«Jetzt wird endlich wieder rausgestuhlt!»
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 23.03.2010 97 Kommentare
Heute schon einen Helvetismus bemüht?
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Schon Friedrich Dürrenmatt schmuggelte Helvetismen in die Hochkultur - und schon Dürrenmatt musste sich dabei Diskussionen stellen. Berühmt ist der Fall aus seinem Theaterstück «Romulus der Grosse», wo es bei den Proben zu einem Eclat kam, weil der Kaiser dort statt Frühstück ein «Morgenessen» bestellt. Der deutsche Darsteller des Romulus wand sich. «Sicher ein grossartiges Stück, aber «Morgenessen» ist nun einmal nicht deutsch, das heisst Frühstück», so soll er gesagt haben. Wütend setzte sich Dürrenmatt hin und schrieb die Szene um. Nach wie vor verlangt Romulus das «Morgenessen». Der Zeremonienmeister korrigiert: «Exzellenz, es heisst Frühstück», belehrt ihn sein Zeremonienmeister, worauf Romulus entgegnet: «Was klassisches Latein ist in diesem Haus, bestimme ich.»
Emotionale Debatten
So einfach wie Dürrenmatt/Romulus machen es sich die Schweizer nicht. Immer wieder werden im Land ernsthafte und emotionale Debatten darüber gewälzt, welchen Raum das Schweizerdeutsche im Radio, in den Schulen und Kindergärten einnehmen soll. Ob die Schweizer das Hochdeutsche zur Genüge beherrschen, oder ob umgekehrt das Schweizerdeutsche nicht in Gefahr ist, verloren zu gehen. Vielleicht sollte man den Ernst in dieser Diskussion einfach aussen vor lassen und sich stattdessen von der spielerischen Seite nähern, wie das auf der vergangene Woche gegründeten Facebook-Site «Schweizerdeutsche Ausdrücke auf Hochdeutsch benutzen» geschieht. Innert Tagen haben sich 667 Fans dort eingeschrieben und seither wird eifrig dem Helvetismus gefrönt:
«Unser purer Schweizer Dialekt wird in Zukunft verdrängt und womöglich von keinem mehr verstanden werden. Darum halten wir in dieser Gruppe zusammen, um wenigstens ein paar Schweizerdeutsche Wörter zu retten», so umschreibt die Gruppe ihr Ziel. Darunter finden sich hunderte Einträge folgender Art:
- «Da sind wir mit unsren deutschen Freunden in Basel durch die Steinen geloffen und haben uns gefreut, dass im Sommer wieder alle rausgestuhlt haben!!»
- «Ich weiss gar nicht, wie der Urs zum Geschlecht geheissen hat..... Weiss es wer?»
- «Sie zu ihm: Macht es Dir was aus, wenn ich mit dem Trainer ins Bett gehe?»
- «Wir könnten mal wieder zusammen in den Ausgang gehen!»
- «Dein Parfüm schmeckt aber fein»
- Kaffee? Soll ich Dir einen rauslassen?
- Guten Morgen! Heute wollte ich zu Morgen einen Orangenschü trinken, gestern erst gepostet... Ist doch der tatsächlich schon abgeloffen! Sag einmal, schleifts oder was?
- Gestern Abend bin ich auf die Schnurre geflogen! Jetzt habe ich 4 blaue Mösen!
