«Ihr seid feige»

Der Dichter Jürg Halter wirft Kulturschaffenden vor, nicht genügend gegen die Durchsetzungsinitiative anzukämpfen. Der Vorwurf gilt auch für Züri West. Die lassen sich das nicht gefallen.

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Nächstes Wochenende entscheidet das Schweizer Stimmvolk über die umstrittene Durchsetzungsinitiative. In den vergangenen Wochen ist der Widerstand gegen den SVP-Vorstoss massiv gewachsen. Allein das Komitee Dringender-Aufruf.ch sammelte bereits über 50'000 Unterschriften gegen die Initiative.

Zahlreiche Wirtschaftsführer, Wissenschaftler, Kirchenleute und Kulturschaffende haben den Aufruf schon unterschrieben – oder sind anderweitig für ein Nein zur SVP-Initiative eingestanden. Die Sängerin Sophie Hunger etwa nutzte im Anschluss an die Swiss Music Awards die Danksagung an die Fans, um für ein Nein zur DSI zu weibeln.

Dennoch, dem Dichter und Performancekünstler Jürg Halter – einst als Kutti MC bekannt – ist der Widerstand gegen die SVP noch nicht gross genug. Auf Facebook postete Halter deshalb ein offenes Schreiben an Kulturschaffende:

«An all die Künstler, die in den letzten Jahren bei Anti-Rassismus-Festivals aufgetreten sind, die bei Anti-Rassismus-Initiativen mitgemacht haben, und die sich nun öffentlich nicht zu einem eindeutigen Nein zur Durchsetzungsinitiative bekennen: Ihr seid feige. Jetzt, wo es konkret wird mit dem Farbebekennen gegen den Rassismus, schweigt ihr.»

In der anschliessenden Diskussion in der Kommentarspalte wird Halter schliesslich gefragt, wen er denn konkret meine. Die Antwort des Künstlers: «Wo sind z. B. Züri West oder Bligg?»

«Nein, auf das gehn wir nicht ein!»

Ja, was ist mit denen? Das Management von Bligg reagierte bisher nicht auf die Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Züri West hingegen reagierten mit einer klaren und gewitzten Antwort: «Wer Züri West kennt, kennt unsere Halterung zu diesem Thema. Wir haben aber keine Lust, auf Jürgs Vorwurf einzugehen. Nein, Nein, Nein, auf das gehn wir nicht ein!»

Eine kämpferische Ansage von einer Band, die sich zwar nie als explizit politisch sah, sich jedoch vor allem in den Anfangsjahren aber kämpferisch für die Anliegen der Jugendbewegung einsetzte. Und Haltung bezog die Gruppe in der Vergangenheit tatsächlich schon. So findet sich auf dem Album «Bümpliz–Casablanca» von 1989 der Song «Senne», ein explizites Statement gegen fremdenfeindliche Übergriffe:

«wonigsbrand bim ne emigrant – irgendwo ir schwiz/u a dr wand schteit KKK u vor em huus brönnt es wiisses chrüz/u dr meier u dr müller u dr moser hei di wiissi maske wieder under ds chüssi gleit»

Sechsundzwanzig Jahre nach der Veröffentlichung scheinen Züri West mit diesem Lied offenbar noch einen Einfluss zu haben. Denn erst letzte Woche publizierte eine Anhängerin der Band einen Kommentar im Forum der Gruppe. Sie tue sich schwer mit der Durchsetzungsinitiative, denn da seien ihre Teenager-Kinder und die Bedenken, wo es hingehe mit der Schweiz. Doch: «Aus der Box dröhnt ‹Senne›. Ich hab jetzt Nein angekreuzt, trotz allem. Ich wollte damals nicht zu den Glatzen gehören und will es immer noch nicht. Danke für diesen Song, er hat mich wieder geerdet.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 23.02.2016, 10:32 Uhr)

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