Kultur

Mit der Maske in den Fettnapf

Von Thomas Wyss. Aktualisiert am 23.04.2011 2 Kommentare

Der Schreibende besuchte einen Mummenschanz-Workshop, um ein Kindheitsproblem zu lösen. Als die Kameras von «Glanz & Gloria» surrten, wurde er übermütig.

Der Mann mit der Eiermaske: Unser Autor mit Bernie Schürch und Floriana Frassetto von Mummenschanz.

Der Mann mit der Eiermaske: Unser Autor mit Bernie Schürch und Floriana Frassetto von Mummenschanz.
Bild: Doris Fanconi

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Die Jubiläumstournee

«40 Jahre Mummenschanz», Jubiläumstournee,
Oktober 2011 bis Juni 2012.

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Ein Maul, davon war ich als kleiner Bub felsenfest überzeugt, das spricht, da gibt es keine Ausnahmen. Dabei war es völlig in Ordnung, wenn ein Maul auch mal wenig sprach. Wie jenes von René, dem Freund von Franz, in meiner Lieblingssendung «Spielhaus». Renés Maul sagte immer nur: «I säge nüt!» Das war nicht viel, aber doch viel mehr als nüt.

Dann, eines Abends, sah ich im Beisein der Eltern im Fernsehen eine Mummenschanz-Vorstellung. Und bekam fest Angst. Weil die Mäuler der drei komischen Köpfe, die da auf der Bühne rumturnten, keinen Mucks von sich gaben. Egal, welche Kapriolen sie zeigten, egal, was für Grimassen sie schnitten, sie blieben einfach still und stumm. Damit konnte ich schlicht nicht umgehen, und die Eltern brauchten eine Menge Schoggi, um mich wieder beruhigen zu können.Wegen dieser Geschichte kam es gar nicht ungelegen, als mich Kollegin Meier fragte, ob ich an einem Mummenschanz-Workshop teilnehmen wolle. Ich halte es da nämlich mit der Mafia: Probleme gehören aus der Welt geschafft, egal, ob sie einen Tag oder jahrzehntealt sind.

Mehr Promis als Journis

Der Workshop fand im Theater 11 in Oerlikon statt. Dass es ein spezieller Workshop werden könnte, realisierte ich relativ rasch. Als Erstes sah ich Kerstin Cook, unsere Miss Schweiz. Als Zweites Annina Frey, unsere «Glanz & Gloria»-Moderatorin. Und als Drittes ihre Kameramänner. Weil auch noch Zirkus-Spross Gregory Knie, Comedian Rob Spence und Musicaldarstellerin Carin Lavey («Dällebach Kari») eintrudelten, waren die Promis gegenüber uns Journis letztlich gar mit 5:3 in der Überzahl – eine Situation, die auch nicht alle Tage vorkommt.

Und der Workshop wurde wahrhaftig speziell. Speziell im Sinne von interessant, unterhaltsam, lehrreich . . . und, speziell für mich, auch etwas peinlich. Aber alles schön der Reihe nach. Mein Primärziel, die alte Mummenschanz-Angst zu besiegen, war dank Floriana Frassetto und Bernie Schürch bald erreicht. Diese zwei liebenswürdig-temperamentvollen Menschen waren es, die 1972 zusammen mit dem 1992 verstorbenen Andres Bossard die heute weltbekannte Pantomimengruppe gründeten; sie waren es auch, die beim Kaffee mit Geschichten und Anekdoten den Workshop auf Betriebstemperatur brachten.

Zu obszön für Teheran

So erfuhr man, dass die wortlosen Mimen, von Filmemacher Kamal Musale einst treffend als «musiciens du silence» bezeichnet, früher im Proberaum oft mit Klängen experimentierten, sich wegen der «rhythmischen Freiheit» aber doch jedes Mal gegen ein musikalisches Programm entschieden. Man vernahm, dass sich Mummenschanz durchaus als politische Gruppe sehen, «weil jede Handlung auf einer Bühne ein politischer Akt ist». Dass sie den bewegendsten Auftritt in Teheran hatten, obwohl die Behörden die berühmte «Steckdosen»-Nummer wegen «sexueller Anspielung» verboten. Oder dass ihre Kunst keinen intellektuellen Diskurs anregen, sondern die «kindlich-instinktiven Gefühle im Menschen» ansprechen will. Und schliesslich verriet Bernie Schürch, dass er am Ende der im Herbst beginnenden Jubiläumstournee bei Mummenschanz aufhören werde.

