Kultur

«Menschen, die Mode für oberflächlich halten, sind ignorant und unwissend»

Interview: Bettina Weber. Aktualisiert am 18.11.2011 11 Kommentare

Die Chefredaktorin der deutschen «Vogue», Christiane Arp, hält sich für zu demokratisch für ihren Beruf.

«Sich schön anzuziehen, ist eine Form von Respekt»: Christiane Arp, Chefredakteurin der deutschen «Vogue».

«Sich schön anzuziehen, ist eine Form von Respekt»: Christiane Arp, Chefredakteurin der deutschen «Vogue».
Bild: PD

Christiane Arp

Die «Vogue» wurde erstmals 1892 in New York herausgegeben, mittlerweile gibt es den Titel in 18 Ländern und in Deutschland seit 1979; das Modemagazin gilt als massgebend in der Branche.
Christiane Arp, studierte Modedesignerin, ist seit 2003 Chefredaktorin der deutschen Ausgabe (Auflage 146'000) und verleiht dem Heft seitdem ein frischeres Profil. Sie selbst hält sich lieber im Hintergrund, ist zurückhaltend und bodenständig – Letzteres vielleicht, weil sie auf einem Bauernhof aufgewachsen ist. Arp ist im knapp 30 Minuten dauernden Gespräch in Zürich sehr konzentriert und bestimmt, ihre Sätze sind druckreif, und sie spricht mit einer sanften Stimme, der man gerne zuhört.
Es passt, dass sie Katharine Hepburn als stilistisches Vorbild nennt – sie selbst trägt von Kopf bis Fuss schlichtes Schwarz, dazu mörderisch hohe Ankle Boots. (bwe)

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Korrektur-Hinweis

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Wie lange dauerte es heute morgen, bis Sie wussten, was Sie anziehen wollten?
Meist entscheide ich spontan, und es geht ziemlich schnell. Wenn ich auf Reisen bin, überlege ich mir allerdings schon vorher genau, was ich tragen möchte.

Ihr Koffer ist also entsprechend gross?
Da ich nur zwei Tage in Zürich sein werde, reicht mir ein Trolley. Aber grundsätzlich brauche ich viele Alternativen und viele «für alle Fälle». Ich bin ja jemand, der glaubt, dass wenn man Mode richtig nutzt, sie einem wunderbar über den Tag helfen kann. Ich packe deshalb für viele Eventualitäten, und gerade wenn ich länger unterwegs bin, kann es sein, dass das, was man sich vorgenommen hat anzuziehen, vielleicht überhaupt nicht passt, weil man nicht in der Stimmung ist. Deshalb mag ich die Möglichkeit, meinen Launen nachzugehen, auch modisch.

Haben Sie den definitiven Packtipp?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es immer falsch ist, auf gewisse Dinge zu verzichten, bloss weil man keine zweite Tasche mitnehmen will. Man wird sich bloss ärgern.

Was haben Sie immer dabei?
Auf Produktionsreisen eine Jogginghose. Die trage ich meistens, wenn wir an Fotostrecken für das Heft arbeiten. Sie ist dafür das perfekte Kleidungsstück.

Sie tragen, wie die meisten Protagonisten der Modeszene, eine Art Uniform. Weshalb?
Ich trage sehr gerne und oft Leder, fast ausschliesslich Hosen, und ich mag hohe, sehr hohe Schuhe; früher trug ich fast nur Schwarz. Vermutlich, weil es so leicht zu kombinieren ist, was gerade auf Reisen praktisch ist. Mode sollte ja im besten Fall auch immer ein wenig Rüstung sein, und so sind es bestimmte Designer und bestimmte Schnitte, von denen ich über die Jahre gelernt habe, dass ich mich darin wohlfühle und darin gut aussehe. Meine Maxime war immer, dass ich zuerst als Person wahrgenommen werden will und nicht über das, was ich trage, erst recht nicht über bestimmte Designer. Ich glaube ja nicht an Trends. Ich glaube an ein gutes Kleidungsstück.

Sie glauben nicht an Trends?
Ich folge damit dem Claim der «Vogue», den es schon seit vielen Jahren gibt: «Before it’s in fashion it’s in Vogue.» Das heisst, wir sind vor den Trends. Wenn ich sage, dass ich nicht an Trends glaube, heisst das, dass man sich nicht auf Trends versteifen soll. Die sind heute noch kurzlebiger als je zuvor. Natürlich gibt es Saisons, in denen der Plateauschuh allgegenwärtig ist und damit ein Trend, aber es geht mir um etwas anderes. Nämlich darum, dass man sich dem Trend nicht unterwirft. Dass man sich für ein gutes Kleidungsstück entscheidet und nicht für eines, bloss weil es gerade Trend ist.

Das heisst, man braucht Stilvermögen. Kann man Stil lernen?
Man kann lernen, sich gut anzuziehen. Ich hoffe, dass wir als «Vogue» unseren Teil dazu beitragen, dass wir inspirieren, indem wir anregen zum Ausprobieren. Und je mehr man ausprobiert, umso besser weiss man, was einem gefällt und was einem steht.

