von Theresa May hat angekündigt, alle Schwulen zu begnadigen, die früher wegen ihrer Sexualität verurteilt worden waren. Halten Sie das für aufrichtig oder für blosse Propaganda?
Es könnte Propaganda sein, aber es lässt sich bei heutigen Politikern der Rechten und der Mitte tatsächlich eine moralische Haltung ausmachen. Die Konservativen waren ja überhaupt nicht liberal gewesen. Die frühere Regierung um David Cameron bemühte sich darum, sich als sozialliberal darzustellen, wenigstens bis zu einem gewissen Grad. Theresa May sagt jetzt, bringen wir dieses Gesetz durch, denn es enthält eine Botschaft an die westliche Welt, die wir verbreiten möchten. Ich finde, das sollten wir ihr im guten Glauben abnehmen.

Man fragt sich, was Oscar Wilde über diesen Entscheid gedacht hätte. Er war ja wegen seiner Homosexualität zu zwei Jahren Schwerarbeit verurteilt worden.
Ja, wann war das, vor 100 Jahren ungefähr? Er wäre erstaunt, wie weit wir inzwischen gekommen sind. Selbst ich als Transsexueller bin erstaunt. Wenn man bedenkt, wie viele Jahrhunderte, ja Jahrtausende lang solche Leute unterdrückt wurden, wie viele Frauen keine gleichen Rechte hatten, wird einem bewusst, wie lange die Leute brauchen, bis sie den Anschluss finden. Denken Sie an den Amerikanischen Bürgerkrieg, der ja gegen den Rassismus gewonnen wurde. Das war 1865, aber es dauerte 99 Jahre, bis die Bürgerrechte für Schwarze durchgesetzt wurden, Präsident Lyndon Johnson machte das möglich.

Viele Komiker sagen, sie hätten ihren Beruf auf dem Pausenplatz gelernt: Wer lustig ist, wird nicht verhauen. Wie war das bei Ihnen?
Die Grobiane gingen nicht auf mich los, leider aber auf andere. Ich versuchte es eher mit Argumenten als mit Komik. Die Leute zum Lachen zu bringen, damit fing ich erst mit 16 Jahren an. Ich war damals kein schöner Anblick, ich war rauflustig und eine Nervensäge. Aber ich liebe die Komik, was für eine grossartige Sache. Meine ganze Familie hat einen Sinn für Humor.

Izzards berühmtester Sketch in einer Lego-Version: Darth Vader in der Kantine des Todessterns.

Das Beste, das wir Ausserirdischen über unsere Zivilisation sagen können, ist doch: Wir sind lustig. Habt ihr was Besseres?
Ja, es ist so etwas Schönes. Schade, dass Tiere keinen Humor haben. Oder vielleicht haben sie ihn, aber wir merken es nicht. Es geht übrigens darum, einen guten Humor zu haben, denn er kann auch auf negative Weise verwendet werden. Die Bösen mit ihrem schrecklichen, manischen Gelächter.

Das Trump-Lachen.
Ja. Und diese Leute wollen wir nicht haben, die rassistischen Komiker. Wir ziehen jene vor, die über die Absurdität des Lebens lachen können, sich über sich selber lustig machen. Darum geht es doch.

Finden Sie, es sollte einen Nobelpreis für Humor geben?
(Er überlegt.) Das wäre nett. Andererseits gibt es auch keinen für Poesie, obwohl Bob Dylan ihn bekommen hat.

Genau.
Ich denke nicht, dass es einen solchen Preis je geben wird. Es gibt ja auch keinen Oscar für die beste Komödie. Denken Sie daran, im Mittelalter galten Schauspieler als Gesindel, heute hält man sie für grossartig. Nicht aber die Lustigen. Woody Allen mag einen Oscar bekommen, aber am häufigsten werden doch jene ausgezeichnet, die das Leben in all seinen Farben zeigen. Komödien bringen Geld ein, Komiker füllen grosse Hallen. Ich glaube, dass das bestimmten Leuten nicht gefällt.

Vielleicht sollte der Humor subversiv bleiben, statt Auszeichnungen einzusammeln.
Muss Humor subversiv sein? Er kann Regierungen verarschen, die Royals, den Adel. Aber Humor kann auch skurril daherkommen, surreal, das Absurde aufzeigend. Noch besser funktioniert er als Angriffswaffe. Klar ist: Man kann mit Humor nichts aufbauen. Aber man kann ihn in der Politik gegen jene einsetzen, die eine andere Haltung haben.

Izzard erinnert sich an das Grauen der Pubertät (live, ungenannte Location).