Wer alle Fehler und potenziellen Missverständnisse auf dieser Seite einwandfrei eruieren kann, darf sich wohl eines perfekten Deutschs rühmen. Falls Sie selber einen Helvetismus loswerden möchten, können Sie das in den Kommentaren erledigen.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.03.2010, 11:51 Uhr
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97 Kommentare
bin auslandschweizerin. lebe seit 37 jahren in israel. korrektes baseldytsch ist immer noch ein thema. noch während der ausbildung vor fast 40 jahren kommt meide deutsche kollgin zu mir und erzählt:"ich habe mir eine neue kutlturtasche gekauft", meine schweizer kollein und ich:was, träst du deine kultur in der tasche herum. oder meinst du am ende ein necessaire? Antworten
Als ehemalige Auslandschweizerin, die in deutschem Fernstudium unterrichtet wurde musste ich in den Deutschprüfungen jeweils eine Note Abzug mit einkalkulieren, da es in Deutschland keine "Französisch-Helvetismen" gibt... Da gibt es kein Billett um nur mal ein Beispiel genannt zu haben.... Von den Doppel"S"-en reden wir gar nicht erst, wie viele Punkte die mich kosteten.... Antworten
Warum machen wir uns soviele Gedanken über die Helvetismen? Schämen wir uns etwa dafür? Die Österreicher haben auch Ausdrücke, die kein Deutscher auf Anhieb versteht (Jause, Obers, Palatschinken, Paradeiser etc.) und pflegen dieses "Kulturgut". A propos, neulich am Bahnschalter: "Wenn Sie pressieren, verwütschen Sie ihn noch!" (den Zug). Antworten
Ein Oberländer Wanderführer wollte einem in guter deutscher Sprache sagen, er solle einfachen einen grossen Sprung über die Wasserlache machen, die sich über den Wanderweg ausbreitete, denn auf der anderen Seite hätte es solides trockenes Kies. Also sagte er zu seinem Gast: "Gumpen Sie nummen über die Gelungge enetnachen ist dann Grien" Antworten
Vorschläge: Buschi statt Säugling, Bub statt Junge, Guezli statt Plätzchen, zügeln statt umziehen, parkieren statt einparken, Natel statt Mobiltelefon, Leerschlag statt Leerzeichen, Abwart statt Hausmeister, wunderfitzig statt neugierig, springen statt laufen, schllitteln statt rodeln, Sackgeld statt Taschengeld, grillieren statt grillen, durchstieren statt druchboxen Antworten
@Andrea Strahm , mittwochs, um zwölf Uhr mittags, was wird von den Schülern verlangt, bevor sie in den freien Nachmitttag verschwinden? Ufestuehle...auch das darf man sich bitte nicht bildlich vorstellen. Weshalb übrigens fehlt der Begriff im nördlichen Nachbarland ? Weil es dort keine freien Mittwochnachmittage gibt - oder ist der Abwart der einzige, der in die Höhe....? Antworten
Jedes Land soll doch seine eigene Sprachidentität haben. Behalten wir daher unser Tam, den Konducteur, (oder eben den Zugbegleiter), das Trottoir, die Orange und den Rahm/Nidel etc. Schliesslich haben auch die Oesterreicher ihre eigenen Wörter: Paradeiser (Tomaten), Marillen (Aprikosen), Karfiol (Blumenkohl) etc. Das macht doch einen Ausflug zu unseren Nachbarn jeweils auch sprachlich interessant Antworten
Ich bin Mitglied eines Chores und ich probiere alle die singen können in unseren Chor zu schleiken. Die keiben Berner machen uns am meisten Probleme . Anstatt wie normale Leute Häimet zu sagen insistieren sie immer noch es heisse He imet. Solch ein Seich. Nur die Zürcher essen das Apfelbütschgi und viele angeschwemmte wissen nicht was ein Chnörzel ist. Antworten
Der kleine Peter in Deutschland: Du Gastmami, der Johann ist mir auf der Stege nach geloffen, hat mich umgeschupft, ist auf mich drauf gegumpt, so dass ich aben gefallen bin und hat mir dann ins gesicht geföhnt! Da hat er mich hoch gelüpft und gelallt: "Weisst du noch, gestern?" "Was? Dort wo wir auf der Gigampfi waren? "Ja genau, da hast du mich gestossen!" :D Amüsant, so wortspil in dr schuel ^^ Antworten
