Kultur

Ich, der Verräter im eigenen Land

Von Adolf Muschg. Aktualisiert am 10.09.2010 74 Kommentare

Kein Schweizer Intellektueller wird so oft angefeindet wie Adolf Muschg. Für Tagesanzeiger.ch/Newsnet schreibt er über seine Rolle als Verräter, Christoph Blocher und die ausgedünnten Medien.

Adolf Muschg (76) gehört zu den profiliertesten aber auch umstrittensten Schriftstellern der Schweiz. Wegen seinen unbequemen Aussagen zur Rolle der Schweiz und zur Neutralität wird er immer wieder angefeindet. Muschg war an der ETH Professor für Literatur, zwischen 2003 und 2005 Präsident der renommierten Akademie der Künste in Berlin. Kürzlich erschien im C.H. Beck Verlag sein neuester Roman «Sax». (Bild: Keystone )

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«Polit» – seit dem Ende des Kalten Kriegs hat sich das Sowjet-Kürzel (Politoffizier, Politruk) unbemerkt in den Sprachgebrauch eingeschlichen. Es signalisiert eine bestimmte Verödung der politischen Landschaft. Die reale Vielfalt der Meinungen verdorrt, als wäre, wie in meinem Garten, der Buchsbaum-Zünsler am Werk. Verstärkt wird der Schwund substanzieller Öffentlichkeit durch die Ausdünnung dessen, was einmal «Kulturteil» oder «Feuilleton» geheissen hat und jetzt cooler als «Life Style» oder gleich als «Leben» firmiert. Da muss auch ein Buch ein Stück «Leben» sein. Zugleich unterliegen die Bediener des Mediums dem Zwang zur schnellen Abfertigung, auch im Urteil; auf fünfzig Zeilen kann man sich nicht mit Gründen und Hintergründen beschweren. Das Produkt verlangt Aktualität, und wenn, wie Adorno meinte, «gut» in der Warengesellschaft so viel bedeutet wie «bekannt», so wäre es ja Zeitverlust, die Küche bei jeder Bestellung neu zu erfinden. Man bedient sich vorgekochter Gerichte und muss sie nur noch unter der Mikrowelle heiss machen. Dann aber serviert man sie mit dem Gestus der Exklusivität: Niemand soll denken, dass er Fast Food bekommt.

Auch der Kulturteil lebt vom professionellen Umgang mit dem bereits Geläufigen. Als kundenfreundlich gilt ein Produkt, wenn es fast auf der Stelle sättigt und die Verdauung nicht ungebührlich beansprucht. Was einer Substanz ähnlich sieht, verflüchtigt sich schon beim Konsum, doch was haften bleibt, ist eine feste Meinung. Man hat wieder einmal gelesen, was man eigentlich schon gewusst hat.

Auch das Kulturgeschäft beruht immer mehr auf der Simulation von Aktualität. Sie ist richtig in einer «Polit»-Landschaft, deren Teilnehmern vor allem an der Bestätigung vorgefertigter Standpunkte liegt. Die andere Meinung, da es nicht die meine ist, kann nur die falsche sein. Das Prinzip Reduktion kommt dem Orientierungsbedürfnis in einer Realität entgegen, die durch Globalisierung immer undurchsichtiger und unbehaglicher geworden ist. Wer uns sagt, wo wir stehen, und diesen Standort auch noch als Heimat verkaufen kann, ist unser Mann (Frauen neigen eher dazu, auch eine andere Seite zu sehen); und da auch die Heimat (was sie weit von sich weist) Marktgesetzen unterliegt, wähle ich auch politisch das Produkt mit dem besten Kosten-Nutzen-Verhältnis. Das Logo der SVP – ein über dem Horizont lächelndes Sönnelein – verkündet ein Gelobtes Land. Und dass hier ein Guter Hirte, anders als der biblische, das Schwarze Schaf nicht sucht, sondern ausstösst, ist nicht die Kehrseite des Idylls, sondern seine Konsequenz, bejaht und gefordert von allen unschuldigen Schafen, welche die Wir-Form des Plakats kostenlos weiss gemacht hat.

