Kommt Zeit, kommt Rat
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 19.12.2011 8 Kommentare
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Kürzlich feierten die deutschen Sozialdemokraten am Parteitag Helmut Schmidt. Der Alt-Kanzler, der diese Woche 93 wird, sprach über «Deutschland in und mit Europa». Gewohnt wortgewaltig spannte er den Bogen über die europäische Geschichte, vom Dreissigjährigen Krieg bis zur EU – und das ganz ohne Zigarette. Diese gönnte er sich erst danach, wobei das Publikum applaudierte und johlte, als wäre der Alt-Kanzler ein Popstar, der eben ein Konzert beendet hat.
Danach war das Wort am Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Frank-Walter Steinmeier, der die Tagespolitik hinzufügte. Mit «sieben Punkten» wollte er die Schuldenkrise in Europa bekämpfen. Doch sein Vortrag stiess auf deutlich weniger Begeisterung als jener seines Vorredners. Kein Wunder, kaum ein Deutscher ist so populär wie Helmut Schmidt. Gerade in den Zeiten einer Krise kommt ein Elder Statesman wie Schmidt, der Führungskraft und Standhaftigkeit verkörpert, gut an. In Zeiten, in denen Politiker zaudern und schwächeln, wendet man sich an die ehemaligen Macher. Sie sollen, vor allem wenn es grundsätzlich wird, den Weg weisen.
Kurt Felix, bitte zur Analyse!
Hierzulande klopfen die Journalisten dann bei Leuten wie Helmut Hubacher, 85, oder Franz Steinegge, 68, an. Oder anderen altgedienten Vorleuten, «die wissen, wie es geht» und es den Zuschauern auch erklären können. Nicht nur in der Politik ist das Phänomen zu beobachten. So boten das Schweizer Fernsehen und die «Sonntagszeitung» kürzlich Nikolaus Senn, 85, auf. Der ehemalige UBS-Chef sollte von seinem Ferienhaus aus erklären, was bei der Grossbank schiefläuft. Wenn bei «Wetten dass…?» der Wurm drin ist, muss Kurt Felix, 70, zur Analyse antreten. Und wenn der Journalismus zu verrohen droht, ruft man bei Peter Studer, 67, an.
Traditionell ist ein Rat der Älteren eine Institution, die sich bewährt hat. Im alten Rom hatte der Senat - lateinisch «senatus» von «senex»: «Greis, alter Mann» - als Versammlung der ehemaligen Amtsträger zwar nur beratende Funktion, faktisch aber war er das Machtzentrum des Staates. Heute finden sich solche Räte noch in gewissen Verfassungen; Frankreich hat seinen Senat, Grossbritannien das Oberhaus, die Schweiz den Ständerat.
Trauer um Nixon
Nun ist es aber auch so, dass die Hochachtung vor einer prominenten Persönlichkeit mit dem Dahinschreiten der Zeit zunimmt. Wobei sich bisweilen eine gewisse nostalgische Verklärung - man könnte auch sagen: eine Art selektive Erinnerung - dazu gesellt. Als beispielsweise der in den 70ern geschasste US-Präsident Richard Nixon 1984 starb, trauerten in den 90er Jahren auch seine einstigen politischen Gegner. So stellt sich, wenn wieder einmal ein Elder Statesman um Rat gefragt wird, auch immer die Frage, ob es damals wirklich besser war und ob es richtig ist, die Gegenwart mit der Vergangenheit zu erklären.
Schliesslich leben wir, um auf Helmut Schmidt zurückzukommen, nicht mehr in der Weimarer Republik, nicht mehr in den 60ern und auch nicht in den 70ern. Braucht nicht jede Zeit ihre eigenen Antworten statt Rezepte aus der Vergangenheit? Andererseits verhöhnte Oskar Lafontaine einst Helmut Schmidts Beharren auf «Sekundärtugenden» wie Fleiss, Ordnung und Disziplin mit dem Hinweis, damit könne man «auch ein Konzentrationslager betreiben». Heute wäre wohl mancher schon froh, wenn sich solche Sekundärtugenden mit einer politischen Moral verbänden.
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Erstellt: 19.12.2011, 13:26 Uhr
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8 Kommentare
Man kann sich nach alten Dingen und deren Bedeutung, welche sie einst hatten, sehnen. So zum Beispiel die Erinnerung daran, wie man sich den ganzen Samstag auf den Teleboy gefreut hat. Nur funktioniert das heute nicht mehr. Schaut mal eine Aufzeichnung einer Teleboy Sendung an. Das ist heute absolut nicht mehr auszuhalten, so trocken und langweilig. Oder höchstens als "TV Total"- mässige Satire. Antworten
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