«Kinder sind schwerer zu täuschen»
Peter Marvey in Zürich
«Magic Mania Show»
Peter Marvey (38), geboren in Rüti ZH, gilt als innovativer Star unter den Magiern. Der Sohn eines Physikers laborierte schon als Achtjähriger mit dem Zauberkasten und liess am liebsten Essen verschwinden, das ihm nicht schmeckte. Er studierte Architektur, bevor er sich der Zauberei verschrieb. In der Schweiz ist er noch wenig bekannt, Karriere hat er im Ausland gemacht, zweimal wurde er Magier des Jahres. Marvey ist mit seiner Illusionsshow in 33 Ländern auf 5 Kontinenten aufge-treten, füllt riesige Säle in Las Vegas, Tokio, Monte Carlo. Seine Spezialität sind Schweben und Fliegen ohne sichtbare Hilfsmittel. Im Oktober zeigt er erstmals seine «Magic Mania Show» in Zürich im Theater 11. Er lebt in Feu-sisberg SZ im «Magic House», einem modernen Minergiehaus, in das er ein Zaubertheater mit 99 Plätzen eingebaut hat. (uh)
Vorstellungen 20., 22., 23. Oktober im Stadthof 11, Zürich. Tickets: www.magic-house.ch oder www.starticket.ch
Artikel zum Thema
Peter Marvey, wissen Sie eigentlich, dass Sie die Leute nerven? Wenn man nicht versteht, wie Ihre Tricks und Illusionen funktionieren?
Sie müssen einfach relaxed zuschauen und nicht immer an der Technik herumstudieren. Im Kino denken Sie ja auch nicht mitten im Film: Ui, das ist jetzt ein Special Effect! Es ist einfach schöner, wenn man sich in diese Welt hineinfallen lassen kann.
Man soll sich also einfach hingeben.
Ja, aber natürlich ist die Frage nach dem Dahinter bei Illusionen immer vorhanden, Neugier ist der Antrieb des Zuschauens. Sonst könnte ich ja auch nur ein Märchen erzählen. Es gibt zwei Arten von Publikum: Leute, die vor allem technisch hinschauen, und solche, die sich einfach bezaubern lassen.
Aber Sie leben im Grunde davon, Menschen zu täuschen.
Nun, man könnte ja auch sagen, die Musik täusche eine Stimmung vor, die nicht ist. Oder ein Märchen besetze das Gehirn mit unnötigen Fantasien. Musik, Film und vieles andere katapultieren uns direkt in Gefühls- und Fantasiewelten. Doch jeder weiss, wie Musik und Film letztlich zustande kommen. In der Zauberei ist das anders: Das letzte Stück Wissen wird uns entzogen. Magie ist nicht Täuschung, sondern die Kunst der Täuschung. Diese Kunst auszuüben und weiterentwickeln zu können, ist höchst spannend und erfüllend.
Sie manipulieren vor allem Auge und Hirn. Wenn ein Zauberer mehrmals einen Ball in die Luft wirft und wieder auffängt und beim letzten Mal nur die Armbewegung macht, meinen die Zuschauer, der Ball sei ins Nichts geflogen. Dabei wurde der Ball gar nicht geworfen.
Das ist richtig. Unser Hirn vervollständigt vieles, das hilft uns Menschen im Alltag. Wenn Sie einen Stab beidseits hinter einem Buch hervorschauen sehen, nehmen Sie selbstverständlich an, das sei ein durchgehender Stab. Und Sie denken nicht darüber nach, ob es zwei sind. Das erwachsene Hirn hat gelernt, dass es so ist, und es will, dass es so ist. Kinder sind deshalb schwerer zu täuschen, weil sie noch alles hinterfragen.
Warum gibt es eigentlich so wenig Frauen unter den Magiern? Frauen werden immer nur zersägt.
Ich lasse mich doch auf der Bühne zersägen! Aber eine klare Umkehrung ist das natürlich nicht, denn es sind mehrere Damen in meiner Show, die das bewerkstelligen. Es gibt schon einige Frauen mit eigener Zaubershow, aber es sind nicht viele. Vielleicht ist es der Hang zum Tüfteln, der bei uns Männern ausgeprägter ist als bei Frauen.
