Keine Mauschelei um den gestampften Juden

Von Rico Bandle. Aktualisiert am 10.04.2010 39 Kommentare

Welche Wörter sind rassistisch, welche nicht? Ein Onlineglossar der Stiftung gegen Rassismus klärt auf – und bringt Überraschendes zum Sprachgebrauch zu Tage.

«Nazi-Angebote sind immer obszön», das gilt in der Regel auch bei der Sprache.

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Neger darf man nicht sagen. Das weiss jedes Kind. Und die älteren Menschen glauben auch zu wissen, dass das Wort vor nicht allzu langer Zeit noch völlig unbedenklich war. Der Begriff ist aber schon lange belastet, wie im Glossar der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) zu lesen ist: «Historisch entstand die Bezeichnung im Zusammenhang mit den Rassentheorien (‹Negride Rasse›).» Und die Rassentheorie habe den Europäern als Rechtfertigung für die Ausbeutung und die Versklavung von Menschen anderer Kulturen und Hautfarbe gedient.

Will uns da jemand vorschreiben, was wir sagen dürfen und was nicht? Die GRA schreibt in einer Mitteilung: «Alle im GRA-Glossar behandelten Begriffe sind durchaus verwendbar, wenn deren Bedeutung verstanden und gewollt ist.» Man ist geneigt, sich für diese Grosszügigkeit zu bedanken. Doch geht man die einzelnen Wörter durch, so merkt man: Hier geht es kaum darum, ein Neusprech der Political Correctness einzuführen, sondern auf die Bedeutung und Herkunft von Begriffen aufmerksam zu machen. Und wenn man den zum Teil schulmeisterlichen Ton ignoriert, erweist sich dies auch als hoch spannend.

«Sonderbehandlung» und «Selektion»

So erfährt man, dass das Wort «Sonderbehandlung» ein nationalsozialistischer Tarnbegriff für Mord war, der zunächst von der SS, später auch von zivilen Behörden verwendet wurde. Oder dass «Mauschel» im 17. Jahrhundert ein Spottname für einen Juden war. Mauscheln bedeutete einerseits abfällig die undeutliche Art, wie ein Mauschel spricht, andererseits «wie ein Schacherjude handeln», also betrügen. Weiter heisst es: «Mauscheln hatte sich im 19. Jahrhundert in der deutschen Sprache derart eingebürgert, dass auch der emanzipierte jüdische Schriftsteller Heinrich Heine (1797-1856) das Wort verwendet – allerdings im Wissen um dessen Herkunft.»

Bei anderen Wörtern ist weniger klar, weshalb sie in dem Glossar erscheinen. Ist «Selektion» vorbelastet, weil die Nazis das Aussondern von Juden bei den Todestransporten so bezeichneten? Wohl kaum. Dafür werden bei der Erklärung zum «gestampften Juden» (Fleischkonserve in der Schweizer Armee) durchaus auch Zeitungspassagen zitiert, in denen es heisst, dass dieser Ausdruck nicht antisemitisch zu verstehen sei.

Das Glossar ist zwar nicht auf Antisemitismus beschränkt, die Mehrzahl der Wörter sind jedoch diesem Bereich der Ausgrenzung zuzuschreiben. Erstaunlich ist vor allem, dass die in der Schweiz verbreiteten Begriffe zu Ex-Jugoslawen (z. B. «Jugo») oder anderen Einwanderergruppen fehlen. Hier besteht noch Nachholbedarf. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.04.2010, 14:15 Uhr

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39 Kommentare

Peter Gutknecht

09.04.2010, 15:35 Uhr
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Interessant wäre, weshalb die Bezeichnung "Neger" abwertend verstanden wird. Ich wette, dass in 10 Jahren die Bezeichnung "Schwarzer" auch auf dem Index steht. Hat es etwa etwas mit dem Verhalten der Leute aus Afrika zu tun ? - Auch Chinesen sind uns Europäern gegenüber auffällig anders. Aber wieso ist "Chinese" eine wertfreie Bezeichnung, im Gegensatz zu "Neger" ? Antworten


Eric Stassel

09.04.2010, 14:42 Uhr
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Man sollte dieses Thema mit Mass angehen. Das Wort "Führer" beispielsweise ist einerseits stark vorbelastet, dennoch tragen Millionen Deutsche (und Schweizer) voller Stolz einen "Führerschein." Andere, offensichtlich böse Wörter wie "getürkt" erfreuen sich überraschend häufigen Gebrauchs. Wichtig ist nicht unbedingt die Herkunft eines Begriffs, sondern was man heute damit auszudrücken versucht. Antworten



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