Was ist gute Mode?
Gute Mode ist das Kleidungsstück, das Ihnen das Gefühl gibt, dass Sie gut angezogen sind.

Das denken Frauen auch von Leggings – die machen nicht schöner.
Leggings sind in der Tat ein Kleidungsstück, das nur bestimmten Frauen vorbehalten ist, da kann man sich noch so wohlfühlen darin und deshalb denken, es sähe gut aus. Und obschon es mir fernliegt, den Zeigefinger zu erheben – wenn mich jemand fragt, würde ich mancher raten: Tu dir das nicht an.

Unter Ihrer Vorgängerin hatten Günstiganbieter keine Chance, ins Heft zu kommen. Bei Ihnen schon.
Das kommt auch vor. Was soll daran schlecht sein?

Es wird der Ideenklau beklagt, dass niemand weiss, dass die Hose, die da bei Zara hängt, ursprünglich von Phoebe Philo designt wurde.
Weshalb sollte man das wissen? Es ist doch gut, wenn junge Menschen die Chance haben, eine gute Hose zu kaufen, wer auch immer die designt hat, zu einem Preis, den sie sich leisten können. Entscheidend ist nicht, von wem etwas ist, sondern ob es einem gefällt.

In der Branche mag man sonst die Demokratisierung der Mode nicht.
Vielleicht bin ich tatsächlich zu demokratisch für das, was ich mache. Deshalb finde ich es auch toll, dass es Zeitschriften wie die «Vogue» gibt, die sechs Euro kosten und in denen es wunderbare Bilder hat, die die jungen Menschen dazu animieren, sie fein säuberlich auszuschneiden. Es ist dabei zweitrangig, dass ihnen der Name des Fotografen oder die Designerin des Kleides nichts sagt. Wichtig ist, dass es ihnen gefällt, denn so wird das Auge geschult. Sich schön anzuziehen ist eine Form von Respekt, sich selbst und der Umwelt gegenüber. Und je mehr Menschen das berücksichtigen, umso besser ist das doch.

Weshalb wird das Interesse für Mode belächelt und gleichgesetzt mit Oberflächlichkeit?
Das hat sich etwas geändert, aber Menschen, die das tun, sind ignorant und unwissend. Man kann nur kompetent über Mode – über die Oberfläche – sprechen, wenn man sich auch mit dem Darunter beschäftigt. Wir haben in Deutschland oft Angst davor, dass etwas zu schön sein könnte. Nichts kann zu schön sein. Und sich mit Schönheit auseinandersetzen heisst auch immer, sich das Hässliche anzugucken. Nur dann kann ich das Schöne erkennen.

Es hat mit einem generellen ästhetischen Empfinden zu tun?
Exakt, und das hört ja nicht auf beim Essen oder beim Wein, es geht weiter, verlangt Vollständigkeit und bedingt deshalb auch das gute Kleidungsstück.

Sind Designer Künstler?
Das wird jeder Designer unterschiedlich betrachten. Die Designer, die wirklich beeinflussen, die wirklich Dinge nach vorne treiben, werden vermutlich eher mit Nein antworten.

Machen Designer überhaupt noch Trends? Werden die nicht längst auf der Strasse gemacht, unterstützt durch die Blogger?
Daran glaube ich nicht wirklich.

Nicht an die Blogger oder nicht an die Trends von der Strasse?
Es sind nicht die Blogs, die die Mode machen. Und dass Trends auf der Strasse entstehen … Was ist ein Trend? Sich verrückt anziehen? Nein. Das sind Moden, aber nicht Mode. Echte Trends sind etwas, das in der Gesellschaft passiert. Wenn es aber darum geht, Lust auf Mode zu machen, dann sind Blogs ganz toll, weil sie Menschen eine Plattform bieten, die sich und ihren Sinn für Mode darstellen möchten. Das bietet auch Raum für Individualität. Und wenn denn überhaupt irgendwas Trend ist, dann das.

Was ist der grösste Fehler von Frauen in Sachen Mode?
Es darf einem nie passieren, dass man von einem Kleid getragen wird. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.11.2011, 10:55 Uhr

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11 Kommentare

Herbert Berger

18.11.2011, 11:16 Uhr
Melden 16 Empfehlung

OK, dann bin ich eben ignorant und unwissend. Aber mir gehen diese Modefraks und Label-Fetischisten einfach auf dem Sack und finde sie für sehr oberflächlich. Wenn die Verpackung wichtiger ist als der Inhalt, kann doch etwas nicht stimmen mit solchen Leuten. Antworten


Jan Maurer

18.11.2011, 11:58 Uhr
Melden 15 Empfehlung

Mode ist lediglich eine Methode der Kleiderindustrie, die Leute zur Überzeugung zu bringen, mindestens zwei Mal im Jahr alle Kleider in die Tonne zu treten und neue zu kaufen, weil die alten angeblich so in der Öffentlichkeit nicht mehr getragen weden können. Und wenn ganz bestimmt alle bestehenden Exemplare verrottet sind, dann bringt die Industrie nach einigen Jahren die gleichen Sachen erneut. Antworten



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