Kaffeefahrt zur Liebe

Güzin Kar über unsere Angst vor der Lächerlichkeit.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar.

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Wann genau haben wir damit begonnen, menschliche Begegnungen wie Staatsverträge zu regeln? Einander noch vor dem ersten gemeinsamen Glas Wein zu diktieren, wo die eigenen Grenzen verlaufen und welche Strafen bei Missachtung drohen? Stell keine Forderungen an mich. Bevormunde mich nicht. Reduzier mich nicht. Ich sag schon selber, was ich will. Wir sind kein Wir. Ich bin ich, und du bist mein Feind, der das Land nicht gewinnt, sondern annektiert, das Land, das seit Jahrhunderten nichts mehr hergibt, so geschunden, wie es ist. Bin müde, habe Enttäuschungen erlebt, bei mir wächst nichts, schon gar kein Vertrauen.

Aber dann lacht einer von beiden an der falschen Stelle oder denkt zu lange nach, bevor er antwortet. Schweigen, Liebesentzug, Kontaktsperre. Und in vorauseilender Scham verkriechen sich alle in ihre Höhlen und stellen sich tot. Vielleicht überleben wir so am ehesten, als Scheintote, die nichts wollen. Tschuldige, habs nicht so gemeint. Kommt nicht mehr vor. Hatte mich nicht im Griff. Ich ziehe jetzt eine Nummer und warte hinter der gelben Linie.

Keiner wird einbrechen

Und tief im Innern sehnt man sich nach einem Einbrecher, der sich unbefugt Zutritt verschafft in die eigene Innenwelt, sich dort umsieht und Dinge entdeckt, deren Wert einem selbst nicht bekannt war. Der nicht den teuren Schmuck mitlaufen lässt, sondern die alte Vase, die man schon entsorgen wollte. Er wird es nicht tun. Keiner wird einbrechen. Keiner wird «Ich sterbe, wenn wir uns nicht sofort sehen» oder «Ich habe keine Ahnung, wer du bist, aber ich verhungere ohne dich» ins mobile Gerät hacken, sondern «Lass dir Zeit. Wir haben beide viel um die Ohren».

Wenn wir uns doch einmal in fremde Hoheitsgebiete vorwagen, dann durch Besserwissertum, durch Sprachkorrektur und durch Herabsetzung des anderen. Der Feminismus ist nicht schuld. Der Kapitalismus auch nicht. Schuld sind wir selbst, seit wir uns zu Laien des eigenen Daseins erklärt und der Armada der Besseresser, Besserkleider, Schönerwohner, Klügerredner und Schnellerflirter das Wort erteilt haben. Das Wort und die Macht. Sie sollen uns vor der Lächerlichkeit bewahren und uns, die wir Mumien geworden sind, irgendwie bewegen und dahin karren, wo das Glück wohnt. Kaffeefahrten zur Erlösung, unterwegs kann man Heizdecken kaufen.

Nicht bereit, die Lächerlichkeit zu ertragen

Bis wir da sind, versuchen wir es mit Durchhalteparolen und lauwarmer Sprache: «Wir können ja mal schauen, wohin es führt.» Als ob nicht jede Begegnung eine Grenzübertretung wäre, nach innen wie nach aussen. Als ob man sich nicht mit jedem Gegenüber neu erfinden müsste. Als ob man nicht wüsste, dass in der Liebe und in der Kunst keiner gewinnt, der nicht bereit ist, die drohende Lächerlichkeit zu ertragen.

Und so sieht man all die Menschen zu zweit an irgendeinem Tresen in irgendeiner Bar sitzen und ihr Möglichstes tun, sich keine Blösse zu geben, die stattdessen den anderen erniedrigen, um sich zu erhöhen, die von sich und ihrem Business erzählen wie von Fremden und in deren Augen die Angst flattert, sobald der andere nicht die Bewunderung zeigt, die sie erwarten. Sie werden weitersuchen, bis sie endlich das perfekte Gegenüber finden, das alles genau so macht wie sie selber, das keine unerwartete Geste zeigt und kein Lachen an falscher Stelle und das stets die Grenzen einhält: ihr Spiegelbild. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.12.2014, 15:53 Uhr

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