Hexenmeister Blocher

Blochers Wirkung beruht, seit der Ablehnung des EWR, auf der hochwillkommenen Verteidigung einer Illusion. Er mobilisiert zur alten Grenzbesetzung mit Mitteln des jeweils neuesten Marketing. Der Hexenmeister bringt die Schatten der Schweiz zum Verschwinden, indem er sie Unschweizern anheftet, seien es Zugewanderte oder – schlimmer – Verräter im eigenen Land, welche seine Grenzen nicht respektieren. Damit muten sie der Schweiz, angesichts einer komplexen Wirklichkeit, einen Widerspruch mit sich selbst zu. So wird zum Verrat, was in einer zivilen Gesellschaft nichts weiter wäre als die verdammte Pflicht und Schuldigkeit der Intellektuellen, denn in der Zumutung verbirgt sich ja auch Zutrauen in die gemeinsame Entwicklungsfähigkeit.

Was aber die Kunst betrifft: Ob mans glaubt oder nicht, Engagement ist nicht ihre Hauptbeschäftigung. Künstler müssen dem Land nicht seine Grenzen zeigen, sie haben mit den eigenen mehr als genug zu tun. Das Gelingen ihrer Arbeit misst sich daran, ob etwas aufscheint, was über ihre private Person erkennbar hinausreicht: eine Anderwelt, in der Licht nicht ohne Schatten vorkommt und umgekehrt, und die Figuren zeigen nicht nur schweizerische Eigenschaften, sondern menschliche. Alle Betroffenen müssen sich von der Kunst eine Kränkung gefallen lassen: Sie sind, gerade in ihrer Besonderheit, nichts Einmaliges.

«Verrat» ist kein ganz falsches Wort

Ja, die Kunst verrät, wenn sie gelingt, viel mehr als das eigene Land. «Verrat» ist da kein ganz falsches Wort; denn auch der Autor wird durch sein Werk zum Verratenen. Das Beste, was ihm beim Schreiben begegnen kann, hat er nicht vorausgesehen, und oft widersteht es seiner menschenfreundlichsten Absicht. Darin besteht die eigentümliche «Dienstleistung» der Kunst. Sie aktiviert den Möglichkeitssinn. Und eine Gesellschaft, die sie würdigen kann, leistet sich selbst einen Dienst, denn sie erkennt ihre eigene Freiheit wieder.

Für die Kunst selbst ist es kein Unglück, wenn ihr die Orthodoxen feindlich begegnen und die Bequemen lieber gar nicht. Doch frei gesinnte Mitbürger dürften schon etwas munterer werden, wenn Blochers Fiktion der Schweiz ihre Identität mit dem realen Land behauptet und mit diesem Anspruch die sogenannte Mitte so einschüchtert, dass sie sich zum Mitläufer der SVP-Agenda degradiert. Dann wird es, nicht nur für «Intellektuelle» hohe Zeit, die «Politszene» durch eine Politik abzulösen, die ihren Namen verdient: Dienst an der Polis, dem Gemeinwohl. Dieser Dienst ist unvereinbar mit konditionierten Reflexen; er hat (nicht ganz anders als die Kunst) viel mit Einbildungskraft zu tun. Wer die Realität nicht in der Möglichkeitsform lesen kann, wird sie auch nicht gestalten können. Natürlich ist keine Politik interesselos; doch es gibt auch ein öffentliches Interesse an politischer Weitsicht. Und für die Zukunft eines Landes kann es entscheidend sein, ob seine Repräsentanten sich für eine Vielfalt von Perspektiven interessieren oder nur noch von telegenen Vordergründen gebannt sind.

Die «Fehde» mit Blocher

Ich halte den verstellten und verteufelten Blick auf die EU für einen schweren Mangel an Politik. Aber nicht, weil «Europa» das Ziel all meiner Wünsche wäre, sondern weil dieses Europa aus seinem selbstverschuldeten Ende die Kraft zu einem ganz neuen Anfang gezogen hat: Eine dieser Konsequenzen ist die EU. Dass Blochers SVP für ihre Schweiz eine ganz andere Geschichte in Anspruch nimmt, ist kein Verbrechen, aber ein Fehler, mit dessen Korrektur wir noch lange beschäftigt bleiben.

Wenn ich den Beitritt zur EU als politisches Ziel betrachte, so weil ihre Errungenschaft bedroht ist, weniger durch eine Brüssel-Zentralbürokratie als durch die Wiederkehr des nationalen Egoismus, die ich anderswo nicht für weniger verhängnisvoll betrachte als im eigenen Land. Der kleine Bundesstaat, der sich als Willensnation versteht, hätte in dem prekären Staatenbund der EU etwas zu bieten; diese Mitgift wäre zugleich die beste Investition in die eigene Zukunft. Denn auch gute demokratische und föderalistische Gewohnheiten verkümmern, wenn man sich auf ihre Verteidigung beschränkt. Das Denkverbot der SVP verstärkt, was sie zu verhindern behauptet: die Abhängigkeit des Landes, und seine Unfreiheit. Denn der zwingende Nachvollzug europäischer Gesetze ist eben nicht «autonom»: Man hat nicht einmal bei ihrer Entstehung mitreden können – ein doppeltes Armutszeugnis, das die Schweiz nicht verdient hat.

