«Ich konzentriere mich auf den blanken Horror des Krieges»

Christoph Bangert hat Grausames gesehen, er fotografiert in Kriegen. Im Buch «War Porn» zeigt er nun seine Bilder. Mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet spricht er über die Würde des Menschen und die Ästhetik des Schreckens.

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Ihr soeben erschienenes Buch, das die rohe Brutalität des Krieges in Bilder fasst, heisst «War Porn». Warum der reisserische Titel für dieses sensible Thema?
Den Vorwurf, meine Bilder seien pornografisch, höre ich ständig. Natürlich kann man solche extremen Aufnahmen als entmenschlichend oder pornografisch bezeichnen. Ich glaube aber, dass dies bei den meisten eine Ausrede ist, damit sie sich nicht wirklich mit den Fotos auseinandersetzen müssen. Menschen fühlen sich zudem in ähnlicher Weise zu Pornografie hingezogen wie zu Bildern, die Gewalt zeigen. Wir können offensichtlich solche Aufnahmen nicht nicht anschauen. Gleichzeitig haben wir aber ein schlechtes Gewissen, wenn wir es tun.

Im Kontrast zum provokativen Titel steht das kleine, unscheinbare Format des Buches.
Ich habe für diese Fotografien bewusst einen sehr intimen Rahmen gewählt. Und es ist mir wichtig, eine gewisse Kontrolle darüber zu behalten, in welchem Kontext diese Bilder gezeigt werden. Ich wollte beispielsweise keine Ausstellung, an der die Leute mit Chardonnay und Knabbergebäck in der Hand an grossformatigen Leichen vorbeischlendern.

Die Essayistin Susan Sontag hat sich wiederholt mit der Frage beschäftigt, welches Abstumpfungspotenzial die Publikation von Kriegsbildern beinhaltet. Kann sich der Schrecken solcher Bilder tatsächlich abnutzen?
Man muss unterscheiden. Meist wird in den Medien das Drama des Krieges gezeigt: junge Männer mit Kalaschnikows, Explosionen, Panzer im Gegenlicht. An solche oft zu harmlosen Aufnahmen gewöhnt man sich tatsächlich. Aber ich konzentriere mich nicht auf die Dramatik, sondern auf den blanken Horror des Krieges – und daran kann man sich nicht gewöhnen.

Aber genau diese harten und verstörenden Bilder sieht man kaum. Sollten sie Ihrer Meinung nach öfter auch in Tageszeitungen gedruckt werden?
Es ist schwer, diese Bilder anzusehen. Es geht um die allerschrecklichsten Dinge. Aber die Menschen in den Kriegsgebieten sehen das ja auch. Sie sehen zerfetzte Körper und verstümmelte Kinder. Es ist ihre Realität. Ich halte es deshalb für journalistisch falsch, den wahren Schrecken so stark auszublenden, wie dies heutzutage oft der Fall ist. Andererseits dürfen solche Aufnahmen auch nicht auf den Titelseiten von Boulevardzeitungen erscheinen. Man muss immer abwägen, jedes Bild sorgfältig diskutieren.

Eines Ihrer irritierendsten Bilder zeigt eine Leiche auf einem Müllberg mit fast komplett abgetrenntem Kopf.
Ich war mit der irakischen Armee in einem umkämpften Aussenbezirk Bagdads unterwegs, als wir auf einem Müllhaufen die Leichen zweier Männer entdeckten. Einen hatten die Täter erschossen, dem anderen die Kehle durchgeschnitten. Streunende Hunde hatten die leblosen Körper zusätzlich verunstaltet. Die irakischen Soldaten näherten sich nur sehr vorsichtig den Leichen, da sie befürchteten, dass diese mit Sprengsätzen versehen sein könnten.

Verletzen solch schockierende Fotos nicht die Würde des Menschen?
Ich bilde ja nur Dinge ab, die tatsächlich geschehen sind. Was den Opfern widerfahren ist, verletzt die Würde des Menschen, nicht die Dokumentation des Verbrechens. Weder beim Fotografieren noch beim Betrachten des Bildes tun wir den Menschen etwas Böses. Oft sind es sogar die Opfer selbst, die um ein Bild bitten. Sie wollen, dass man ihr Leiden darstellt, dass die Welt erfährt, was ihnen Schreckliches widerfahren ist. Aber natürlich respektiere ich es, wenn Menschen sich nicht fotografieren lassen wollen.

