Nackt durch Basel

«Manche empfinden schon eine Brustwarze als pornografisch»

Milo Moiré lief nackt durch Basel – und will so Konventionen brechen. Sie selber – schlank und grossbusig – entspricht einem weitverbreiteten Schönheitsideal. Ein Widerspruch? Sie erklärt ihre Performance.

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Sie nennen Marina Abramović als Ihr Vorbild. Körperlichkeit, Sexualität und Nacktheit waren bei Abramovićs Performances immer grosse Themen – bereits in den Achtzigern. Was macht eine Nackt-Performance wie die Ihrige heute noch interessant?
Heute gibt es diese Ambivalenz: Nacktheit ist omnipräsent, aber gleichzeitig ist unsere Gesellschaft körperlos geworden. In unserem digitalen Zeitalter zählt das körperliche Erleben immer weniger und wurde durch geistige Prozesse abgelöst. Ich möchte den Leuten die Körperlichkeit wieder bewusst machen, sie dazu bringen, körperliche Stärken und Schwächen zu spüren. Der Körper beeinflusst ja auch die Psyche und umgekehrt.

Waren Sie überrascht, dass man Sie an der Art nicht hereingelassen hat?
Ich war relativ offen und wusste nicht, wie man dort reagieren wird. Mir ging es darum, den Alltag mit Kunst zu konfrontieren. Die Art aber ist ein hermetisch abgeschlossener Ort, wo Kunst nicht in natürlichem Austausch mit dem Alltag stattfindet. Dort wollte ich Durchlässigkeit schaffen und die Strukturen stören. Leider habe ich das nicht geschafft.

Enttäuscht Sie das?
Die Art ist ein Ort für Kunst mit internationaler Ausstrahlung. Sie ist die Möglichkeit, Kunst zu erleben. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass sie starre Strukturen hat und kommerziell orientiert ist. Natürlich enttäuscht mich das auch.

Wie reagieren Passanten auf Sie, wenn Sie nackt ins Tram steigen?
Sie tun, als wäre ich nicht da. Ich bin während meiner Performances immer wie in einem Film und habe eine Art Tunnelblick. Einige Reaktionen registriere ich aber schon. Ein älterer Herr hat mir einmal alles Gute gewünscht. Und die jüngeren Leute filmen mich oft mit dem iPhone.

Mit Ihrer Performance «The Script System» von 2013, von der es auch ein Onlinevideo gibt, wurden Sie schlagartig weltbekannt. Muss man sich als Künstler ausziehen, um sich einen Namen zu machen?
So einfach ist es nicht. Wir werden ja im Internet bereits mit so viel Nacktheit konfrontiert. In der Kunst ist es eine Frage des Zusammenspiels, es sollte eine Kombination verschiedener Gedanken und Haltungen da sein. Für mich ist ein nackter Körper allein beispielsweise keine Provokation, ich sehe ihn nicht wertend an. Bei mir entsteht Kunst immer erst durch das körperliche Erleben im Alltag.

Wie meinen Sie das?
Der Körper ist für mich das Intensivste, was es gibt, weil er eben keine Abstraktion ist. Wenn jemand agiert, agiert man selber mit – das ist in der Psychologie sogar wissenschaftlich bewiesen. Bei meinen Performances ist das auch so: Die Leute erleben körperlich mit, was ich tue.

Was halten Sie von Aktionen wie Nacktspaziergängen oder den Bildern von Fotograf Spencer Tunick, der eine Ansammlung von nackten Menschen ablichtet? Sie treten ja allein auf.
Ich habe einmal mit einem Mann gesprochen, der für Tunick auf dem Aletschgletscher posiert hat. Er empfand das Nacktsein in diesem Kontext als etwas Natürliches und Befreiendes. Dieses Empfinden kontrastiere ich natürlich mit meinen Auftritten, da ich dort als Einzige nackt bin. Damit will ich den Zuschauern soziale Regeln vor Augen führen.

Haben Sie sich Schönheitsoperationen unterzogen?
Ja. Vor ein paar Jahren hatte ich noch kleinere Brüste. Aber ich habe mich auch dann bereits von meinem Freund fotografieren lassen und war damals auch zehn Kilo schwerer.

Sie brechen mit gesellschaftlichen Konventionen, indem Sie nackt unter die Leute gehen. Gleichzeitig entspricht Ihr Körper einer gesellschaftlichen Vorstellung von Ästhetik: Sie sind schlank, hübsch und haben grosse Brüste. Damit zementieren Sie doch ein weitverbreitetes Schönheitsideal. Ist das nicht ein Widerspruch?
Es ist ein Widerspruch, ja. Aber auch die Ästhetik spielt in der Kunst eine grosse Rolle. Ich lebe nicht als Einsiedler und schliesse mich nicht aus der Gesellschaft aus. Dinge sehe ich nicht als gut oder schlecht an, und ich hinterfrage mich auch selber. Aber auch ich funktioniere nach gewissen Regeln, da nehme ich mich nicht aus. Solche Gegensätze lasse ich gerne kollidieren.

Ihr Mann, der Fotokünstler Peter Palm, hat eine Reihe von Aktbildern von Ihnen gemacht. Die Nähe zur Pornografie ist teilweise schon frappant.
Mir ist die Bildsprache wichtig. Es gibt Leute, die empfinden schon eine Brustwarze als pornografisch. Wenn es also jemand als Pornografie bezeichnet, was ich mache, habe ich damit kein Problem. Mich inspirieren unter anderem die Bilder des Performance-Künstlers Paul McCarthy und wie er Sexualität mit Satire kombiniert. Ich finde generell, es sollte in der Kunst wie in der Sexualität keine Hemmschwellen geben.

Was sind Ihre nächsten Projekte?
Ich möchte mich in nächster Zeit ins Atelier zurückziehen und malen. Im August werde ich Marina Abramović in London besuchen. Dort planen wir eine Übergabe. Das ist dann mein nächster öffentlicher Auftritt.

Eine Übergabe?
Ja. Mehr kann ich nicht sagen, es ist noch ein Geheimnis. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.06.2014, 17:41 Uhr

Die Schweizer Künstlerin Milo Moiré (*1983) hat 2013 mit ihrer Performance «The Script System» erstmals für Aufsehen gesorgt: Moiré fährt darin nackt im Tram durch Düsseldorf, ihre Körperteile ziert jeweils die Aufschrift des fehlenden Kleidungsstücks. Im April 2014 folgte «The Plop Egg Painting» an der Art Cologne: Moiré liess mit Farbe gefüllte Eier aus ihrer Vagina auf eine Leinwand fallen.
Am Donnerstag wiederholte Moiré ihre frühere Performance «The Script System» und fuhr nackt zur Art Basel. An den Pforten der Kunstmesse wollte man sie jedoch nicht einlassen. Es gebe keinen Platz für spontane Aktionen, lautete die Begründung.

Moiré hat Psychologie studiert und lebt mit ihrem Partner, dem Fotografen P. H. Hergarten alias Peter Palm, in Düsseldorf.

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