Ist Ihnen auch schon mal ein Zaubertrick richtig missraten?
In meiner Anfangszeit schon, aber da hatte ich noch nicht so viele Zuschauer wie heute. Es passiert im Grunde immer etwas Unvorhergesehenes, aber ich habe stets einen Plan B. Im schlimmsten Fall lässt man einen Teil des Kunststücks weg und geht zum nächsten über. Wenn Sie ein Haus bauen, reissen Sie ja auch nicht alles ab, nur weil es ein Material oder eine Farbe nicht gibt, die Sie sich vorgestellt hatten.
Was machen Sie lieber, die grossen Illusionen wie fliegen oder die kleinen Effekte wie Fäden zerreissen und wieder verbinden?
Illusionen sind am nächsten beim Traum und auch beim Albtraum. Fliegen ist ein Menschheitstraum, ich fliege für mein Leben gern. Karten verschwinden lassen oder Fäden zerreissen ist wunderbar, aber kein grosser Traum. Ich mache beides gern, der Wechsel macht den Reiz.
Wie lange arbeiten Sie zum Beispiel an der fliegenden Kutsche, und was investieren Sie in so ein Kunststück?
Von der ersten Idee bis zur Tauglichkeit vor Publikum dauerte das ein Jahr. Aufwendige Illusionen wie die Kutsche kosten bis zu einigen Hunderttausend Franken. Doch das ist ähnlich wie mit einem Instrument: Die teuerste Geige nützt Ihnen nichts, wenn Sie sie nicht spielen können.
Wie muss man sich die Vorarbeit vorstellen? Wie kommen Sie zu Ihren Ideen, wie setzen Sie sie um?
Durch all die Jahre habe ich viel Erfahrung sammeln können, Grundgedanken aufgebaut und Systeme entwickelt, die ich miteinander kombinieren kann. Oft kommen mir die guten Einfälle nachts in den Sinn, die letzten Nummern sind so entstanden. Ich skizziere die Idee und mache zum Teil auch das Modell selber. Manchmal baue ich gleich das ganze Ding. Sonst lasse ich die Installation auswärts anfertigen.
Dann sind Sie vor allem ein Tüftler.
Ich will mich nicht selber loben, aber ich bin sehr gut in Mechanik und in Optik. Bei der Chemie ziehe ich manchmal jemanden bei. Auch in der Elektronik bin ich kein Hirsch, da nehme ich einen Fachmann zu Hilfe.
Ihr Vater war Physiker, hat Sie das geprägt?
Gut möglich. Vor allem war es bei uns zu Hause üblich, dass man nicht alles einfach kaufte, sondern auch vieles selber machte. Mein Vater hatte einen riesigen Werkraum.
Was ist Ihr schwierigster Trick? Wofür müssen Sie am meisten üben?
Für Manipulationen, da braucht es jahrelanges Training. Zum Beispiel für die sogenannten Magic Hands, wenn von überall her Karten auftauchen und ich nur meine Hände und nackten Unterarme auf der Bühne habe, aber keine Hilfsmittel.
Schauen sich Zauberer gegenseitig in die Karten? Gucken Sie sich Elemente oder Tricks bei David Copperfield ab?
Ja, da schaue ich sogar sehr genau hin, damit ich genau das eben nicht mache. Denn ich habe keine Lust, als Nummer zwei herumzulaufen. Ich kenne David Copperfield gut, aber wir sind nicht eng befreundet. Siegfried hingegen, der Partner von Roy, ist ein guter Freund von mir.
Dann wissen Sie, wie Copperfields Tricks funktionieren?
Ich weiss Sachen grob, aber nicht im Detail, umgekehrt ist das auch so. Aber zwei Profis mit demselben Spezialgebiet, die wissen relativ viel voneinander.
Auch die Techniker, die Sie beiziehen, haben Einblick in Ihre Geheimnisse. Das ist doch riskant.
