«Ich tanzte drei Stunden um Che Guevara herum»

René Burri ist einer der bedeutendsten Fotografen seiner Generation und erhält heute den Swiss Press Photo Life Time Achievement Award. Im Interview spricht er über Lebensgefahren, Che und verpasste Chancen.

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Haben Sie ein Handy mit Fotofunktion?
Nein, das hab ich nicht. Das Fotografieren mit dem Handy überlasse ich all den anderen Millionen von Menschen.

Klingt da Ironie durch?
Nein, ich finde das super. Wenn die Leute heutzutage herumreisen und ständig fotografieren, schauen sie sich zumindest daheim an, wie es in den Ferien war. Das klingt ein wenig ironisch, ich meine es aber nicht so schlimm. Wenn es den Fortschritt nicht geben würde, würden wir immer noch auf Bäumen sitzen und Bananen essen. Die grosse Schwierigkeit ist es jedoch, in der grossen Fülle von Bildern die guten zu finden. Ausserdem braucht es eine gewisse Moral beim Fotografieren.

In welchem Moment drücken Sie nicht ab?
Es gab verschiedene Momente, in denen ich nicht abgedrückt habe. Ich arbeite momentan an einem Buch, in dem ich Fotos beschreibe, die ich alle nicht gemacht hab.

Zum Beispiel?
Kurz nach dem Ende des Sechstagekrieges war ich in der Wüste Sinai und hatte plötzlich das komische Gefühl, dass jemand hinter mir ist. Ich drehte mich um und sah eine schwarze Hand aus dem Sand ragen. Ich hatte einen riesigen Schock. Obwohl ich das Foto mit dem toten Soldaten schon vor mir in Magazinen gesehen habe, sagte ich mir: Diese Aufnahme machst du nicht. Der Mann kann sich nicht mehr wehren. Ich konnte es moralisch nicht verantworten. Deswegen habe ich auch meine Chance verpasst, ein Paparazzo zu werden.

Wie das?
Ich hab mich als junger Fotograf auf den Strassen New Yorks herumgetrieben. Eines Morgens kam in der Upper East Side eine elegante Dame mit schwarzer Sonnenbrille auf mich zu. Erst im letzten Moment hab ich realisiert, dass das Greta Garbo ist. Wie ein Segelschiff rauschte sie an mir vorbei und ich war so perplex, dass ich meine Leica nicht hochbekommen habe, um ein anständiges Foto von ihr zu machen. Da hab ich realisiert, Burri, zum Paparazzi reicht es dir auch nicht. Ich habe gelernt, dass das nicht der richtige Weg für mich ist, Menschen zu begegnen. Ich habe versucht, den Prominenten auf menschlicher Ebene näherzukommen.

Eins Ihrer berühmtesten Bilder ist ein Schwarz-Weiss-Porträt von Che Guevara.
Es ist wie eine Kugel an meinem Bein. Nein im Ernst. Dieses Foto war natürlich höchst positiv für mich. Aber auch dieses Foto ist aus einem Negativum entstanden. Ich war 1958 von sechs Monaten in Südamerika nach Paris zurückgekehrt. Es hiess, Burri, du fliegst morgen nach Havanna, die Revolution steht bevor, wir haben Kontakt zu den Rebellen. Ich fand jedoch, so schnell passiert da unten nichts, und ging stattdessen mit meiner Familie in der Schweiz Ski fahren. Und prompt habe ich das Wichtigste verpasst. Das hat mich geärgert.

Wie sind Sie dennoch zum Foto gekommen?
Zwei Jahre später schickte mich meine Agentur Magnum zusammen mit einer amerikanischen Journalistin nach Kuba. Ich packte sofort meine Koffer, liess meine Familie und geladene Gäste am Silvesterabend zurück und machte mich auf nach Kuba. Weil die Reise aber unglaublich lange dauerte, dachte ich in Havanna, ich hätte wieder alles verpasst. Ein paar Tage später stand ich in Ches Büro und konnte drei Stunden lang um ihn herumtanzen. Ich konnte alle seine Eigenschaften ablichten, Charme, Überzeugungskunst und Wut. Aber kein einziges Mal hat er in die Kamera geschaut.

Das klingt alles sehr abenteuerlich. War das Ihr Antrieb, Fotograf zu werden?

Ich hatte schon immer diese Neugier. Ich wollte immer auf Berge hinaufsteigen und schauen, was dahinter ist. Und da waren immer mehr und mehr Berge, bis ich eines Tages in der Wüste stand. Bevor ich in Zürich die Fotoschule absolvierte, habe ich gemalt und alle sagten immer, der Burri, das schwarze Schaf, der wird sicher einmal Künstler. Als ich vor der leeren Leinwand stand, dachte ich, Burri, was willst du eigentlich darstellen? Du hast ja nichts erlebt.

Ich sage Ihnen nun ein paar Begriffe und Sie können sagen, was Ihnen dazu einfällt. Schwarz-weiss oder farbig?
Beides. Das war mein Doppelleben. Das ging auf das Magazin «Du» zurück, für das ich oft fotografierte. Die sagten immer: Bringe auch Farbe zurück. So habe ich immer beides miteinander gemacht und lief immer mit zwei Kameras herum.

Digital oder analog?
Analog fotografiere ich nicht mehr so viel, denn Kodak hat im vergangenen Jahr die Produktion des Diafilms Kodachrome eingestellt. Nun habe ich eine digitale Kamera, die technisch auf demselben Stand ist wie die analoge.

Was haben Sie für eine Kamera?
Eine Leica M8. Die trage ich schon seit mehreren Jahren immer auf meinem Bauch.

