«Im Büro Amphetamine, am Abend Beruhigungsmittel»

An der ETH findet die «Brainfair 2014 – Angst im Gehirn» statt. Psychiatrieprofessor Paul Hoff über Ängste und Phobien – und wann bei solchen Psychopharmaka angezeigt sind.

Angststörungen können jeden treffen: Szene aus «The Sopranos», jener Serie, in der ein Mafiaboss mit Panikattacken zu kämpfen hat und zur Psychiaterin muss.

Angststörungen können jeden treffen: Szene aus «The Sopranos», jener Serie, in der ein Mafiaboss mit Panikattacken zu kämpfen hat und zur Psychiaterin muss.

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Herr Hoff, jeder wird hin und wieder von Ängsten heimgesucht. Ab wann sind diese krankhaft?
Angst ist ein psychischer Zustand, den jede Person jeden Alters kennt. Zunächst einmal hat das also gar nichts mit Krankheit zu tun. Zu einer psychischen Krankheit oder, wie wir heute meist sagen, zu einer behandlungsbedürftigen Störung kann Angst aber dann werden, wenn sie zu erheblichem Leidensdruck der Betroffenen führt, etwa wiederkehrende heftige Angstattacken im Alltag, dadurch Einschränkungen der beruflichen Leistungsfähigkeit, Schlafstörungen, reduziertes Selbstwertgefühl bis hin zu eigentlichen depressiven Verstimmungen.

Leiden heute mehr Menschen unter Angststörungen als vor 50 oder 500 Jahren?
Pauschale Aussagen sind hier heikel, weil sich natürlich der soziale Bezugsrahmen und die Begrifflichkeit, mit der wir Angst beschreiben, in solch langen Zeiträumen stetig wandeln. Ausserdem wird heute offener über psychische Probleme, auch über Ängste, gesprochen, als dies früher der Fall war. Allein dadurch ist das Thema in der Gesellschaft, in den Medien, aber wohl auch in den Diagnosestatistiken präsenter.

Inwiefern hat das mit dem Zeitgeist, mit der «beschleunigten Gesellschaft» und den Abstiegsängsten der Mittelschicht zu tun?
Es ist plausibel anzunehmen, dass diejenigen Angststörungen, die mit den heutigen beruflichen und privaten Lebensgewohnheiten zu tun haben, deutlich häufiger sind als früher. Es ist ein Mischbild aus Depressivität, Ängsten und vermindertem Selbstwertgefühl, das nicht abgekoppelt von der Leistungsgesellschaft betrachtet werden kann. Das dürfte aber auch für andere Störungsbilder gelten, wie etwa das Burn-out-Syndrom. Interessant ist weiter, dass Wahngedanken heute auffällig oft paranoid geprägt sind: Die Patienten haben das Gefühl, abgehört oder beobachtet zu werden. Vor hundert Jahren, so belegen Studien, dominierten religiöse Wahnvorstellungen.

Kierkegaard spricht von der «Angst vor dem Nichts, in dem auch die Möglichkeit zur Schuld liegt». Freud dagegen schreibt die Angst Kindheitstraumata und sexueller Hemmung zu. Was trifft zu?
Die genannten Autoren belegen, in welch breitem, aber auch widersprüchlichem Kontext Angst thematisiert wurde und wird. Bei einer menschlichen Grundeigenschaft ist das allerdings nicht weiter verwunderlich. Angst kann man psychologisch, biologisch, medizinisch, sozialwissenschaftlich, historisch und theologisch diskutieren, um nur einige Beispiele zu nennen. Das ist auch gut so, aber man muss stets wissen, auf welcher dieser Ebenen man sich befindet. Sonst drohen Missverständnisse und Begriffsverwirrungen.

Die oben genannten Männer wussten wenig über Neurotransmitter oder auch die Vererbbarkeit einer ängstlichen Disposition: Wie wichtig sind genetische Faktoren bei Angststörungen?
Genetische Faktoren sind ein Element im breiten Bündel von ursächlichen Faktoren bei der Entstehung von Ängstlichkeit und Angststörungen.

Wer ist typischerweise von Angststörungen betroffen?
Angststörungen können jede Person betreffen. Die Epidemiologen beschreiben aber eine ungleiche Geschlechtsverteilung mit einem häufigeren Auftreten bei Frauen. Ausserdem gibt es eine grosse Zahl von Faktoren, die das Auftreten einer Angststörung nachweislich begünstigen, etwa Vereinsamung, belastende Lebensereignisse und natürlich alle Arten von psychischen Störungen, bei denen Angst als zusätzliches Symptom auftreten kann.

Sind intelligentere Menschen häufiger betroffen?
Nein. Differenzierte Personen beschäftigen sich zwar sicherlich intensiver mit eigenen Wahrnehmungen und Gefühlen, aber daraus resultiert natürlich noch keine direkte Verbindung zu einer Angsterkrankung.

