«Ich lasse mir mein Land nicht wegnehmen»

«Selbst ernannte Schweiz-Besitzer» und «politische Fundamentalisten» schaden uns auf Dauer nur, sagt der Zürcher Literaturwissenschaftler Peter von Matt.

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«Die Heimat der Schweiz ist Europa», sagten Sie am 1. August auf dem Rütli. Würden Sie uns das erklären?
Die Schweiz liegt mitten in Europa, gehört auf diesen Kontinent, ist mit ihm historisch tausendfach verbunden. Sie ist weder kulturell noch was die Nahrungsversorgung oder die Wissenschaft betrifft selbsttragend. Sie lebt vom Austausch mit den anderen Ländern. Das ist eine Form von Heimat.

Und trotzdem will die Mehrheit der Schweizer nicht in die EU.
Die Isolationisten unterschlagen die Vernetzung und Verbundenheit des Landes mit Europa. Mit Erfolg.

Finden Sie, wir müssten in die EU?
Die Schweiz will jedenfalls die Probleme nicht zur Kenntnis nehmen. Sie schaut immer nur ein, zwei Jahre voraus. Sie ist wie ein Mann, der sich im dichten Nebel vorwärtstastet. Bezeichnend ist die Wendung, die ich seit vielen Jahre höre: «Die Frage des EU-Beitritts ist im Moment vom Tisch.»

Aber würden Sie Ja zur EU sagen?
Das hängt von den ausgehandelten Bedingungen ab. Heute entmündigen wir uns immer mehr. Wir übernehmen laufend Gesetze, zu denen wir nichts zu sagen hatten. Wir können unser politisches Wissen nicht einbringen. Das verbrämen wir mit grotesken Formulierungen wie «autonomer Nachvollzug».

Wann kommt der Beitritt wirklich auf den Tisch?
Das hängt ab von den kommenden Krisen. Die Unvorhersehbarkeit hat dramatisch zugenommen. Wir haben eine Kette von Krisen hinter uns, die alle unvorhersehbar waren. Zum Beispiel die nachrichtenlosen Vermögen. Kein Mensch hat das Problem kommen sehen, und es hat der Schweiz enorm geschadet. 9/11 war auch nicht vorhersehbar. Und jetzt die Wirtschaftskrise. Das kommt plötzlich wie Tsunamis. Die Schweiz aber sagt, sie brauche niemanden. Das Wort «Unabhängigkeit» wird eingesetzt, als sei es völlig eindeutig. Unsere politische Sprache krankt an solchen Knallbegriffen.

Nennen Sie uns weitere Begriffe?
«Volk». Hier gibt es zwei Bedeutungen. In der liberalen Tradition besteht das Volk aus selbst denkenden Einzelnen, die von Fall zu Fall Mehrheiten bilden. Jean-Jacques Rousseau aber hat das Volk zur kompakten Einheit erklärt, die eine einzige Meinung hat, die Volonté générale. Diese gilt in jedem Fall, ohne Rücksicht selbst auf eine beschlossene Verfassung. Wer sie nicht teilt, gehört nicht zum Volk. Der Historiker Herbert Lüthy hat gezeigt, wie dieser Volksbegriff zum ersten Mal von den Jakobinern eingesetzt wurde, um ihre Massenmorde zu rechtfertigen. Und dass seither alle totalitären Systeme, der Stalinismus wie die faschistischen Regimes, konsequent damit operiert haben.

Neuerdings tut es unsere SVP.
Sie liebäugelt mindestens damit. Sie sagt: Der Volkswille steht fest, und unterstellt, wer nicht so denkt, gehöre nicht zum Volk. Ich habe bei der Minarett-Initiative Nein gestimmt. Für diese politischen Fundamentalisten gehöre ich nicht mehr zum Volk. Merci.

Wie sehr irritiert Sie das Ja zur Minarett-Initiative?
Ich fürchte, die Schweiz hat sich in den eigenen Fuss geschossen. Wir haben ein Zeichen in die Welt gesetzt, über das wir keine Deutungshoheit haben. Jeder kann es interpretieren, wie er will. Das ist unheimlich. Ein auffälliges Detail, das Minarett, wird aus dem Zusammenhang gelöst, zu einer Hauptsache erklärt und bengalisch beleuchtet. Das ist im Grunde politischer Kitsch.

