Interview

«Kapitalismus ist der einzige Weg, gut zu leben»

Finanzwissenschaftler Yaron Brook will die libertäre Denkerin Ayn Rand in Europa bekannt machen. Anlässlich seines Besuches in Zürich spricht er über ihren Einfluss auf die Tea Party und seine eigene Bekehrung.

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Yaron Brook, wann entdeckten Sie Ayn Rand und lernten sie schätzen?
Ich wuchs in Israel auf, und wie viele Israelis in den 1970ern war ich Sozialist und Kollektivist – ich war alles, gegen das Ayn Rand war. Dann gab mir ein Freund «Atlas Shrugged» von Ayn Rand, als ich 16 war, und ich las es sehr langsam, weil ich mit dem Buch stritt und wütend wurde. Doch als ich das Buch zu Ende gelesen hatte – war ich überzeugt. Alle meine Überzeugungen hatten sich komplett geändert, und seither sehe ich nichts, das mich an den Grundlagen ihrer Philosophie zweifeln lässt. Je mehr ich lese und sehe, zum Beispiel die aktuelle Wirtschaftskrise, desto mehr bin ich überzeugt, dass Ayn Rand recht hat und Kapitalismus der einzige Weg ist, gut zu leben.

Einen anderen Weg ging Alan Greenspan, der ehemalige Notenbankchef der USA: Er war ein Freund und Anhänger von Ayn Rand, sagte nach Ausbruch der Krise aber: Ich lag falsch.
(seufzt) Alan Greenspan stand Rand in den späten 1950ern und vor allem in den 1960ern sehr nahe. Doch als er Mitte der 1970er in die Politik ging, verkaufte er sich und wurde von der Macht korrumpiert. Er hätte die Stelle bei der Notenbank nie annehmen dürfen als Anhänger von Rand, denn es ist eine planwirtschaftliche und keine marktwirtschaftliche Institution. Dann stieg ihm seine absolute Macht zu Kopf, und er machte viele Fehler – seine Zinspolitik in den frühen 2000ern ist meiner Ansicht nach einer der Hauptgründe für die heutige Krise. Dann konnte er den Fehler nicht mal auf die eigene Kappe nehmen, sondern gab den Märkten die Schuld – der ultimative Verrat an Rand. In «Atlas Shrugged» gibt es einen Charakter, der Greenspan stark ähnelt: den brillanten Physiker Dr. Robert Stadler, der alle seine Überzeugungen verrät, um seine Position zu behalten und Geld für seine Forschungen vom Staat zu erhalten. Ich glaube, Greenspan ist eine sehr ähnliche Figur, die sich an den Staat verkauft hat, um Macht zu erhalten. Traurig!

Dafür hat die Tea Party Rand für sich entdeckt.
Genau, zumindest in den frühen Tagen sah man bei der Tea Party viele Schilder mit Bezug zu Ayn Rand, wie «Ayn Rand was right», «Who is John Galt», «Atlas is shrugging». Die Tea Party ist eine emotionale Antwort auf das übermässige Wachstum des Staates, eine Grassroots-Bewegung, die meist aus eher einfachen und ungebildeten Leuten besteht. Sie suchten ein Symbol für ihren Protest und fanden Ayn Rand. Nach 2008 stiegen die Verkäufe von «Atlas Shrugged» in den USA dramatisch an, und es war eine Inspiration für viele Leute.

Wie kann ein Buch einer Philosophin solchen Einfluss haben auf eher einfache Leute?
Na gut, es ist ja ein Roman, der für viele Leute spannend zu lesen ist. Die philosophischen Botschaften sind integriert in die Geschichte, sodass die Leute gut darauf reagieren können. Wenn sie fertig gelesen haben, können sie sagen: «Ja, in so einer Welt will ich leben.» Einige sehen das Buch fast schon als prophetisch an, weil sie merken, dass Ayn Rand viele Probleme beschrieben hat, die heute in der US-amerikanischen Gesellschaft bestehen – oder von denen sie zumindest befürchten, dass sie bestehen könnten.

Was ist das Ziel Ihres neuen Buches «Free Market Revolution»?
Ich und mein Co-Autor Don Watkins wollten die Ideen von Ayn Rand auf den ökonomischen, politischen und kulturellen Kontext des heutigen Amerika anwenden. Wir versuchen, diese Ideen so auszuformulieren, dass jeder von der Tea Party sie verstehen kann, und Beispiele zu bringen, zu denen sie einen Bezug haben. Wir wollen den heutigen Amerikanern Argumente für den freien Markt und den Kapitalismus liefern.

Was wollen Sie mit dieser Revolution bewirken?
Am Ende sollte die völlige Trennung von Staat und Wirtschaft stehen. Der Staat sollte keine Rolle spielen in unseren wirtschaftlichen Aktivitäten, sondern nur unsere Rechte schützen, in wirtschaftlichen Fragen vor allem die Eigentumsrechte. Sonst sollte er uns allein lassen, das heisst: Es gibt keine Sozialwerke, keine Umverteilung von Wohlstand, keine Regulierungen, keine Kontrolle des Geschäfts – nur wir allein beim Verfolgen unserer ökonomischen Interessen.