Ich habe in «Sax» ein halbes Jahrhundert meiner Lebenszeit als Gespenstergeschichte geschrieben; sie reicht vom soliden Spuk der Siebzigerjahre bis zum virtuellen Ereignis einer Bundesratwahl. Die Parallelwelt des Romans verwendet auch Figuren, die man mit realem Personal verwechseln kann. Herr Blocher hat sich über das Buch berichten lassen und mir die kuriose Ehre angetan, wenigstens unsere persönliche «Fehde» darin wiederzufinden, und natürlich auch wieder einen Landesverräter meines Namens. Er hat sich damit um einen Spass gebracht, den ich denn doch noch ein wenig weiter getrieben habe, mit dem Ehrgeiz, den Titel wenigstens literarisch zu verdienen. Natürlich hat Blocher fast so wenig Zeit, ein Buch ganz zu lesen, wie die gestressten Trendsetter der schönen neuen Medienwelt. Sonst hätte er etwa erfahren, dass ich meinem Herrn Schiess nicht nur seine Anker-Bilder respektvoll überlassen, sondern ihn auch mit einem trotzkistischen Unternehmer (zu verwechseln mit dem Sibir-Gründer Stierlin) zusammengespannt und sogar für einen Bundesratssitz 2013 vorgemerkt habe. Aber der Romanschreiber will kein Prophet sein, fast so wenig wie ein Warner und Mahner.

Weshalb Intellektuelle wichtig sind

Womit bestreitet der Intellektuelle, in der Schweiz oder anderswo, sein Kerngeschäft des Fragens, wenn nur noch Antworten gefragt sind, die auch noch fertig genug sein müssen, um sie flott an die Kunden zu bringen? Als Schriftsteller müsste man es noch schwerer haben: Welche Geschichte ist nicht schon erzählt? Nur die Medien fragen immer noch ungerührt, ob eine Nachricht auch eine «Geschichte» sei, denn nur als solche kommt sie an. Ganz neu muss sie sein, versteht sich, und unerhört, damit sie dem Leser auch schon wie bekannt vorkommt: Dann ist sie gut. Auch das noch nie Dagewesene muss typisch sein; wirklich befremden soll es nicht. Was bleibt da noch für die Literatur zu tun?

Immer noch alles, glaube ich. Wenn jede Information in ein Raster fallen muss, dann wächst auch der Raum für das, was offen bleibt, ins Ungeheure – kein leeres Wort, wenn man in den Konstrukten der medialisierten Weltordnung das Wahn- und Phantomhafte gar nicht mehr übersehen kann. «Medium» war in meiner Jugend noch die Bezeichnung für eine Person, welche die Gabe besitzt, mit Toten Kontakt aufzunehmen. Was, weniger spukhaft betrachtet, eigentlich nichts anderes – und nichts Geringeres – heissen will als das Vermögen, die Stimmen unserer eigenen Geschichte zu hören; nicht der «Geschichten» welche die neuen Medien verabreichen, sondern der Geschichte, die wir sind, mit Leib und Blut, unverbesserlich.

Geschichte des Lebens

Diese Geschichte aber erzählen nicht wir, sie erzählt uns. Sie ist einige Millionen Jahre tief, und die Annahme ist nicht phantastisch, sondern biologisch begründet, dass sie mit jedem Individuum wieder neu beginnt. Wir bleiben Anfänger, und alles Einschneidende, was uns im Leben begegnen kann, hat mit Grenzen zu tun; was die Kultur einer Person, aber auch einer Gruppe, einer Zivilisation begründet, ist der Umgang mit Grenzen. Der Tod ist die ernsthafteste, aber die Erfahrung von Endlichkeit ist gerade diejenige, die wir am wenigsten gern machen. Da muss dann etwa eine Landesgrenze für die Ewigkeit sicher gemacht werden; und ihre Befestigung gilt auch als Bürgschaft unserer Identität en bloc, als wüssten wir nicht, dass wir sogar zur Bestreitung eines Familienhaushalts mehr als nur eine brauchen. Aber der Sicherheitswahn bleibt stärker als jede Erfahrung, und diese vermag auch gegen Idole wie Fortschritt und Wachstum nichts auszurichten; man kann die Chance der Aufklärung des Menschen in eigener Sache getrost als hoffnungslos betrachten.