Den geköpften Unbekannten auf der besagten Aufnahme konnten Sie aber nicht um Erlaubnis bitten.
Das stimmt. Ich habe mich trotzdem entschieden, auch dieses Bild zu zeigen. In meinem Buch habe ich die Selbstzensur für einmal völlig ausgeschaltet, um einen anderen Blick auf den Krieg zu ermöglichen.

Was sagen Sie zu Susan Sontags Forderung, dass Bilder, die das Leiden zeigen, nicht schön sein dürfen.
Manchmal werde ich kritisiert: Deine Bilder sind ja viel zu ästhetisch. Aber warum soll ich ein schlechtes Foto machen, nur weil die Dinge, die ich sehe, schrecklich sind? Die Menschen tendieren nun einmal dazu, eher gelungene Bilder anzusehen als langweilige. Warum sollte ich technisch schlechte Fotos machen, wenn ich es besser kann? Und warum sollte man schlechte Fotos ansehen, wenn man auch grossartige ansehen kann, die vielleicht einen Funken entzünden und dazu führen, dass sich Menschen wirklich für das Thema Krieg interessieren?

Aber es ist doch absurd, inmitten verkohlter Leichen über die richtige Blende und einen spannenden Bildaufbau nachzudenken?
Natürlich ist es das. Aber Krieg ist absurd. Ein Krieg besteht aus Absurditäten und Horror. Und ich bin nun einmal vor Ort, um Bilder zu liefern. Dazu gehören auch ganz furchtbar brutale. Das ist meine Legitimation, überhaupt dort zu sein. Tue ich das nicht, habe ich versagt.

Kriege sind politische Konflikte. Es gibt die vermeintlich Guten und die Bösen, Aggressoren und Opfer. Hat man als Fotograf eine politische Schere im Kopf?
Jeder, der als Journalist einige Zeit in einem Kriegsgebiet war, ist automatisch gegen den Krieg und gegen jene, die ihn führen. Er ist automatisch auf der Seite der Schwächsten, auf der Seite jener, welche die grösste Last tragen. Neutral ist niemand, doch ich versuche als Journalist so professionell wie möglich zu arbeiten und über Ereignisse so zu berichten, wie ich sie erlebt habe.

Hilft Ihre Arbeit den Opfern?
Sicher nicht unmittelbar. Aber ich glaube daran, dass meine Arbeit einen informierenden Wert hat. Dass sie Menschen aufwühlen und ihr Mitgefühl wecken kann. Auch Susan Sontag, mit der ich in gewissen Punkten nicht ganz einig bin, erkannte, dass das Bild der nackten und schreienden Kim Phuc wohl mehr zum Widerstand gegen den Vietnamkrieg beigetragen hat als alles, was sonst über die Barbarei geschrieben und berichtet wurde. Da sich unser Gehirn in Standbildern erinnert, tragen Fotografien zudem wie kein anderes Medium zur Aufrechterhaltung der Erinnerung bei. Sie sind die beste Absicherung gegen das Vergessen.

In Ihrer Erinnerung sind viele grausame Bilder gespeichert. Wie lebt es sich damit in der Normalität des Alltags?
Ich lege nach Reisen in Krisengebiete immer lange Pausen ein, damit es nicht zu viel wird und ich das Erlebte verarbeiten kann. Interessanterweise braucht die Rückkehr in die Normalität die meiste Kraft. Man muss sich furchtbar bemühen, die Leute mit ihren kleinen Problemen ernst zu nehmen. Aber man muss es tun, sonst wird man wahnsinnig. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.05.2014, 12:22 Uhr

Christoph Bangert wurde 1978 in Deutschland geboren. Seine Ausbildung absolvierte er unter anderem am International Center of Photography in New York. In den Jahren 2005 und 2006 war er neun Monate für die «New York Times» im Irak, die Arbeit aus dieser Zeit wurde im Buch «Iraq: The Space Between» gesammelt. Andere Einsätze als freier Fotograf sowie auf Auftrag tätigte er unter anderem in Palästina, Darfur, Afghanistan, Pakistan und Nigeria. Seine Fotografien wurden in zahlreichen renommierten Publikationen veröffentlicht, wie zum Beispiel in der «Newsweek», dem «The New York Times Magazine», der «Geo», dem «Spiegel» und der «Time». Seine Arbeit wurde mehrfach ausgestellt und prämiert. Christoph Bangert ist verheiratet und lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Uster.

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