Ich heirate meinen Toaster

Güzin Kar über lesbische Fadenwürmer und Drag-Tintenfische.

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Die Ehe für alle rückt näher, und seit sie in Deutschland nicht mehr Wunsch, sondern nahe Zukunft ist, dürfte auch dem hinterletzten Mann-Frau-Evolutions-Samenstreuer bei uns klar geworden sein, dass er und seine Weltsicht bald und unweigerlich abtreten werden. Noch einmal wird sich aufgebäumt, noch einmal wird auf Affen und Wühlmäuse gezeigt und geklagt: «Natur, Natur, o Fortpflanzung, was ist aus dir geworden? Der Genderwahn ist schuld, der hebt den Grundsatz der Ehe, wonach diese Kinder hervorbringen soll, auf. Da kann ich ja gleich meinen Toaster heiraten.»

Die Winkelriede der Hormone sehen ihr Ende gekommen und bereiten sich aufs qualvolle Ende vor. Nun könnte man die armen Tröpfe beruhigen, indem man darauf hinweist, dass keinem etwas weggenommen wird und dass bei niemandem eine staatlich zugeteilte Lesbe klingeln wird. Oder indem man einwendet, dass Natur und Fortpflanzung noch nie ein brauchbares Argument für oder gegen Ehe und Partnerschaft waren. Weshalb dürfen dann Frauen jenseits der Menopause oder nachweislich zeugungsunfähige Männer heiraten?

Ausserdem bleibt es unlogisch, den Menschen selber von der Natur auszunehmen und zu einem Kopierprogramm des Tierreichs zu erklären. Der Mensch ist kein Copy/paste-Bonobo, der all seine Handlungen auf Bananen und Hoden herunterbrechen soll. Nur sind die Heterofanatiker gänzlich unempfänglich für Einwände dieser Art.

Schwule Pinguine und Transgenderfische

Deshalb machen wir das jetzt umgekehrt. Wir argumentieren für einmal selber mit der Natur. Zum Beispiel mit Pinguinen. Im Zoo von Bremerhaven stellten sich 6 der 20 Pinguine als schwul heraus. Die Pinguine hegen einen so starken Kinderwunsch, dass sie fremde, verlassene Eier ausbrüten und sich gemeinsam als Männerpaar um den Nachwuchs kümmern. Es gibt lesbische Albatrosse und Fadenwürmer. Am lustigsten aber ist es bei Fruchtfliegen. Nimmt man ihnen einen bestimmten Geruchsrezeptor weg, können sie Weibchen und Männchen nicht mehr unterscheiden und begehren das, was gerade da ist. Was für ein Scherzkeks diese Natur doch ist.

Es gibt Tiere, die das Geschlecht wechseln. Nicht aus Versehen, sondern aus Prinzip. Clown­fische zum Beispiel sind solche Transgenderfische. Da können sich die Männchen flugs in weibliche verwandeln. Männliche Tintenfische hingegen verkleiden sich gern als Frauen, indem sie temporär die Farbe von weiblichen annehmen, um sich vor Angriffen anderer Männchen zu schützen. Diese Dragfische sind derart perfekt in ihrer Tarnung, dass sie sich sogar halbseitig als Frau und halbseitig als Mann präsentieren können. Diese Spielart gibt es bei uns Menschen, soweit ich weiss, noch nicht. Da haben wir noch was aufzuholen.

Auch Forellen täuschen Orgasmen vor

Liebe Naturfanatiker, könntet ihr euch bitte dafür einsetzen und gleich eine Bezeichnung für diese Art Mensch kreieren? Die weibliche Tüpfelhyäne hingegen hat sich im Laufe der Evolution derart vermännlicht, dass sie ein merkwürdiges Geschlechtsorgan hervorgebracht hat, das sowohl gebären als auch erigieren kann. Die hat bereits die ganze Ehe in Personalunion. Apropos Ehebett: Weibliche Forellen täuschen Orgasmen vor. Vielleicht gibts am Fischkiosk eine bunte Forellenrevue, in der steht: «Daran merken Sie, dass Ihre Partnerin den Fischlaich gar nicht abgelegt hat und Sie ins Leere ejakuliert haben.»

Die Gegnerinnen und Gegner der Ehe für alle sollten es unterlassen, länger auf Fortpflanzung und Natur zu verweisen. Die Natur ist ein bisschen wie Oscar Wilde: Man findet immer ein passendes Zitat, das die eigene Haltung untermauert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.06.2017, 15:05 Uhr

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