Kultur
«Ideologien sind Sicherheitsnetze für Angsthasen»
Von Thomas Widmer, Hannes Nussbaumer. Aktualisiert am 30.04.2011 20 Kommentare
Tinu Heiniger
Sänger und Dichter
Martin «Tinu» Heiniger, 1946 in Langnau im Emmental geboren, ist der Doyen der Schweizer Liedermacherszene. Er inspirierte viele andere, musizierte mit Stefan Eicher, war ein Pionier des Anti-AKW-Gesangs. Überhaupt eckte er des Öftern an, sein Lied «Unterhaltigsbrunz» über das Trio Eugster wurde 1979 gar verboten. Nun legt Heiniger, der zusammen mit seiner Partnerin in Schöftland AG lebt, sein erstes Buch vor. «Mueterland – Heimat in Geschichten» (Faro-Verlag) blendet zurück in eine kleinbürgerliche Kindheit, deren Episoden vom Familienausflug bis zur Rebellion gegen den Vater reichen. Buchtaufe ist am 9. Mai in Aarau bei Wirz Thalia um 20 Uhr; parallel zum Buch erscheint dieser Tage ein Hörbuch. (TA)
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Sie sind 1946 in Langnau im Emmental geboren. Wie sah diese Welt aus?
Wenn ich heute nach Langnau komme, denke ich: Unglaublich, wie viel Schönes kaputt gemacht wurde, etwa die alten Häuser auf meinem Schulweg: die Villa Reichen, ein Jugendstil-Backsteinhaus, das bereits in den 50er-Jahren abgerissen wurde, oder das Chüenihus, ein prächtiges Bauernhaus. Mein Kindheits-Langnau war baulich noch eine ziemlich heile Welt.
So ist Ihr Verhältnis zur Scholle ein gebrochenes?
Ja. In meinen Erinnerungen an die Jugendzeit ist immer beides drin, auch was unsere Familie angeht. Es gab Streit und Stress, aber es gab auch Sport und Musik und Advent und Weihnachten mit Geschichten und Liedern. Wenn wir am Sonntag mit dem kleinen Citroën ausfuhren, nahm die Mutter die Mundharmonika hervor, und auf der Heimfahrt sangen wir jene fröhlichen Lieder, die Mutter bei den «Wandervögeln» gelernt hatte. Und wenn heute an Weihnachten Kinder bei uns sind, nehme ich die Gitarre, und wir singen.
Sie erlebten viel Streit in der Familie?
Mein Vater war häufig auf 180 und für mich war es oft besser, ihm nicht zu begegnen. Sofort hiess es dann: Hast du das Velo geputzt? ... Er hatte mit Mutter zusammen ein kleines Möbelgeschäft. Zuunterst im Haus war die Schreinerei, darüber das Ladenlokal mit den Schaufenstern «Möbel, Teppiche, Vorhänge und Aussteuern». Die Mutter nähte Vorhänge und machte Lampenschirme.
Wie hat Sie Ihre Herkunft geprägt?
Ich habe Sympathie für Dörfler. Aber schon früh war mir klar, dass mir die Dorfwelt zu eng war und ich ausbrechen wollte. Mit 16 pendelte ich nach Bern und lernte dort in der Lehrwerkstätte Möbelschreiner, das war ein Riesensprung. Sympathie und Verständnis für die Leute auf dem Land habe ich mir bewahrt. Ich gehe jedenfalls nicht ins Schangnau, wo bei der Ständeratswahl von elf Leuten zehn für Adrian Amstutz von der SVP gestimmt haben, und sage denen: «Ihr spinnt!»
Könnten Sie dort leben?
Wer mit den Emmentalern an den Beizentisch hocken will, muss zuhören können. Die Emmentaler sind zurückhaltend und skeptisch; sie brauchen Zeit, aber wenn sie dann merken, dass der andere gar «nit so ne tumme Cheib» ist, dann tauen sie auf. Und dann liegt es sogar drin, dass man in der Beiz zum andern sagt: «He, das ist ein huere blödes Vorurteil, das du über Ausländer hast.»
Würden Sie das auch einem Adrian Amstutz sagen?
Ja, klar, falls dies nötig wäre. Ich kenne ihn ein wenig aus der Zeit, als ich in der Gemeinde Sigriswil wohnte. Er war Gemeindepräsident, der Gemeinderat bestand mehrheitlich aus SVP-Leuten. Die gaben mir zu einem runden Jubiläum der Gemeinde den Auftrag, ein Lied zu schreiben. Keiner redete mir drein. Als ich sagte, es werde eine grössere Sache daraus, und vorschlug, man könnte doch mit Musikern aus der Gemeinde ein Orchester machen, sagten sie: Also gut, was kostet es? Sie gaben das Geld. Und waren dann stolz auf das Lied und die Konzerte in der Kirche.