Glauben Sie, dass Humor noch etwas bewirken kann in unserem postfaktischen Zeitalter, in dem sich die Leute über die sozialen Medien nur noch die eigene Meinung bestätigen lassen?
Ich glaube nicht, dass Humor etwas verändert. Er funktioniert doch am besten mit jenen, die sich ihre Meinung bereits gemacht haben. Und sich dann darüber freuen, wie blöd Leute dargestellt werden, die sie selber für blöd halten. Ich denke nicht, dass ein Rechtsextremer wegen eines Witzes seiner Meinung ändern wird. Vielleicht ist Empathie etwas Genetisches. Du wirst als mitfühlender Mensch geboren oder eben nicht.

Wenn wir schon dabei sind: Hat Humor eine evolutionäre Funktion?
Ich bin mir nicht sicher. Humor setzt voraus, das Absurde zu erkennen. Und ich bin froh um ihn.

Über sich lachen zu können ist doch ein psychologischer Vorteil. Und es hilft beim Altern.
Ausserdem wird dein Gesicht fünf Jahre jünger, wenn du lachst. Vor allem wenn du schlechter Laune bist und über vierzig Jahre alt.

Als Ihr Kollege Billy Conolly in derselben Woche realisierte, dass sein Prostatakrebs sich ausgeweitet hatte, er ein Herzproblem hatte und an der beginnenden Parkinson-Krankheit litt, beschloss er, einen Dokumentarfilm über den Tod zu drehen. Wie würden Sie reagieren?
Vermutlich auf ähnliche Weise. Ich sehe die Sachen gerne positiv. Man muss die gute Seite sehen und darüber reden, damit die die Menschheit vorankommt und die Leute besser miteinander auskommen. Sich davonzumachen, zu lügen, nicht über Probleme zu reden hilf ja nichts.

Elvis Costello sagte im Gespräch, dass der englischen Humor das System stabilisiere, weil die Leute darüber lachen würden, statt es zu ändern.
Nicht das Lachen verändert die Zustände, sondern die Politik. Darum will ich auch dorthin. Du kannst dich als Aktivist einbringen, als Komiker, als Mitglied einer Lobbygruppe. Aber um Gesetze zu erlassen, die etwas verändern, musst du Politiker werden.

Izzard über James Bond und dessen Waffenmechaniker Q (live, ungenannte Location).

Sie reden seit vielen Jahren davon, in die Politik zu gehen, Sie wollten schon als Bürgermeister von London kandidieren. Was würden Sie als Politiker mitbringen, das andere nicht haben?
Ich will nicht mehr als Bürgermeister kandidieren, weil Sadik Khan es geworden ist, er ist grossartig. Sowieso: ein muslimischer Bürgermeister in Europa, das ist doch super. Ich werde aber in sechs Jahren für einen Sitz im Parlament kandidieren. Was ich mitbringe? Ich arbeite anders, ich bin hartnäckig und entschlossen. Und weil es mir finanziell gut geht, möchte ich, dass es allen gut geht. Ich glaube an die Wirtschaft und an die Ethik. Was ich kann, ergibt sich aus dem, was ich getan habe. Ich habe mich mit 23 Jahren als Transgender geoutet, ich bin in 51 Tagen 43 Marathon gelaufen, ich habe meine Show auch auf deutsch und französisch aufgeführt und vor kurzem mit einer spanischen Version begonnen. Ich sehe die Dinge positiv. Ich weiss nicht, was ich ausrichten kann, aber ich werde alles tun, was es braucht. Es ist kein Spiel für mich, ich will mir wirklich Mühe geben. Ich denke nicht, dass die Politik so schwierig ist, wie sie aussieht, aber ich weiss auch, dass sie nicht einfach ist.

Man bekommt bei Ihnen den Eindruck, dass Erziehung Ihnen sehr wichtig ist.
Erziehung ist der Schlüssel. Wenn die Leute eine gute Erziehung bekommen, steigert das ihr Selbstbewusstsein, ausserdem verstehen sie andere Kulturen besser. Schon Nelson Mandela hat gesagt, er wolle seine Leute erzogen haben. Auch beim arabischen Frühling zeigte sich, dass viele der jungen Leute eine bessere Ausbildung hatten.

Sie haben einmal über das Lernen gesagt, am Anfang müsse man eine Periode der Demütigung durchläufe. Sie haben all diese Marathonläufe absolviert, wie brachten Sie die nötige Disziplin auf?
Meine Disziplin stammt von jenem Tag im Jahr 1985, als ich vor die Türe trat und mich als Transgender outete. Ich bin ein heterosexueller Transgender, eine Möchtegern-Lesbe, wenn Sie so wollen. Leute fragen mich, ob ich bloss so tue, und ich antworte ihnen nein, so fühlt sich meine Sexualität eben an. Heutzutage haben immer mehr Menschen ihr Coming Out, was bedeutet, dass die Öffentlichkeit besser damit umgehen kann. Aber damals fühlte sich das sehr einsam an. Der Masse widerstrebte, was ich tat, aber ich hatte eine positive Einstellung dazu. Meine Disziplin bestand also in der schieren Sturheit, mit der ich mein Coming Out durchzog. Im Jahr 2009 beschloss ich dann, Marathonläufer zu werden. Wir alle können mehr, als wir können: Das ist meine Botschaft an die Welt.

