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Liebeserklärung an die Sommersprosse

Wer sie hat, will sie loswerden, der Fotograf Reto Caduff wollte sie ablichten. Sein Bildband «Freckles» ist eine Ode an Sommersprossen und eine Suche nach Antworten.

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«Haben Sie auch Sommersprossen?», fragt Fotograf Reto Caduff am Telefon gleich als erstes. «Nur ein paar wenige. Aber meine Schwester hat welche. Sie hat immer darunter gelitten.» – «Das sagen alle.»

Unberührt lassen die braunen Flecken auf der Haut kaum jemanden. Kinder mit Sommersprossen werden von Kindern ohne Sommersprossen gehänselt. Frauen kleistern ihre Sommersprossen mit Schminke zu und Model-Sommersprossen werden mit Photoshop retouchiert. Das hat Reto Caduff bei seiner Arbeit häufig erlebt. «Ich habe ‹Freckles› gegooglet und hauptsächlich Seiten gefunden, auf denen erklärt wird, wie man sie loswird. Wegätzen und andere furchtbare Methoden», erzählt Caduff. Zwei Jahren lang hat sich der 44-jährige Zürcher Dokumentarfilmer, der abwechselnd in Los Angeles und in der Schweiz lebt, mit Sommersprossen beschäftigt. Für seinen ersten Bildband hat er ein Thema gesucht und es in den polarisierenden Punkten gefunden.

Von Laubflecken bis Engelsküssen

Bei Rothaarigen treten Sommersprossen besonders häufig auf. Verantwortlich dafür ist ein Gen, das bei Sonnenbestrahlung das Pigment Pheomelanin bildet. Im Sommer mehr, im Winter weniger. Sie treten aber auch bei Menschen mit dunkler Haut auf. Für das Vorwort von «Freckles» konnte Reto Caduff den Pigmentforscher Jonathan Rees aus Schottland gewinnen. Er war es, der das «Sommersprossen-Gen» mit dem Namen MC1R entdeckt hat. Lieblich klingt das nicht. Die meisten Bezeichnungen für die Pigmentstörungen dagegen schon.

In der Schweiz werden sie mal Märzenflecken, mal Laubflecken genannt und hie und da auch Sommerflecken. Das englische Freckles klingt verspielt, auch auf beinahe kitschige Bezeichnungen wie Angel Kisses stiess Caduff bei seiner Recherche. Im Süddeutschen werden sie manchmal Rossmucken genannt und im Österreichischen Guckerschecken. Die abfällige schweizerische Bezeichnung Märzendreck fällt da deutlich aus der Reihe, trifft jedoch das, was viele Sommersprossenträgerinnen erfahren: Sie werden gehänselt und leiden darunter, bis sie sie eines Tages lieb gewinnen und stolz auf die Besonderheit sind. Diese identische Geschichte hörte der Fotograf immer und immer wieder.

Ablehnende Reaktionen

«Es gab aber auch einige Models, die sich nicht mit Sommersprossen fotografieren lassen wollten.» Rund 100 Frauen hat er abgelichtet, hauptsächlich Models, allesamt draussen mit natürlichem Licht, allesamt schwarz-weiss. Etwa 50 sind nun in seinem Bildband zu sehen: nicht nur die erwarteten Rothaarigen, auch Asiatinnen, Afro-Amerikanerinnen, Mexikanerinnen und Schweizerinnen. Mal sind es nur ein paar Tüpfchen auf der Nase, mal ist das Gesicht beinahe vollständig bedeckt. Bei letzteren hätten einige Betrachter ablehnend reagiert.

Worin diese Ablehnung gründet, konnte Reto Caduff nicht in Erfahrung bringen. Er tippt auf uralte Schönheitsvorstellungen, in denen derartige «Störungen» scheinbar nicht hineinpassen wollen. Er dagegen hatte schon immer ein Faiblie für die braunen Punkte auf der Haut und «ein, zwei Freundinnen, die welche hatten». Sie machen ein Gesicht interessant und spannend, findet er. Gesichter ohne Sommersprossen dagegen sähen alle gleich aus. «Hat Ihre Partnerin auch Sommersprossen?», ist die letzte Telefon-Frage an Reto Caduff. «Nein, aber eine Zahnlücke.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.07.2012, 15:33 Uhr

Freckles, Photoporträts von Reto Caduff, Vorwort: Jonathan Rees, Limitierte und nummerierte Erstausgabe (500 Stk.), 96 Seiten, Splice Pictures Publishing, 2012.
ISBN 978-0-9848202-0-7

Infobox

Reto Caduff (44) aus Zürich ist eigentlich Dokumentarfilmer. «Freckles» ist sein erster Bildband und in einer limitierten Auflage von 500 Exemplaren erschienen. Am 12. Juli signiert er «Freckles» von 17.30 bis 19.30 Uhr in der Christophe Guye Gallery in Zürich.

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