Sie können offenbar mit Leuten wie dem Amstutz Adrian umgehen.
Vielleicht sind wir eben einander ähnlicher, als wir denken, auch wenn wir politisch das Heu nicht auf der gleichen Bühne haben. Bis vor 20 Jahren hatte ich neben meiner Musik noch einen Teilzeitjob als Singlehrer. Dann entschloss ich mich, ausschliesslich von meiner Musik und meinen Liedern zu leben. Jetzt war ich ein Kleingewerbler wie mein Vater, der Schreinermeister. Jahrelang habe ich den Stress und die Enge und damit auch den Vater bekämpft. Immer war ich auf der Seite der Büezer. Seit ich selbstständig bin, verstehe ich meine Eltern besser: Nur wenn ich arbeite, kommt die Kohle. Ich habe deswegen nicht einfach die Seiten gewechselt.
Ein Linker sind Sie geblieben?
Ich mag dieses sture Links-rechts-Denken nicht mehr.
Sagen wir es so: Sie sind ein Linker mit ausgeprägtem Heimatgefühl. Geht das überhaupt zusammen?
Natürlich. Das Heimatgefühl ist doch nicht den Rechten vorbehalten. Damals, als in Langnau schöne, erhaltenswerte Häuser abgerissen wurden, hatte die BGB das Sagen, die Vorgängerin der SVP. Die BGBler wussten nicht, was ihre Werte sind, sie waren sogenannt fortschrittsgläubig. Und es gab Gemeindepräsidenten, die sich ein Denkmal setzen wollten. An einer Einwohnergemeindeversammlung, ich war dabei, sagten sie, «jetzt machen wir das neue Gemeindehaus und gleich noch eine neue Badi und eine neue Turnhalle und dann noch gleich ein neues Sekschulhaus». Mein Vater mahnte zur Langsamkeit, er sagte: «Macht das langsam, lasst euch Zeit, sonst kommen nur die grossen Buden von auswärts und machen es. Diese Büez wollen wir hier im Amt Signau selber ausführen. Und haben erst noch auf Jahre hinaus Arbeit.»
Als Sie im Berner Ständerats-Wahlkampf Sympathien für SVP-Kandidat Adrian Amstutz bekundeten, hatte man den Eindruck, Sie seien SVP-Fan.
Es gab einen Zeitungsartikel, der aus meinem Statement selektiv und tendenziös zitierte. Es hagelte Häme, ich wurde sogar von einem Konzertveranstalter ausgeladen – der Veranstalter schrieb mir, er schäme sich für mich. Ich schrieb zurück, für mich müsse sich kein anderer schämen. Später fand er diese Fremdschämerei selber blöd. Da durfte etwas nicht sein. Das hat mich erschüttert. Ideologien sind auch Sicherheitsnetze für Angsthasen, wenn einer daran rüttelt, dann Potzheilanddonner …
Und Amstutz selber?
Er ist menschlich ein sympathischer Typ, das sagen auch Leute, die, wie ich, nicht auf seiner Linie sind. Ich schickte ihm meine Richtigstellung und schrieb dazu: Schau, ich bin dein Wahlkampfhelfer geworden, das will ich nicht! Ich habe nie SVP gewählt und werde nie SVP wählen.
Wen wählen Sie dann?
Im Aargau habe ich die grüne Regierungsrätin Susanne Hochuli gewählt. Sie ist mir sympathisch, für sie würde ich jederzeit gratis singen. Sie hat Ausstrahlung, ist eine kluge Frau, die gerne lacht, und mutig ist sie auch. Sie ist als Grüne für das Militär, obwohl sie sich ja eigentlich sagen muss, dass sie damit bei ihren eigenen Leuten Stimmen verliert.
Wie reagierte Amstutz auf Ihre Richtigstellung?
Er schrieb mir zurück, er erlebe im Wahlkampf, wie er immer wieder in Schubladen versorgt werde, und dass er sich nicht wundere, wenn einer wie ich, der sich gegen das Schubladisieren wehre, dann gleich dort eingeklemmt werde. Den Link zu meiner Richtigstellung hat er umgehend aufgeschaltet.