«Ich mag Menschen, jedenfalls jene, die leben und leben lassen.»Eddie Izzard

Sie gehören zu den ganz wenigen angelsächsischen Komiker, die ihre Show in anderen Sprachen aufführen. Ist das nicht schwer? Die deutsche Syntax zum Beispiel ist doch völlig anders.
Nein, und ich kann es Ihnen beweisen. Ich bin sehr stolz darauf, zwei Monate lang in Deutschland und auf Deutsch aufgetreten zu sein. Ich möchte in Deutschland, Österreich und im Schweizerdeutsch auftreten, sage ich das richtig?

Deutschschweiz. Aber Sie können morgen in Zürich die englische Version bringen, wir können Englisch hier.
Ja, ich mache mein Programm auf Englisch, aber ich werde wiederkommen und es auf Hochdeutsch aufführen. Was Ihre Frage zur Syntax betrifft, ich kann das mit einem Witz erklären, den ich über Cäsar mache: «Did he ever think that he would end as a salad?» Wie würden Sie das auf Deutsch sagen? Der Satz ist im Imperfekt, und er endet mit einem Verb statt mit dem Substantiv. Also sagte ich: «Hat Cäsar je gedacht, dass er einmal als Salat enden würde?» Dennoch lacht auch das deutschsprachige Publikum, wenn auch den Bruchteil einer Sekunde später. Keine Bange also, es funktioniert.

Ihr Interesse an Europa berührt uns, weil wir uns von den Angelsachsen ausgeschlossen fühlen. Sie reden unsere Sprachen nicht und kümmern sich keinen Deut darüber, was wir denken. Das zeichnet sie aus.
Ich danke Ihnen, dass Sie das sagen. Mein Bruder Mark ist ein Sprachenexperte, er spricht fast fliessend Deutsch, Französisch und Spanisch und lernt seit einem Jahr Russisch. Wir arbeiten zusammen, es ist schön, wenn das in der Familie passiert. Nach der russischen Version meines Programms werden wir eine arabische Version entwickeln, schon nur um die Leute von Aden im Yemen zu begrüssen, wo wir beide geboren wurden. Ich glaube an die Menschen, ich mag sie, jedenfalls jene, die leben und leben lassen und politisch in der Mitte sind oder links und rechts davon. Dort befinden sich doch die meisten auf der Welt. Und auch die meisten Religionen behandeln andere, wie sie selber behandelt werden wollen. Solange wir uns so verhalten, geht es allen gut. Ich leiste meinen Beitrag als Komiker, ich will die Leute unterhalten und ein bisschen zum Denken bringen. Es geht mir einfach darum, lustig zu sein. Ich habe bis jetzt 28 Länder besucht, das ist doch wunderbar.

Ihre englische Heimat kommt einem weniger offen vor als auch schon.
Die Hälfte meines Landes hat rückwärtig gestimmt. Als wir 1975 über den Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft abstimmten, gewannen wir mit 61 Prozent, jetzt verloren wir mit 52 Prozent, also sehr knapp. Dazu kommt, dass viele Leute am Tag nach der Abstimmung nicht mehr wussten, warum sie für den Brexit waren. Bizarr. Sich aus dem einzigen gemeinsamen Markt zurückzuziehen ist doch Wahnsinn. Aber offensichtlich denken die Leute, dass zu viele Ausländer zu ihnen kommen, also muss man das anschauen. Ich sehe den Entscheid als Ende eines Kapitels.

Immerhin liefert der Entscheid viel Material für Sie als Komiker.
Ich mache nichts über den Brexit, weil er so schnell veraltet. Ich ziehe die Antike vor. Wenn die Leute zu meinen Shows kommen, mache ich keine Politik. Dazu müsste ich selber Politiker werden.

Eddie Izzard: «Force majeure Reloaded», Kongresshaus Zürich, Sonntag, 20 Uhr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.12.2016, 11:15 Uhr

Eddie Izzard

Ein Komiker wie keiner sonst

Der 54-Jährige Engländer hat seine laufende Show in vier verschiedenen Sprachen aufgeführt – und das in 28 Ländern. Er ist Mitglied der Labour-Partei und will in die Politik einsteigen. Morgen Sonntag tritt Eddie Izzard im Zürcher Kongresshaus auf – in Englisch. (jmb)

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Eddie Izzard stellt sich den Dialog zwischen Moses und dem brennenden Busch vor (2011, live im Madison Square Garden, New York).

Video

Izzard live at the Madison Square Garden 2011, die ganze Show.

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