Die Rechte ortet Islamgefahr.
Ich will das nicht vom Tisch wischen. Der politische Machtanspruch der Imame ist gefährlich wie jede Pfaffenherrschaft. Aber das Minarettverbot ist keine Therapie. Es ist eine reine Drohgebärde. Man kennt das aus der Zoologie. Die Schwäne plustern sich auf und fauchen, wenn fremdes Getier naht.

Zum Minarettverbot in der Verfassung gibt es einen historischen Vorläufer, das Jesuiten- und Klösterverbot. Sehen Sie als Katholik die Parallele?
Ich habe viele Jahrzehnte im Bewusstsein verbracht, als Innerschweizer Katholik ein Bürger zweiter Klasse zu sein. Auch die Drohgebärde gegen den Islam ist ein Zeichen der Verachtung. Die Wirkung von Verachtung wird bei uns kaum diskutiert, ist aber etwas vom Gefährlichsten im zwischenmenschlichen Bereich. Dass jetzt wieder ein konfessioneller Ausnahmeartikel in die Verfassung kommt, kränkt mich als Staatsbürger. Ich habe das nicht verdient.

Manche Frauen wollten offenbar ein Zeichen setzen gegen den Machismo, sie fühlen sich in der Öffentlichkeit bedroht.
Sperren die Muslime ihre Frauen denn in die Minarette? Können sie jetzt nicht sogar sagen: Das ist offenbar das Einzige, was euch stört, und wir brauchen uns nicht weiter anzupassen? Aber es gibt tatsächlich eine neue Praxis des Prügelns. Junge Leute ziehen aus, um friedliche Bürger, wie sie sagen, abzuklatschen. Dagegen wird zu wenig getan. Aber was hat das mit dem Islam direkt zu tun? Die Schweizer, die dies in München gemacht haben, waren vollchristliche Jünglinge aus einem sehr feinen Biotop. Ich werde nie sagen, es gebe keine Schwierigkeiten mit dem Islam in der Schweiz. Jede Einwanderung schafft Probleme. Wenn die Familien Blocher und Schlüer nicht in die Schweiz eingewandert wären, hätten wir auch ein paar Probleme weniger.

Wie geht man mit konkreten Immigrationsproblemen um?
Man sucht staatspolitische Lösungen. Was jetzt läuft, ist übrigens keineswegs neu. Wenn man ein alter Mann ist, hat man alles schon einmal erlebt. In der Schwarzenbach-Ära ging es gegen die Italiener. Es hiess, die Schweiz werde italianisiert und katholisiert.

Italianisiert wurde sie wirklich.
Nur im Kulinarischen, und dies zu ihrem Besten. Das Essen, das ich während meines Studiums in öden Tearooms hinunterschlingen musste, diese Wienerli mit einer Schnitte Brot, der Salat im Essigwasser: grauenvoll! Ich hätte alles gegeben für eine Pizza. Noch 1965 gab es im Land keine einzige Pizzeria. Die vielen italienischen Arbeiter, die man damals verteufelte, sind heute fröhlich integriert.

In der erwähnten Rütlirede sagen Sie auch: «Unser politischer Instinkt hat eine Kompromiss- und Versöhnungskultur entwickelt, die heute so beispielhaft ist wie eh und je.» Glauben Sie weiterhin daran?
Eine einzige Abstimmung verändert die Schweizer Geschichte nicht. Nach wie vor existiert diese Kompromisskultur bei uns, wohingegen etwa in Deutschland «Kompromiss» ein Schimpfwort ist.

Die Schweiz will offen und tolerant sein. Das wird noch schwieriger.
Selbstbild und Fremdbild der Schweiz klaffen seit langem auseinander. Die Schweiz nimmt immer zwei Haltungen gleichzeitig ein. Einerseits wirft man sich in die Brust und sagt: Wir brauchen niemanden, wir sind unabhängig. Anderseits ist man gierig zu hören, dass jemand Gutes über einen sagt. Wenn in Miami in einer Zeitung steht, «Switzerland is nice», wird das bei uns inbrünstig zitiert.

Wenn Prominente in die Schweiz kommen, fragen die Journalisten auch immer: Gefällt es Ihnen hier?
Man fischt nach Lob. Da zeigt sich so etwas wie ein positives Trauma. Die Schweiz ist psychisch fixiert an die Weltkriegsjahre, als sie sich als ein verschworenes Volk erlebte, friedlich, niemanden bedrohend inmitten der mörderisch kämpfenden Staaten Europas. Dieser politische Glückszustand ist im kollektiven Unbewussten gespeichert. Aber die Welt sieht uns längst nicht mehr so. Für die Welt sind wir ein kaltes, berechnendes Land. Die italienischen Zeitungen ziehen scharf über die Schweiz her. Doch wir nehmen solche Stimmen nur wahr, wenn sie aus Deutschland kommen. Dabei sind die Deutschen das Volk, das uns am meisten Sympathie entgegenbringt. Dort haben wir Freunde. Trotzdem leisten wir uns einen kindischen Antigermanismus.