Machen Sie viele Fotos oder wenige?
Früher ganz wenige, weil die Entwicklung der Fotos sehr teuer war. Als ich begann, für Magazine zu fotografieren, wurden es immer mehr. Die waren ganz gierig auf Bilder aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Ich fand diese Entwicklung nicht sehr gut, weil dadurch alles verwässert wurde. Auch heute ist das oft so. Man sieht alles, aber weiss oft nicht mehr, worum es geht.

Nahaufnahme oder Fernaufnahme?
Als Anfänger war mir hie und da bang und ich war oft weit weg vom Geschehen. Ich musste lernen, mich den Menschen zu nähern. Wenn ich nicht gut drauf war, fand ich nicht immer den Mut, die Leute mit meiner Kamera zu konfrontieren und für meine Fotos geradezustehen. Später ist aus Mut manchmal auch Übermut geworden.

Waren Sie selber auch in Lebensgefahr?
Mehrere Male. Ich wurde oft für einen britischen, amerikanischen oder französischen Spion gehalten, weil ich meine Nase in Dinge gesteckt habe, in die ich sie nicht hätte stecken sollen. Ich hatte mir die Kamera als drittes Auge zugelegt, um mich gegen all die schlimmen Dinge in der Welt zu wehren. Zwischendurch wurde es fast unerträglich für mich. Ich hatte kein Gewehr, keine Pistole, sondern nur meine Kamera. Einige Fotografen kamen ums Leben, weil sie Dinge fotografiert haben, die sie nicht hätten fotografieren sollen. Bei der ungarischen Revolution gab es einen, der seinen eigenen Tod fotografiert hat.

Fotografen sind etwas Besonderes. Einerseits halten sie sich im Hintergrund, andererseits fallen sie durch ihre Kameras und grossen Objektive immer auf. Wer ist René Burri?
Ich bin von der diskreten, schüchternen Art. Mir war es immer wichtig, mich anständig aufzuführen und nicht die Ellbogen einzusetzen. Solche Situationen waren mir immer wahnsinnig unangenehm. Auf der anderen Seite wollte ich immer dabei sein, wenn es wichtig wurde. So habe ich mir, typisch Schweizer, einen anderen Standort gesucht. Das hat mir und meinen Bildern sicher geholfen. Die Fotografie ermöglicht uns, Momente festzuhalten, die später niemals wieder kommen. Das kann ein Prominenter sein oder die Familie. Wenn man die Fotografie richtig einsetzt und ein bisschen gestaltet, kann ein gutes Foto entstehen.

Können Sie den Hobbyfotografinnen und Hobbyfotografen ein paar Tipps geben? Was braucht es für ein gutes Foto?
Ein bisschen «Hirni», nicht viel, aber ein wenig ist schon nötig. Ein gutes Auge, Herz und vor allem gute Beine, um schnell am richtigen Ort zu sein.

Welche Kamera empfehlen Sie?
Das würde ich niemals tun. Es hat Fotografen gegeben, die sich mit einer WC-Papierrolle und einem Holzkistlein ihre eigene Kamera gebaut und damit grandiose Fotos gemacht haben. Klar, einige Kameras sind technisch besser und vielleicht schneller. Aber es kommt, wie ich gesagt habe, auf den Kopf, das Auge, das Herz und die Beine an.

Welches Objektiv muss man unbedingt haben?
Ich hab alles ausprobiert. Mitteldistanz ist gut. Im Weitwinkel wird die Situation manchmal verzerrt, mit dem Teleobjektiv kann man Dinge nicht unendlich an sich heranholen und man muss den Dingen entgegengehen. Die Technik muss sich immer unterordnen. Das Wichtigste sind die Emotionen, die man mit einem Foto rüberbringt.

Heute werden Sie in Bern mit dem Swiss Press Photo Life Time Achievement Award ausgezeichnet.
Den Preis habe ich gar nicht haben wollen, weil ich mich ja schon vor ein paar Jahren aus der journalistischen Fotografie zurückgezogen hab. Aber das Schöne ist, dass ich ja durch meinen Vater Berner Bürger bin. Dass mir die Berner nun einen Preis geben, obwohl ich in Zürich aufgewachsen bin, empfinde ich als Ehre für meine Familie.

Und morgen feiern Sie Ihren 78. Geburtstag.
Danke, dass Sie mich daran erinnern. Das ist das Einzige, was ich nicht abschaffen kann.

Mögen Sie keine Geburtstage?
Ich hab mich hie und da ein wenig versteckt, weil ich finde, jeder Tag ist doch ein Geburtstag. Aber ich freue mich, morgen mit meinen Kindern und Enkeln in Bern zu feiern. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 08.04.2011, 15:33 Uhr)

Zur Person

René Burri ist Fotograf aus Zürich und lebt heute mit seiner Familie in Frankreich. Sein erstes Foto einer bekannten Person schoss er als 13-Jähriger von Winston Churchill. Burri besuchte die Kunstgewerbeschule in Zürich und machte neben Fotos auch Dokumentarfilme. Später bereiste er als Fotoreporter die ganze Welt. Eins seiner berühmtesten Sujets ist ein Portrait von Che Guevara.

Zur Person

René Burri ist Fotograf aus Zürich und lebt heute mit seiner Familie in Frankreich. Sein erstes Foto einer bekannten Person schoss er als 13-Jähriger von Winston Churchill. Burri besuchte die Kunstgewerbeschule in Zürich und machte neben Fotos auch Dokumentarfilme. Später bereiste er als Fotoreporter die ganze Welt. Eins seiner berühmtesten Sujets ist ein Portrait von Che Guevara.

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