Kultur

Last und Lust des Selbermachens

Von Alice Henkes. Aktualisiert am 06.02.2012

Zu ihrem Einstand lädt Felicity Lunn, die neue Direktorin im Centre Pasquart, zwei Kuratorinnen ein. Sie bringen eine humorvoll-intelligente Schau zum Thema Handarbeit in Zeiten der Massenware nach Biel.

Kunstvolles Handwerk: «Caténaires» von Vincent Gavinet.

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Bild: Kultur-online.net

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Die Teppiche, die das englisch-französische Künstlerduo Daniel Dewar und Grégory Gicquel wie Banner von der Decke hängen lässt - sie könnten ökologisch korrekt am Webstuhl eines Schafzüchters entstanden sein, der alte Herstellungsprozesse neu belebt. Die grob gesponnene Wolle gibt der Webware eine kernige Struktur, die eindeutig nach Handarbeit aussieht. Handgefertigt, hausgemacht, das sind in unserer hoch industrialisierten Gesellschaft Gütesiegel besonderer Art. Gern bezahlt man etwas mehr für ein Stück, das gleichsam etwas von der Seele dessen verspricht, der es gefertigt hat.

Importiert und ausgebaut

Mit der Ausstellung «Manufacture» nimmt das Centre Pasquart in Biel den Prozess der Produktion in den Blick. Was bedeutet Handwerk im Zeitalter des Massenkonsums? Und welche Rolle spielt Handarbeit gerade auf dem Kunstmarkt, zu dem seit einigen Jahrzehnten auch eine Konzeptkunst gehört, die sich mehr für Ideen als für konkrete Werke interessiert?

Es ist die erste Ausstellung unter der Ägide der neuen Direktorin Felicity Lunn, die jedoch nicht als Kuratorin gewirkt hat. Die Engländerin, zuletzt als Kuratorin bei der UBS Art Collection tätig, hat ihre ersten vier Monate in Biel genutzt, um sich einzuarbeiten. Sie lud die beiden jungen Kuratorinnen Zoë Gray und Sandra Patron ein, die Ausstellung «Manufacture», die sie bereits im französischen Pougues-les-Eaux und in der südenglischen Hafenstadt Southampton gezeigt hatten, in erweiterter Form nach Biel zu bringen.

Damit hat Lunn eine gute Wahl getroffen. «Manufacture» fügt sich passend und doch eigenständig in die hauseigene Tradition zeitnaher, gesellschaftskritischer Ausstellungen. Die Kuratorinnen haben sich nicht vom üppigen Raumangebot des Centre Pasquart überwältigen lassen; es ist ihnen eine angenehm überschaubare Präsentation gelungen.

Die Nonsens-Manufaktur

Der Berliner Künstler Michael Beutler darf mit seiner Installation «La Cacahuète/workbenches» gleich zwei grosse Räume im Altbau in eine Nonsens-Manufaktur verwandeln. Mit selbst gebauten Apparaten wird Papier gefärbt, gefaltet, gepresst. Am Ende werden die Papierelemente zu einer Art Werkbank zusammengesetzt, die jedoch nicht benutzbar ist. Beutler bringt das Atelier ins Museum, macht den Arbeitsprozess als solchen zum Ausstellungsgegenstand. Zugleich verweist seine Werkstatt für nichts auf die reiche Tradition absurder Kunstmaschinen, etwa die wundervoll unsinnigen Apparatskulpturen von Jean Tinguely.

Abstrakt bis zur Entfremdung

Humorvoll agiert auch der Kanadier Zin Taylor. Zu seiner Installation «Bakery of Blok» gehören allerlei Kochutensilien und bemalte Holzelemente, die veranschaulichen sollen, in welchen Proportionen Mehl, Wasser, Salz in einem Brotteig enthalten sind. Über das Brotbacken lernt man aus Talyors Arbeit nichts - dafür zeigen die Holzklötzchen, wie sich auch einfache Prozesse durch Abstraktion bis zur Unverständlichkeit verfremden lassen.

Die Schweizerin Vanessa Billy geht das Thema Handarbeit konzeptionell an. In Büchern gefundene Bilder kombiniert sie mit Verben aus dem Spektrum des handwerklichen Arbeitens. Das Bild einer Yoga-Übung ist mit «fold» unterschrieben, die Aufnahme einer Welle mit «roll».

Fasziniert vom Spiel der Kräfte

Einen weitaus ernsteren Ton schlägt Vincent Gavinet an, dessen beeindruckende Arbeit «Caténaires» in der Salle Poma zu bewundern ist. Aus Backsteinen, Stützbalken und Sicherungsgurten baut der französische Künstler selbsttragende Bogenkonstruktionen, die durch die Materialspannung zusammengehalten werden. Fasziniert vom Spiel der Kräfte, nutzt Gavinet Techniken, die bereits beim Bau mittelalterlicher Kathedralen verwendet wurden.

Mit seinen Bogen in verschiedenen Krümmungsgraden will er die Grenzen des statisch Möglichen ausloten. Seine Konstruktionen verweisen zudem auf zwei wichtige Aspekte der Handarbeit, die in den bisher genannten Arbeiten keine grosse Rolle spielen: auf den intensiven Denkprozess, welcher der Handarbeit oft vorangeht. Und, ein wesentlicher Unterschied zu maschineller Arbeit: auf die tiefe Befriedigung, die ihr Gelingen hervorrufen kann, ganz gleich, ob man Kathedralen baut oder Socken strickt. (Der Bund)

Erstellt: 06.02.2012, 08:43 Uhr

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