Sprechen wir mal über was für Deutsche Wörter man eigentlich schon lange abgeschafft gehörten im Duden: Urlaub, Frühstück, Sahne, Strassenbahn, Fahrrad und usw. Dann bekommt sicher das Schweizer Deutsch in der Deutschen Sprache einen andern Stellenwert, tristet nicht so ein Mauerblümchen da sein in der Deutschen Sprache. Antworten
Übrigens gibt es auch jede Menge "Germanismen" im Schweizerdeutschen (von den Anglizismen ganz zu schweigen), wie man als leidgeprüfter Loklaradiohörer weiss. Diese sind allerdings meistens weniger amüsant und belegen, dass sich der Munndartwortschatz halt kaum weiterentwickelt. Antworten
Hier werden zwei verschiedene Dinge diskutiert; einerseits Begriffe wie "Zügeln, parkieren, grillieren" und etwa ss anstatt doppel S. Andererseits schweizerdeutsche Dialekt Ausdrücke die einfach ins Deutsche übersetzt werden, was natürlich nicht funktionieren kann. Erstgenannte Begriffe und Schreibweisen sind korrektes Hochdeutsch helvetischer Ausprägung! Antworten
Helvetismen sind ok, es gibt ja auch genau so innerhalb Deutschlands (Samstag vs. Sonnabend, "vor die Wand" vs. "gegen die Wand" etc.) und Österreichs (Jänner, Marillen) regionale Sprachvariationen, die in der Standardsprache benutzt werden. Von den hier genannten Helvetismen sind allerdings einige nicht rein schweizerisch, sondern werden auch im Schwäbisch-Alemannischen benutzt (zB rauslassen). Antworten
Auch ohne Dürrenmatt: Im TA findet man Helvetismen zu Hauf. Heute berichtet die Zeitung über die Gewalt im Ausgang. Ja, gibt es im Eingang weniger Gewalt? Ich lach mich krumm. Richtig gefährlich wird's beim "Unterbruch". Welcher Chirurg repariert denn das? Und es kommt noch besser. Es nähert sich der "Zügeltermin"! Wer führt da die Zügel in der Hand? - Wohl eben niemand. PS: Ich bin Schweizer Antworten
Grüezi mitenand, könnte mir jemand den korrekten Gruppennamen nennen; ich finde unter Helvetism einen englischen Blog von Schweizern, d.h. Mundartkompositionen auf Englisch übersetzt (ganz gute Sachen dabei). Unter Helvetismus kommt nichts. Danke für die Antwort auf peter@ticino.co.th! Antworten
Das Vermischen verschiedener Sprachen führt in der Regel zu einer sprachlichen Verarmung. Die vielen Schweizer Dialekte sollten gepflegt werden, Als Auslandschweizer (seit 20 Jahren im zweisprachigen Montreal, Kanada) macht es mir immer wieder Spass einen Basler von einem Argauer unterscheiden zu können (Zürcher sind etwas schwieriger zu verstehen). Sali zämme Antworten
Das ein- oder andere Einsprengsel von Helvetismen im Hochdeutschen verleiht Schweizern einen ungemein grossen Charme. Finde ich. :-) So wie es aber hier zu und her geht, sollte die Bundesbern unbedingt dem französischen Vorbild folgen, und unbedingt alles Ausländische in alle aktiv gesprochenen lokalen Dialekte übersetzen lassen, bevor offiziell die Zulassung erteilt wird. ;-) Antworten
Ich mag unsere Helvetismen :) In diesen Beispielen findet sich aber auch schlicht schlechtes Hochdeutsch, wie "geloffen" oder "blaue Mösen". Auch das Parfum "schmeckt" nicht. Helvetismen sind nicht 1:1 ins Hochdeutsch übertragene Dialektformen, sondern eigenständige Schweizer Worte, die wir in unserem Hochdeutsch verwenden, welche ab und an auch für Amüsement sorgen - wie z.B. das Puff. Antworten






Hans Vögtlin
Sie verwenden fälschlicherweise das Nomen "Hochdeutsch" für "Schriftdeutsch" (= Standardsprache). Die germanistische Linguistik verwendet "Hochdeutsch" für die germanischen Dialekte im Hoch - Land, also für das Alemannische. Daneben gibt es das Mitteldeutsch, z. B. in Thüringen, Hessen, Sachsen, und im Norden spricht man Niederdeutsch (Platt). Schriftdeutsch ist abgeleitet von Martin Luther. Antworten