Wie wollen Sie das erreichen?
Um dorthin zu gelangen, reicht es nicht, über Wirtschaft und Politik zu reden, denn der grundlegende Wandel, der stattfinden muss, ist ein moralischer Wandel. Das heisst, wir wollen, wie Ayn Rand es fordert, die Idee zurückweisen, dass es der Sinn des Lebens sei, für andere zu leben, sich aufzuopfern und selbstlos zu sein. Kapitalismus ist inkompatibel mit Selbstlosigkeit, sondern braucht rationales, langfristiges Eigeninteresse. Die «Free Market Revolution» soll ein moralischer Wandel sein, mit dem Ziel, sein Eigeninteresse wieder verfolgen zu dürfen.

Ist das nicht utopisch?
Nicht in dem Sinne, dass es etwas Unerreichbares wäre – aber in dem Sinne, dass es ein schwerer Weg ist, dass es idealistisch ist. Schauen Sie, wenn 1760 jemand gesagt hätte, wir wollen einen Staat gründen, der auf John Lockes Ideen von individuellen Rechten basiert, dann hätte man auch gesagt, das ist utopisch, das ist Unsinn – aber 1776 wurde genau ein solcher Staat gegründet. Unsere Ideen sind realistisch und kompatibel mit der menschlichen Natur, und darum sind sie erreichbar. Natürlich braucht es lange, und eine intellektuelle Schlacht ist nie eine einfache, vor allem weil unsere Gegner schon 2000 Jahre Zeit hatten und wir erst 50.

Wie sehen Sie denn die politische Lage der USA?
Rechts und links, Republikaner und Demokraten sind sich heute sehr ähnlich, sie streiten sich nur über triviale Details. Ayn Rand sagte immer: Die Republikaner wollen das Büro befreien und das Schlafzimmer regulieren, während die Demokraten gerade umgekehrt das Büro regulieren und das Schlafzimmer befreien wollen. Tatsache ist aber: Beide wollen beides regulieren, und niemand will wirkliche Freiheit. Bei den Republikanern gibt es immerhin Leute, die Interesse an Ayn Rand haben, wie zum Beispiel der letzte Vizepräsidentschaftskandidat Paul Ryan.

Durch ihn kam Rand auch in Europa wieder ins Gespräch...
...gut, das ist natürlich immer ein Vorteil, wenn jemand Berühmtes etwas über Ayn Rand sagt, obwohl Paul Ryan Rand nicht wirklich versteht und sicherlich nicht vollständig an sie glaubt. Nur schon, dass er sie erwähnt und über sie geredet hat, war grossartige Werbung für uns. Für uns ist es wirklich ein Fortschritt, dass ein prominenter Politiker über Rand redet – das wäre vor 20 Jahren noch unvorstellbar gewesen, da war Rand zu sehr eine Randfigur. Nun wird sie langsam Mainstream, und das ist ja unser Ziel.

Wo steht Ayn Rand denn in Europa? Würden Sie ihre Ideen gerne auch hier verbreiten?
Das würden wir natürlich gerne, und darum bin ich auch hier, um zu schauen, mit wem wir hier zusammenarbeiten können. Seit kurzem sind auch Übersetzungen in allen wichtigen europäischen Sprachen verfügbar, und das ist sehr wichtig. Ich denke, in den nächsten zehn Jahren wird man in Europa mehr über Ayn Rand reden. Wenn die Dinge schlechter werden – und das wird mit Sicherheit passieren, hier wie in den USA –, schauen sich die Leute nach neuen Ideen um, und mein Ziel ist es, dass Rand dann zur Verfügung steht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.01.2013, 12:17 Uhr

Yaron Brook (*1961), geboren und aufgewachsen in Israel, wanderte 1987 in die USA aus. Nach einem Bachelor als Bauingenieur, einem Doktorat in Finanzwissenschaften und einem MBA wurde er Professor an der Santa Clara University in Kalifornien. Seit 2000 ist er Leiter des Ayn Rand Institute, das 1985 von Rands Schülern und vom Erben Leonard Peikoff gegründet wurde und zum Ziel hat, Rands Ideen zu verbreiten. Letzten Herbst erschien von ihm und seinem Mitarbeiter Don Watkins das Buch «Free Market Revolution: How Ayn Rand's Ideas Can End Big Government».

Im Rahmen einer Vortragsreise durch Europa hielt er letzten Donnerstag in Zürich auf Einladung des Liberalen Instituts einen Vortrag.

Ayn Rand

Geboren 1905 im zaristischen Russland als Alissa Rosenbaum, wanderte Rand nach der russischen Revolution in die USA aus, wo sie bald als Drehbuchautorin und Schriftstellerin Fuss fassen konnte. Ihre bekanntesten Werke sind die Romane «The Fountainhead» (1943) und «Atlas Shrugged» (1957). Mit ihrer Philosophie des Objektivismus, ihren radikal freiheitlichen Ideen und ihrer Verteidigung von Egoismus und Big Business gewann sie grossen Einfluss. Zu ihren Schülern zählt unter anderen der ehemalige US-Notenbank-Chef Alan Greenspan.

Yaron Brook spricht vor der Tea Party

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