Ist «Fuchs du hast die Gans gestohlen» schädlich für Kinder?
Von Susanne Kübler. Aktualisiert am 21.05.2010 2 Kommentare
Lesen Sie auch
Lieber bös als gar nicht: Karikatur zum Kinderlied «Fuchs du hat die Gans gestohlen».
«Gigampfe, Wasser stampfe,
Wasser ab de Röhre,
Chindli mach dis Müüli zue
ich mag di nümme ghöre!»
Nein, das ist kein freundliches Kinderlied, man merkt es vor allem, wenn man es selbst singt. Dann kommt das schlechte Gewissen, und man textet um: «Chindli mach dis Müüli uf, ich wett di nomol ghöre.»
Es kann ja sein, dass das Original gelegentlich wahrer wäre. Aber eine liebevolle Mutter will liebevolle Kinderlieder singen. Solche über Schäflein und Sternlein etwa, zu denen die Kinder behütet einschlummern können. Allerdings verfolgen auch diese Lieder ein klares Ziel: Das Kind soll schlafen, und zwar bald. Wer Schlaflieder singt, will seine Ruhe haben. All die süssen (und oft süsslichen) Worte kaschieren nur die Absichten.
Die bösen Lieder stehen dazu. Es gibt verblüffend viele davon, in allen Kulturen. Das spanische «Schweig mein Kind, ich habe viel zu tun» ist dabei noch die freundlichste Variante; andere Lieder drohen mit dem grauen Wolf oder dem schwarzen Mann, wenn ein Kind nicht schlafen will.
Diese Texte lassen sich nicht mit der Faszination des Gruseligen erklären, die in vielen Märchen und auch Liedern mitspielt. Dort schaudert es einen aus sicherer Distanz, denn es sind fremde Kinder, die unter grausamen Stiefmüttern leiden. Böse Kinderlieder dagegen zielen direkt auf das Kind, für das gesungen wird. Zum Beispiel das berühmte englische «Rock-a-bye-baby»:
«Schlaf schön, mein Kleines
hoch oben im Baum,
der Wind schaukelt die Wiege
wie im süssesten Traum.
Wenn die Äste dann brechen,
stürzt die Wiege hinab,
und das Baby samt Wiege
landet im Grab.»
Zugegeben, die deutsche Übersetzung ist wie so oft drastischer als das Original (der Schluss lautet dort «and down will come baby, cradle and all»). Aber in der Fernsehfamilie der Simpsons genügt schon der englische Text, um Baby Maggie in eine Horrorvision zu versetzen – an Schlaf ist danach nicht mehr zu denken.
Darf man so etwas singen?
Maggie hat den Text verstanden, und das hätte sie nicht tun sollen. Denn die bösen Lieder funktionieren zweigleisig: Sie unterhalten die Kinder mit freundlichen Melodien, sie beruhigen sie mit wiegenden Rhythmen. Gleichzeitig ist da der Text, mit dem sich die Erwachsenen Luft verschaffen, ohne dass es überhaupt bemerkt wird. Kein Kind muss sich ungeliebt fühlen, wenn man ihm «Gigampfe, Wasser stampfe» vorsingt; denn man singt ja mit ihm, man schaukelt es, und die Welt ist in Ordnung.
Musik wirkt auf kleine (und auch grosse) Ohren direkter als Worte. Und kaum zufällig sind gerade bei Schlafliedern die musikalischen Ingredienzien international immer dieselben. Gleichmässige Rhythmen, kleinräumige Melodien, viele Wiederholungen – das wirkt, auch wenn die Mutter ihre ganzen Sorgen in den Text packt wie in jenem baskischen Lied, dessen Text ungefähr so lautet: «Schlaf mein Kind, dein Vater sitzt in der Taverne und will nichts von dir wissen.»
Trotzdem: Darf man so etwas singen? Nein, finden viele Eltern. Böse Kinderlieder haben einen schlechten Ruf, schon die nicht ganz harmlosen kommen nicht gut an. Im Internet gibt es Diskussionsrunden, in denen verhandelt wird, ob «Fuchs, du hast die Gans gestohlen» schädlich sei für die Kinder. Das englische «Bah, bah, black sheep» wird im Zuge der politischen Korrektheit zu «Bah, bah, rainbow sheep». Und selbst «Guten Abend, gut Nacht», das allerberühmteste Wiegenlied, findet keine Gnade mehr. «Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt», lautet der Schluss: Da lässt man Brahms’ Melodie doch lieber textfrei aus der Spieldose kommen.
Lieber bös als gar nicht
Die Sensibilitäten haben sich gewandelt – was wohl weniger mit dem Fortschritt der Menschheit zu tun hat als mit einer Veränderung des Alltags. Früher gab es keinen Fernseher, vor dem sich quengelnde Kinder parkieren liessen, die Mütter waren stärker als heute ans Haus und einen anstrengenden Haushalt gebunden. Und niemand befürchtete psychosoziale Langzeitfolgen, wenn einem der Sinn für einmal nicht nach all dem Kinderlein-Engelein-Gesäusel stand.
Immerhin sind auch die bösen wie die netten Lieder entstanden, weil gesungen wurde für die Kinder und mit den Kindern – live, nicht von Vorsängern auf der Schlaflieder-CD. Dass man sich dabei neben guten Gefühlen auch Ängste und Ärger von der Seele sang, gehörte dazu. Geschadet hat es niemandem, im Gegenteil, selbst vorsichtige Pädagogen würden wohl davon ausgehen, dass ein gemeinsam gesungenes «Rock-a-bye-baby» besser für die Kinder ist als eine Folge «Teletubbies». Und ist Singen nicht überhaupt die beste Art, Dinge abzuladen?
Doch, ist es. Das findet auch die Kinderrockband Schtärneföifi, die ein zuckersüsses «Schlaflied» im Repertoire hat; «schlaf mis Schätzli, schlaf jetzt ii», heisst es, bis plötzlich ganz andere Töne angeschlagen werden:
«Gib jetzt Rueh, mach d Auge zue
Ich mag nümme, ich ha gnueg
De Krimi lauft, de Match fangt a
Ich will ändlich Fiirabig ha.»
Allerdings schlägt hier auch die Musik um, wird laut, schnell, rockig. Man kann prächtig Dampf ablassen dazu. Aber das Kind wird nie und nimmer einschlafen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.05.2010, 08:07 Uhr
Kommentar schreiben
2 Kommentare
Pack doch die Kinder in Watte und schirmt sie ab von der Realität, so dass sie, wenn erwachsen, lebensunfähig sind und uns auf den Taschen liegen. Kinder müssen geschützt werden, aber nicht vor jedem Blödsinn. Der gesunde Menschenverstand ist wohl abhanden gekommen. Antworten
Kultur
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Grandioses Berg-Erleben.
Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.