Aber wird sie davon überflüssig? «Ich glaube, weil es absurd ist», der Satz eines Kirchenvaters gilt nicht nur für die Frommen (die nicht danach zu handeln pflegen), er gilt noch mehr für Leute, die sich, aus welchem Grund immer, keinen persönlichen Gott herausnehmen, der die Bilanz der Menschengeschichte ausgleicht. Sie brauchen den Sinn des Lebens nicht kennen, um die Versöhnung mit unseren Grenzen zu suchen, nicht trotzdem – darum. Sie wissen, dass das menschliche Gehirn im gleichen Kopf ebenso des Besten wie des Schlimmsten fähig ist. Und doch dürfen sie diesem Organ immer noch eher trauen als seiner wissenschaftlichen Entschlüsselung, es spottet dieses Versuchs nicht anders als die kleinsten oder die grössten Komponenten des physikalischen Universums.

Ein Organ, das zugleich die Daten unserer Evolution speichern und immer noch unabsehbar grossen Handlungsfreiraum erübrigen kann, ist nicht nur, wie ein Rechner, zum Werkzeug geschaffen. Wären die grauen Zellen nur für 0-1-Entscheidungen oder Schwarzweisswahrnehmung programmiert, wir könnten keine Strasse heil überqueren. Offenbar ist dieses Geschichte machende Organ für eine adäquate Verarbeitung jener komplexen und widersprüchlichen Informationen ausgerüstet, welche die elektronische Revolution einer praktischen, die politische Regression einer schrecklichen Vereinfachung zuführt. Wir werden durch die Schutzbehauptung ökonomischer Notwendigkeit betrogen und durch die Aussicht auf raschen Gewinn besprochen – als wüsste der Rechner am besten, womit ein Mensch seine Zeit gewinnt oder verliert.

Was wir «ökologisch» nennen, ist der noch tastende Versuch, mit unseren Grenzen reifer umzugehen; noch reden wir lieber von «Umwelt» als uns ihre Erzeuger zu genau anzusehen. Niemand kann findiger dafür sorgen, dass der Mensch ein unbekanntes Wesen bleibt, als er selbst. Hegel hat für die Lücken seines Systems eine «List der Vernunft» einspringen lassen; aber wer sich von der Heilsgeschichte verabschiedet hat, sucht seine Heil vielleicht besser in der Gnade der Unvernunft, denn auf diese bleibt Verlass. Dieser Fährte nachzuspüren, könnte dann der wahre Beruf des intellektuellen Fragens sein. Und die Kunst kann ohnehin nicht anders, als diese Suchbewegung nachzuzeichnen. Sie vermag keinen Weg als Irrweg abzutun, aber auch keinen als Königsweg empfehlen; Lebenshilfe hat sie nicht zu bieten. Aber sie kann einigermassen gelassen abwarten, ob sich im chaotischen Gewimmel springender Punkte, die sie sammelt, ein Muster zeigt. Vielleicht lässt sich das Gesicht eines immer noch Unbekannten, des Menschen, darin lesen. Damit hätte sie am Ende doch noch den Platz in den Medien verdient, den sie nicht gesucht hat: in der Rubrik «Leben». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.09.2010, 11:27 Uhr

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74 Kommentare

Hansruedi Schnider

10.09.2010, 22:32 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Banale Zeilen. Von einem Intellektuellen erwarte ich mehr. Adolf Muschg ist ein guter Schriftsteller mehr nicht! Ein Intellektueller ist bereit für einen offenen Disput und zeigt die Offenheit welche er fordert. Antworten


Marc Monder

11.09.2010, 07:55 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Es ist entlarvend, wie Herr Muschg die Opposition von Intellektuellen gegen die SVP als gegeben betrachtet und damit klar macht, dass als "intellektuell" in der Schweiz nur jemand betrachtet wird, der vorher eine politische Glaubensprüfung abgelegt hat. In dieser Perversion liegt der Grund für die Ablehnung der hiesigen Pseudointellektuellen, die sich als Elite aufspielen will, es aber nicht ist. Antworten




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