Gibt es quasi eine positive Kehrseite der Angst: mehr Empathie zum Beispiel?
In einem bestimmte Sinne ja. Aber das betrifft nicht so sehr die «Kehrseite der Angst» als die generelle Fähigkeit eines Individuums, mit eigenen Emotionen umzugehen, auch mit der Angst. Wer eigene Ängste kennt und sich mit ihnen offen auseinandersetzt, wird wahrscheinlich auch sonst empathischer sein und von anderen so erlebt werden.

Gibt es Ängste, die man akzeptieren sollte? Oder ist das Gegenteil der Fall: Sollte man jede Angst konfrontieren?
Es gibt Ängste, die sollte man nicht nur, die muss man akzeptieren, etwa die Angst vor Krankheit, vor Niederlagen, vor dem Tod. Das sind Kernelemente jedes menschlichen Lebens, denen niemand ausweichen kann. Jedoch macht es keinen Sinn oder macht noch mehr Angst, wenn man sich ständig mit eigenen Ängsten konfrontiert. Dieses Thema muss, wie jedes andere auch, in sinnvoller Weise in das eigene Leben und die eigene Persönlichkeit integriert werden – wozu es eben manchmal eine Therapie braucht. Deswegen kann es keine allgemeingültige Antwort auf die Frage nach der «besten» Strategie zum Umgang mit Ängsten geben.

Wann sind Medikamente angezeigt?
Bei ausgeprägten Angststörungen mit hohem Leidensdruck behandeln wir heute meist kombiniert mit Psychotherapie und Psychopharmaka. Für die Wirksamkeit dieser Option liegen mittlerweile zahlreiche überzeugende Studien vor.

Gibt es viele Angstpatienten, die Benzodiazepine und andere Psychopharmaka ablehnen? Wie geht man dann als Arzt vor?
Ja, es gibt grosse Vorbehalte und Ängste vor Psychopharmaka generell, auch vor solchen, die für die Behandlung von Angststörungen gut geeignet sind. Viele Angststörungen können zwar durchaus ohne Psychopharmaka, also rein psychotherapeutisch, erfolgreich und nachhaltig behandelt werden, aber bei weitem nicht alle. Da braucht es immer eine individuelle Abwägung. Es kommt sehr auf die betroffene Person und deren konkrete Lebenssituation an. Entscheidend sind die sachliche Information des Patienten und sein aktiver Einbezug in die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Therapie.

Das Gegenteil ist allerdings häufiger der Fall: Missbrauch von Medikamenten.
Das eigentliche Problem sind nicht die psychotropen Substanzen selbst, sondern unsere Gewichtung von Leistung einerseits und Erholung andererseits. Diese Balance driftet heute ziemlich in Richtung Betonung der Leistung. Und Leistung als zentraler gesellschaftlicher und persönlicher Wert hat natürlich viel mit Angst zu tun, der Angst nämlich, diesem Anspruch nicht zu genügen. Dann sind wir rasch bei den verschiedenen Möglichkeiten, dies zu beeinflussen, unter anderem bei Psychopharmaka, die die Leistung vermeintlich steigern und die Ängste dämpfen. Im schlimmsten Fall nehmen die Leute im Büro dann Amphetamine und am Abend Beruhigungsmittel.

Wieso verheimlichen Menschen ihre Ängste – selbst wenn diese krankhafte Züge aufweisen?
Das hat vor allem mit Scham zu tun, ebenfalls einem Grundaffekt der Menschen. Wir geben – uns selbst und anderen gegenüber – nicht gerne zu, dass wir etwas nicht können, etwas falsch gemacht haben oder Angst vor etwas haben. Das kann durchaus so weit gehen, dass wir bewusst erhebliche Nachteile für die eigene Gesundheit in Kauf nehmen, nur um sich einem unangenehmen Thema nicht stellen zu müssen.

Woody Allen sagt, er drehe Filme, um seine Ängste zu therapieren. Sollte man seine Angst öffentlich machen, das heisst, darüber mit anderen Menschen (und nicht nur dem Psychiater) sprechen?
Diese Frage stellt sich bei jeder psychischen Störung, und viele Patienten stellen sie auch tatsächlich in der Sprechstunde. Grundsätzlich ist es sicher gut, wenn man eigene Probleme, auch Ängste, im privaten Umfeld nicht krampfhaft verheimlicht. Doch kann und will nicht jeder und jede solche Themen im Freundeskreis oder gar darüber hinaus – wie Herr Allen – «veröffentlichen». Die Besprechung und gemeinsame Beantwortung solcher Fragen sind Bestandteile einer guten Therapie. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 12.03.2014, 14:04 Uhr)

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Paul Hoff ist Professor für Psychiatrie und stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (KPPP) an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Der 58-Jährige hat ausserdem einen Doktor in Philosophie.

Vorlesungen

«Brainfair 2014»: Vorträge und Diskussionsforen über Angst und Angststörungen. 10. bis 15. März 2014, ETH Zürich.

Buch

Scott Stossel: My Age of Anxiety. Randomhouse, 2014.

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