Kein Thema zu komplex, um es zu zeichnen

In seiner Graphic Novel «Die Bekehrung» packt Comiczeichner Matthias Gnehm das Thema Zersiedelung an. Dieses wecke «mehr Emotionen, als man ahnt».

Er sagt, sein Beruf habe «etwas Mönchisches»: Der Cartoonist Matthias Gnehm.

Er sagt, sein Beruf habe «etwas Mönchisches»: Der Cartoonist Matthias Gnehm. Bild: Doris Fanconi

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Matthias Gnehm (40), Comiczeichner und Architekt ETH, gehört nicht zu den Menschen, die ihr Herz auf der Zunge tragen. Dem Klischee des lockeren Cartoonisten, der immer für einen Spass zu haben ist, entspricht er mit seinem zurückhaltenden Wesen nicht. Auf dem Pult, an dem er in der Klause seines Zürcher Architekturbüros zeichnet, liegen akkurat geordnet nur weisses Papier, eine Schachtel mit Stiften und darin das kleine Beseli, mit dem er jeweils Gummikrümel von der Platte fegt. Er sagt selber, sein Beruf habe «etwas Mönchisches».

Dennoch kann es in Wallung geraten, das Herz des nüchternen Gnehm. Nämlich dann, wenn sich bei der Entwicklung einer Geschichte «die Verstrickungen lösen» und seinen Charakteren der Durchbruch gelingt. Das sei ein Moment unheimlichen Glücksgefühls. «Ich bin kein Marathonläufer», sagt Gnehm, «aber so stelle ich mir das etwa vor: Am Start ist man voller Elan, in der Mitte des Laufs kommt die Krise, und wenn die Wand durchbrochen ist, läuft es wie von allein.» Die Lust auf diese Erfolge werde «fast ein wenig zur Sucht».

Ausgefranst und zugepflastert

Drei Jahre Arbeit hat Gnehm in sein neustes Werk gesteckt. Zum Start des Fumetto-Comixfestivals in Luzern lag der gezeichnete Roman am Samstag auf dem Tisch: «Die Bekehrung» – eine 300 Seiten dicke Graphic Novel zur Zersiedelung im Land. Die Handlung dreht sich zwar in einer Rückblende um die unglückliche erste Liebe eines 14-jährigen Jungen in einem Dorf im Aargau. Doch zeichnerisch läuft das Thema Siedlungsbrei, das für Gnehm hochemotional ist, in Dutzenden von Vogelschauen aufs Mittelland wie ein separater Film nebenher. Als Erwachsener und Architekturkritiker besucht die Hauptfigur Kurt sein Dorf wieder und findet es ausgefranst und zugepflastert vor – zerklüftet von Strassen, Industriekomplexen und endlosen Quartieren mit Einfamilienhäusern. In Erinnerung an seine Jugendliebe, der er damals in eine dubiose Bibelgruppe folgte, findet er aber trotz der hässlichen Wirklichkeit zum Glauben und zur Zuversicht zurück, da sei noch etwas zu retten.

Gnehm ist im Herzen des heutigen Siedlungsbreis aufgewachsen, in Küngoldingen AG. Sein Elternhaus kommt in der Novel vor. Er hat es später als Architekt sogar umgebaut. Den Roman, in dem sich Gedächtnis und Fantasie vermählen, nennt er «autofiktional». In einer Traumsequenz zeigt er, wie es sein könnte: eine intakte Landschaft mit geschlossenen dörflichen Zentren. Sie sind durch gläserne Hochbahnschläuche verbunden, unter denen die Bauern weiter ackern können.Doch die Realität sieht anders aus. Das Mittelland ist die misslungene Version von Aarolfingen (für Aarau, Olten, Zofingen). Das war die Stadt, die der Kanton Aargau in der Wachstumseuphorie der 1960er-Jahre für 300'000 Einwohner plante. Statt der Metropole, die 33 Gemeinden vor der Zersiedelung bewahren sollte, wälzt sich heute von Lenzburg bis nach Solothurn ein Moloch in die Breite.Gnehm gibt sich keinen Illusionen hin: «Es ist undenkbar, die Bewohner des Mittellands im Interesse von Natur und Ästhetik je wieder aus ihren Häusern zu treiben.» Im Gegensatz zur überall sichtbaren Architektur, der sich niemand entziehen kann, traut er seinem Buch auch keine politische Wirkung zu. Sein Ziel sei es, «eine gute Geschichte zu erzählen», wie es seine Eltern mit ihm taten und wie er es mit seinen 4- und 6-jährigen Kindern tut. Der Landschaftsinitiative werde er aber sicher zustimmen, sagt Gnehm: «Ein Land, in dem jede Sekunde ein Quadratmeter Land zugebaut wird, braucht einfach einmal eine Denkpause.»

Krimi zur Zürcher Hochfinanz

Matthias Gnehm, der mit seiner Familie in einer Zürcher Mietwohnung lebt, hält kein Thema für zu komplex, um es zu zeichnen. Schon als Junge hat er Indianer und Ritter gemalt und Modellhäuser gebaut. Eine Buchhandlung in Zofingen hat ihm in den 1980er-Jahren die Welt des franco-belgischen Comics eröffnet, in der er mittlerweile selber originelle Akzente setzt. Sprungbrett für seine Karriere war 1998 die Zeitschrift «Hochparterre», in der er mit dem Lausanner Texter und Architekten Francis Rivolta als Serie «Paul Corks Geschmack» veröffentlichte: die abenteuerliche Odyssee eines Menschen, der im kulinarischen Sinne Farben schmecken kann.

2002 zeichnete Gnehm mit Rivolta zum 100-Jahr-Jubiläum des Bundeshauses das farbige «Rätsel in Weiss» um einen seltsamen Kunstdiebstahl der Fresken im Parlament. Auch einen Wirtschaftskrimi zur Zürcher Hochfinanz hat Gnehm schon gezeichnet, und im «Selbstexperiment» wagte er sich sogar in die abstrakte Domäne des menschlichen Bewusstseins und der Gefühle vor. Auch wenn er seine eigenen Gefühle nicht nach aussen kehrt: Seine Novels sind voll davon. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.04.2011, 23:43 Uhr)

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