Der plakative Gestus kommt an. Die SVP hat mit ihm grossen Erfolg.
Die politische Sprache der Schweiz laboriert an der Differenz zwischen einem plakativen und einem differenzierten Reden. Das führt zu chronischen Begriffsverwirrungen und Verständigungsproblemen.

Was ist an der SVP trotz allem gut?
Sie legt verdrängte Dinge auf den Tisch, zwingt die Schweiz zu Entscheidungen. Sie hat auch einiges an verknöcherter Political Correctness aufgebrochen. Aber ihr Isolationismus ist seinerseits verkalkt.

Neuerdings verlangt die Rechte, wir bräuchten eine «Leitkultur». Was halten Sie von diesem Begriff?
Das Wort ist importiert. Wir sind immer stolz gewesen auf die Vielfalt der Schweiz. Der Schriftsteller C. F. Ramuz hat gesagt, die einzige Gemeinsamkeit unseres Landes seien die gelben Briefkästen. Das hat etwas. Das Wort Leitkultur kann analytisch oder polemisch gebraucht werden. Je nachdem taugt es etwas oder nichts.

Rechte wie Christoph Blocher reden hämisch über «die Intellektuellen». Wie reagieren Sie?
Da tut ein studierter Jurist, als sei er ein Hügelbauer aus dem Toggenburg. Solche Rollenspiele gehören zur Politik. Aber auch die bäuerliche Schweiz ist längst nicht mehr so naturnah, wie man uns einredet. Auf den Wiesen wächst kaum eine Blume mehr, kein Käfer lebt in unseren hochsubventionierten, zu Tode gegüllten Grasplantagen. Um der Milchschwemme willen haben wir das vielfältigste Leben umgebracht.

Aber wieso hat die SVP so viel Erfolg?
Ich weiss nur, dass es ein verbreitetes Empfinden von drohenden chaotischen Zuständen gibt. Daher flüchtet man sich in einen Regulierungswahn. Tanten sollen keine Kinder mehr betreuen ohne Genehmigung. Wellensittiche dürfen nur noch zu zweit gehalten werden. Zwölfjährige müssen im Auto auf einen Spezialsitz. Das Minarettverbot hat auch damit zu tun.

Ist es demnach Spiegelfechterei?
Es gibt kaum Minarette bei uns. Ebenso gut hätte man die Kamele in der Schweiz verbieten können, die auch irgendwie muslimisch sind.

Wie geht es weiter?
Die Politik darf nicht länger nur um der nächsten Wahlen willen betrieben werden.

Es fehlen Leute, die Stärke zeigen.
Ich mag den Ruf nach dem starken Politiker nicht, die stillen Schaffer sind mir lieber. Aber in der Europapolitik gibt es tatsächlich eine Lähmung. Es ist schlicht so: Wir brauchen Verbündete für die Tsunamis der Zukunft. Die Isolationisten werden es nicht richten. Nehmen Sie nur das Problem der Nordanflüge auf den Zürcher Flughafen: Da kam von dieser Seite zwar lauter Protest, aber nicht der Hauch einer Lösung. Die Vorstellung der Schweiz, sie könne in der völlig unberechenbar gewordenen Geschichte mit dem Rücken zur Welt leben, ist ein Luxus.

Sind wir für das Ausland jetzt vollends kaltherzige Egoisten?
Im Grunde sind wir ja schon recht. Alle Länder wursteln sich durch. Das Problem ist nur, dass wir immer auch noch besonders sympathisch sein wollen. Wir das Heidi, die andern das Fräulein Rottenmeier.

Möchten Sie manchmal auswandern?
Warum auch? Überall wird geprahlt und hart gearbeitet, gelogen und einander geholfen. Ich bin gern Schweizer. Meine Vorfahren waren Reisläufer und Landvögte im Tessin. Sicher keine Engel. Ihr Land ist auch meines. Ich lasse es mir von selbst ernannten Schweiz-Besitzern nicht wegnehmen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 31.12.2009, 12:18 Uhr)
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