Amstutz kann sich allerdings vom gemütlichen Dorfmenschen in einen eiskalten, selbst im Schubladendenken verhafteten Ideologen verwandeln.
Dass er ab und zu «verruckt» wird, finde ich nicht so schlimm. Mein Vater wurde das jeden Tag. Alle sind so wahnsinnig entsetzt, dass Amstutz am Fernsehen zu Bundesrätin Sommaruga sagte, sie erzähle einen Seich nach dem anderen. Aber im Dorf sagt man das halt so. Und wenn es einer sagt, ist er noch lange kein Menschenverachter. Ich gestehe Adrian Amstutz zu, dass er ein Demokrat ist. Wenn ich ihm allerdings heute vis-à-vis sässe, würde ich sagen: «Weisch was, Adrian, jetzt musst du aber über die Bücher und dieses alte AKW Mühleberg abstellen!»
Sie sind der Barde der Anti-AKW-Bewegung. Jetzt kam es in Japan zu einem Horror-AKW-Unfall, und Sie bringen ein gefühliges Buch über Ihre Jugendjahre in Langnau heraus. Wurmt Sie diese Gleichzeitigkeit?
So ein Buch hat nun einmal einen Vorlauf. Ich habe in den letzten Jahren immer wieder Geschichten geschrieben. Und dann kam im August 2010 eine Anfrage von diesem Verlag in Lenzburg. Früher hätte ich vermutlich gesagt: Fukushima! Da muss ich sofort etwas schreiben! Heute spiele ich «Die, wo überläbt hei», ein 33 Jahre altes Lied. Ich muss da nichts Neues machen.
Das Privileg des Altwerdens?
Ja. Es kommt aber noch etwas hinzu: Ich finde, man kann nach Fukushima nicht mehr parteipolitisch denken. Man muss über die Fronten zusammenspannen. Jüngere Leute sind politikverdrossen, weil sie das Links-rechts-Schema abschreckt. Die Menschen sind nicht so verschieden. Unsympathische, sture, machtbesessene Sieche gibt es auf beiden Seiten.
Fehlt es der Politik an Leuten mit Bodenhaftung?
Sagen wir es so: Die Gefahr besteht, dass Leute, die nach der Schule gleich ins Gymi gingen, dann an die Uni und dann ins Büro, dass solche Leute kopflastig sind und den Boden unter den Füssen verlieren.
Wie erhält man sich die Bodenhaftung?
Ich kann nur sagen, wie es bei mir ist: Wenn ich nicht mindestens zweimal pro Woche durch Feld und Wald gehe, dann bin ich einfach «schlächt druffe», wie ein Baum ohne Wurzeln, tönt kitschig, ist aber so.
Wie kommen Sie mit Ihrer Heimatliebe bei Linken an?
Vor vielen, vielen Jahren gab es in Bern einen Kulturabend «Schweiz - Peru». Im Publikum waren hauptsächlich Linke. Irgendwann stellte ich, als Vertreter der Schweiz, ab Schallplatte einen Naturjodel vor. Was dann geschah, vergesse ich nicht mehr. Fast das gesamte Publikum stand auf, und nach einer Minute war der Saal praktisch leer. Sie sagten: Heiniger, das müssen wir nicht haben! Ich halte dagegen – bis heute. Ich überlasse den Puurezmörgelern der SVP doch nicht die Heimat.
Was macht die SVP richtig, was die Linken nicht richtig machen?
Sie greift die Themen auf, um die die anderen Parteien einen Bogen machen. Das Bevölkerungswachstum etwa. Die SVP legt den Finger in die Wunde. Ich denke, es braucht auch sie. Ich sah Amstutz-Plakate in Bern mit Hakenkreuzen. Das ist ebenso idiotisch, wie wenn Christoph Blocher den luxemburgischen Premier Jean-Claude Juncker in die Nähe von Hitler rückt. Amstutz ist kein Faschist, hört doch auf!
Beliebter gemacht haben Sie sich mit Ihrer Amstutz-Sympathie nicht.
Beliebt zu sein, ist nicht mein Anliegen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.04.2011, 17:03 Uhr
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20 Kommentare
Kompliment, Tinu Heiniger. Dieses Interview war eine echte Überraschung und Entdeckung heute morgen. Ich persönlich hatte schon lange die Hoffnung aufgegeben, dass Linke auch differenziert denken und die Welt betrachten können. Dass Sie sich damit bei den Genossen mit ideologischen Scheuklappen nicht beliebt machen, ist klar. Muss aber auch nicht sein. Antworten
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