Kultur

Mein Dialekt ist kein Tumor

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 20.10.2010 296 Kommentare

Thomas Widmer

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Am Samstag war in dieser Zeitung Peter von Matts Artikel über Schweizer Dialekt zu lesen. Abschätzig spricht der Zürcher Germanist von einer «ungeheuren, durcheinander wogenden sprachlichen Wolkenmasse». Für von Matt ist Mundart Wörtersuppe. Diffuses Formengewimmel. Als Beispiel führt er die Unzahl von Bezeichnungen für «Ameise» an: Omeisele, Ambeisse, Umbeisse, Hampeissi, Wurmasle etc.

Zufällig ist just dieser Tage ein «Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz»* erschienen. Man findet in ihm auch eine Karte zur Verbreitung der «Ameise»-Bezeichnungen. Sie ist ziemlich präzis. Omeisele: äusserster basellandschaftlicher Westen. Ambeisse: Sustenregion. Umbeisse: Fricktal. Hampeissi: nördliches Luzern. Wurmasle: Schaffhausen.

Was für ein Widerspruch! Von Matt sieht im Dialekt phonetische Willkür am Werk, redet von einer «Wunderwelt», die «tausendfach blüht und wuchert». Doch der Dialekt ist eben kein Gewaber, kein Nebel, kein Tumor. Das zeigt der neue Atlas. Der Dialekt hat Kontur, Textur, Struktur. Er weist im feingekammerten Helvetien jedem Sprecher seinen Ort zu. Er gibt uns allen eine Geschichte. Er macht den Schweizer, die Schweizerin lesbar.

Die Atlas-Autoren relativieren im Vorwort auch das oft gehörte Verdikt, die Schweizer Dialekte verflachten zum Nichts hin. Die Deutschschweizer seien zu bewusste Nutzer, um das zuzulassen, wird argumentiert: Nach wie vor sei ihnen daran gelegen, ihre «Herkunft sprachlich auszudrücken», weswegen sie bei aller Mobilität an mundartlichen Gepflogenheit hartnäckig festhielten.

Mit anderen Worten: Der Berner, der Basler, der Urner wollen lokalisierbar sein. Am Dialekt hängt alles andere: Historie, Brauchtum, Kultur, Sagen, Mythen – das ganze Selbstbild.

Einsam mit dem Dialekt

Natürlich schwächelt der moderne Dialekt stellenweise. So haben Lokalradiomoderatoren, die ihre hochdeutschen Texte in Mundart ablesen, die Zukunftsform eingeschleppt: «D Scorpions werdid scho i bald im Hallestadion spiele.» Deswegen ist der Dialekt aber kein Infantilgebrabbel, kein Hilfsdeutsch für geistig Arme, kein Medium für Analphabeten, wie von Matt suggeriert, der dem hierzulande unter Druck stehenden Hochdeutschen zudienen will. Man kann über Heidegger auf Haslitiitsch debattieren.

Das Problem mit dem Dialekt ist ein anderes: die geografische Begrenzung. Wir Schweizer sind einsam mit unserer Muttersprache. Die Texte der Berner Combo Stiller Has sind genial, bloss strahlen sie nicht weit; ein Hannoveraner versteht so etwas gar nicht: «I han e Moudi, du mir geits nid so guet, i han e Moudi, bitte lue nid so lut, i han e Moudi, das heisst dä Moudi dä het mi.»

Dass die Mundart aber grundsätzlich zu vielem taugt, auch zur Literatur, bewies letzte Woche wieder einmal die Radio-DRS-Sendung «Schnabelweid». Die Schriftstellerin Heidy Gasser aus Lungern las zwei Texte in ihrem kernigen Idiom. Kitschig, retro, dumpf war daran gar nichts; im Gegenteil zündeten Gassers starke Stücke, die von der Gegenwart des Todes im Alltag handelten, in die Abgründe der Ländlichkeit.

Dialekt ist für Dumme, ist Bauermalerei der Sprache? Aber nein! Freilich: Wer im Dialekt schreibt, hat dummerweise nur ein Minipublikum.

Das Orakel sagt «Urnäsch»

Im Internet gibt es das «Chochichästli- Orakel». Da wird man gefragt, wie man im eigenen Dialekt «Mond» sagt. Der Verfasser dieses Artikels, ein von Zürich sprachlich verwirrter Exil-Appenzeller, besinnt sich kurz auf seine Wurzeln und entscheidet sich für «Mo». Nach einigen weiteren Fragen spuckt das Orakel die Diagnose aus: Urnäsch. Das ist auf zehn Kilometer genau getroffen – nicht übel. Ebenso wenig wie dieses Land ist der Dialekt eine Wolke, in der alles unidentifizierbar durcheinandertreibt. Unsere Dialekte machen Dinge und Menschen kenntlich.

* Kleiner Sprachatlas der deutschen Schweiz. Verlag Huber, Frauenfeld. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.10.2010, 09:57 Uhr

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296 Kommentare

Laurens van Rooijen

18.10.2010, 18:48 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Wer Schweizerdeutsch für eine eigene und Hochdeutsch für eine Fremdsprache hält, hat manches nicht verstanden - das ist meines Erachtens sprachgewordenes Sonderfall- und Inseldenken in Reinform. Wer dann noch meint, Mundart (SIC!) schreiben zu müssen, hat noch viel weniger begriffen. Die Verschriftlichung ist der Mundart geradezu wesensfremd - und nein, eine Dialekt-Orthographie gibt's nicht! Antworten


Peter Wenzel

16.10.2010, 09:56 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Danke sehr - niemals im Leben wird ein Bayer von einem Schweizer verlangen, in München eben Bayerisch zu sprechen, oder ein Lübecker von einem Schweizer verlangen Plattdeutsch zu sprechen, und bei Nichtbeherrschen des Dialektes ihn entsprechend als Sonderling oder sonstwen zu betiteln. Warum das hier aber so ist, entzieht sich mir seit über 20 Jahren. Antworten



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