Erstens müssen alle einen Vertrag unterschreiben, die mit mir arbeiten, und zum andern muss man auf einem Instrument auch spielen können, wenn Sie wissen, was ich meine. Da braucht es Erfahrung und Können, das kann man nicht von heute auf morgen. Die Gefahr ist nicht so gross, wie Sie denken.
Haben Sie die Rechte an Ihren Kunststücken, kann man Tricks patentieren lassen?
Man kann Effekte patentieren, aber das muss man schlau anstellen: nicht alles haarklein beschreiben, sondern nur ein Detail, auf das es ankommt. Wenn man alles beschreibt, dann ist es ein Leichtes, ein Zahnrädchen auszutauschen, und schon ist das Ganze wieder etwas anderes und damit ungeschützt. David Copperfield ist einmal kopiert worden, bis hin zum Kostüm, das er trug. Er ist deshalb vor Gericht gegangen, und der Nachahmer hätte sehr viel Prozente pro Show zahlen müssen.
Können Sie überhaupt noch unterscheiden zwischen Zauberei und Realität?
Zauberei ist beides – Traum und Realität. Das liegt eng beieinander. Wenn Sie sich nicht auskennen mit der Realität, mit Technik, Finanzen, Logistik, dann kommen Sie nie zum Traum.
Aber Sie spielen mit dem Mystischen. Ist Spiritualität für Sie ein Thema?
Durchaus. Ich bin schon immer auf der Suche gewesen nach Phänomenen, die man nicht so einfach entschlüsseln kann. In unserer entzauberten Welt ist der Wunsch nach Mystik viel grösser als früher. Wir wissen zwar mehr als unsere Vorfahren, aber indem der Wissensradius grösser wird, tauchen auch neue Fragen auf. Wissenschaftler forschen im Hirn und in Molekülen, aber wir haben keinen direkten Bezug mehr dazu. Die Wissensgrenze wird ständig nach aussen verlagert. Zauberei oder Esoterik bringen Grenzerfahrungen zurück, die heute sonst nicht möglich sind. Menschen geniessen das Gefühl, wenn ihnen für einmal der Boden unter den Füssen weggezogen wird, dass etwas scheinbar Unmögliches passiert.
Wo liegt die Zukunft der Magie? Noch mehr Technik?
Technik ist nur die Grundlage. Es träumt niemand von Technik, sondern vom Fliegen. Je mehr Technik Sie auf die Bühne stellen, desto weniger werden die Leute träumen.
Sie touren auf der ganzen Welt. Passen Sie Ihre Show dem jeweiligen Land an?
Das nicht, aber einige Dinge kann ich zum Beispiel im Mittleren Osten nicht bringen. Da kann ich mich nicht zersägen lassen, das wäre schockierend, weil die Leute die Unterhaltung nicht erkennen können, sie sehen so etwas ja sonst nie. Man erlebt schon überraschende Sachen – einmal ist bei einer Show im Nahen Osten jemand auf die Bühne geklettert, weil er gemeint hat, er müsse mir helfen.
Ein riesiges Equipment geht da jeweils auf Reisen, Sie brauchen anderthalb Tonnen für eine halbe Stunde Auftritt. Wie wird das verschickt?
In Europa geht es per Lastwagen und Anhäger, sonst am liebsten per Flugzeug. Das Schiff ist unsicher, ich habe zwei Kollegen, denen ist ihre ganze Ausrüstung abgeschifft.
Haben Sie Ihre Materialkisten aus Sicherheitsgründen mit «Kinderzirkus» angeschrieben?
Ja, so wird weniger gestohlen. Und beim Zoll hat man keine Probleme. Nur die Veranstalter sind zuerst immer etwas irritiert, was denn da wohl komme.
Marvey, Ihr Künstlername, ist auch so eine Täuschung. Wo ist denn Ihr richtiger Name geblieben?
Es tut mir leid, wenn ich Sie enttäuschen muss, aber den habe ich vergessen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.09.2010, 19:56 Uhr
Kommentar schreiben
Kultur
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Grandioses Berg-Erleben.
Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.





