Kinder, lernt Frühphilosophisch

Laut einer englischen Studie haben Schüler, die einmal pro Woche in philosophischen Fragen unterrichtet werden, später einen Vorteil im Lesen und Rechnen.

Philosophie bewirkt mehr Selbstvertrauen. Im Internat von Eton kann man das sicher brauchen. Foto: Sally & Richard Greenhill (Alamy)

Philosophie bewirkt mehr Selbstvertrauen. Im Internat von Eton kann man das sicher brauchen. Foto: Sally & Richard Greenhill (Alamy)

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Es muss ja nicht gerade Platons «Phaidon» sein. Oder Descartes’ «Von der Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Forschung». Ein kleines Gedicht, eine Karikatur tuts auch. Oder ein Filmclip, der von einem Dilemma handelt. Manchmal reicht eine Zeitungsmeldung, die ein bisschen aus dem Rahmen fällt. Darüber lässt sich auch mit Kindern reden.

Das haben Philosophen und debattierlustige Pädagogen schon immer gewusst. Dennoch ist Philosophie für jüngere Schüler in der Regel nicht vorgesehen. Allerlei «Nützlicheres» drängt auch in England auf die Stundenpläne der Grundschulen. Für die Kleinen haben seit je Lesen, Schreiben und Rechnen Vorrang. Danach ist man mit Geografie oder Physik beschäftigt. Höchstens in der Oberstufe, in den letzten zwei Jahren, steht die «Liebe zur Weisheit» als Wahlfach zur Verfügung.

Das aber, klagen britische Erzieher, sei ein Versäumnis. Sie verweisen auf eine Studie, die Pädagogikprofessor Stephen Gorard von der Universität Durham als «äusserst interessant» einstuft. Die Studie «Philosophy for Children» ist von der «Stiftung zur pädagogischen Förderung benachteiligter Schüler» in London in Auftrag gegeben und finanziert worden. Gorard und sein Institut in Durham haben sie ausgewertet – und messen ihr grosse Bedeutung zu.

An dem Experiment waren ein Jahr lang über 3000 Schüler an 48 Schulen in England beteiligt. An 26 der Schulen erhielten die 9- und 10-Jährigen eine Schulstunde Philosophie pro Woche. Die 40-Minuten-Lektion war so organisiert, dass die jeweilige Klasse einen Kreis bildete. Der Lehrer oder die Lehrerin vermittelte einen kleinen Denkanstoss.

Kurze Texte, Bilder oder Videos halfen, die Kinder in ein Thema hineinzuziehen. Meist ging es um Fragen von Freundschaft, Fairness, Güte, Gerechtigkeit oder Schikane. Nach kurzer Denkpause wurden die Kinder aufgefordert, erst in einer Gruppe und dann im grösseren Kreis die betreffende Frage zu disku­tieren.

«Eine neue Art zu denken»

Jeder Schüler wurde einbezogen, die Beiträge bauten aufeinander auf. Die Lehrer, die an dem Projekt teilnahmen, waren normale Fachlehrer, die vorab zwei Tage lang für diese Aufgabe geschult worden waren und sich dann im Laufe des Schuljahrs weiter beraten lassen konnten. Die anderen 22 Schulen fungierten im Experiment als Kontroll-gruppen. Sie mussten ohne Philosophie auskommen.

Das Ergebnis überraschte alle Beteiligten: Die philosophierenden Kinder hatten nach Ablauf des Jahres in allen Bereichen die Nase vorn. Im Schnitt waren sie ihren nicht philosophierenden Altersgenossen im Lesen und Rechnen um zwei Monate voraus. Noch bessere Erfolge erzielten sozial benachteiligte Kinder – also zum Beispiel jene, die freies Schulessen beziehen, weil ihre Familien kaum über Einkommen verfügen. Diese Kinder waren ihren Altersgenossen im Schreiben um zwei Monate, im Rechnen um drei Monate und im Lesen um vier Monate voraus, sobald sie ein Jahr Philosophie hinter sich hatten.

Schon wegen der geringen Kosten, meint Gorard, sei diese Methode besonders geeignet, um gesellschaftliche Benachteiligung abzubauen. Schulleiter könnten mit nur 16 Pfund pro Schüler und Schuljahr die Lage der Benachteiligten ein gutes Stück verbessern – also mit einer ziemlich kleinen Summe aus dem Extratopf für soziale Zwecke, der englischen Schulen zur Verfügung steht.

Ganz generell jedoch verzeichneten die Lehrer der am Projekt beteiligten Schulen positive Effekte der wöchentlichen Philosophiestunde. Vielfach besserten sich das Verhalten und die Beziehungen unter den Schülern in den einzelnen Klassen. Mehr Selbstvertrauen wurde beobachtet, mehr Beteiligung am Unterricht, mehr Bereitschaft zu Fragen. Aber auch mehr Geduld, sich Beiträge anderer anzuhören. Und das in allen möglichen Fächern, quer durch den ganzen Unterricht. Kevan Collins, Direktor der Stiftung, die die Studie finan­zierte: «Diese Kinder haben eine neue Art, zu denken und sich auszudrücken, gelernt. Sie gehen mit mehr Logik vor – und verknüpfen Ideen miteinander.»

Es sei «eine echte Freude», nach nur einem Jahr derart positive Ergebnisse zu verbuchen, meint auch Bob House, Präsident der Gesellschaft zur Förderung von Philosophie im Bildungsbereich. Darauf müsse man bauen. Die Gesellschaft besorgte das Lehrertraining bei diesem Experiment. Ginge es nach ihr, würde Philosophie überall fest und schon früh in den Stundenplan eingebaut – und nicht als abseitige Beschäftigung für Streber und Freaks betrachtet.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.03.2016, 19:43 Uhr)

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