Dann hiess es «Bastelstunde!», und wir Workshopper durften unseren inneren Goof entfesseln und aus Plastikflaschen, Eierkartons, Schaumgummi, Papierfötzeln oder Baustellenabfällen eine Maske gestalten. Wohl weil ich den Werkunterricht in der Schule oft geschwänzt hatte, schaute mein Resultat ziemlich irr drein. Hätte ich diese Fratze damals als Bub im TV gesehen, ich hätte glatt in die Hose gemacht. Wie auch immer, jedenfalls gabs danach Lunch, und im Anschluss daran führte uns Signora Frassetto, die regelmässig solche Workshops veranstaltet, anhand von Bewegungsübungen in die Geheimnisse ihrer Kunst ein. Ja, und plötzlich war er da, der Augenblick der Wahrheit: Wir mussten mit aufgesetzter Maske auf die Bühne treten, dabei rein pantomimisch den Saal bestaunen, frei mit dem imaginären Publikum interagieren und wieder davonwatscheln.

Ich war echt nicht schlecht

Da ich weder über das Catwalk-Talent von Kerstin Cook noch über die ulkige Wuseligkeit von Rob Spence verfüge, von Berufes wegen aber ziemlich flinke Finger hab, entschied ich mich für jene wohlbekannte Geste, die man als Velofahrer gern dem Taxifahrer vorführt, wenn er einem den Weg abschneidet.

Ich lief also los, zeigte nicht vorhandenen Zuschauern meinen ausgestreckten Mittelfinger und ging ab. Ich muss sagen: Ich war echt nicht schlecht. Allenfalls ein bisschen übermütig, wegen der surrenden «Glanz & Gloria»-Kameras. Aber sonst: echt nicht schlecht. Den warmen Applaus der anderen Kursteilnehmer empfand ich jedenfalls als verdient. Doch dann passierte es. Floriana Frassetto sprang auf und stauchte mich zusammen. Auf Italienisch, Deutsch und Englisch gab sie mir zu verstehen, dass sie solche Vulgaritäten gar nicht schätze; nicht bei Massimo Rocchi, nicht bei mir. Mein vermeintlicher «walk of fame» entlarvte sich als Tritt in den Fettnapf, trotz Maske fühlte ich mich demaskiert. Auch wenn Floriana danach versöhnlich hinzufügte, meine körperliche Präsenz, die habe ihr jedoch gut gefallen, werde ich fortan wieder dem Wort vertrauen. Das stumme Spiel, es ist nicht meins . . . Irgendwie hatte ich das ja schon als Kind gemerkt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2011, 06:17 Uhr

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2 Kommentare

phil barbier

23.04.2011, 11:09 Uhr
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"Dann hiess es «Bastelstunde!», und wir Workshopper durften unseren inneren Goof entfesseln..." - ein wertvolles Ventil fuer Menschen in einer ueberprofessionalisierten Welt. "Back to Earth" fuer Abgehobene, zu den Wurzeln fuer Entwurzelte oder Spielraeume entdecken fuer eingeengte Spezialisten. Psychologen wenden solche Szenarien immer oefter an - z.B. in Waedenswil werden Spielraeume anbeboten. Antworten


Hans Knorr

23.04.2011, 21:23 Uhr
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Haha, finde ich super! Da wurde statt dem Schreibenden eher das Publikum und Mummenschanz entlarvt. Nämlich als im Grunde zutiefst spiessig und gesellschaftskonform. Als langweilig, elitär, politisch korrekt und nichtkünstlerisch. Ist ja eigentlich auch nicht anders zu erwarten bei einem Event mit Missen, G+G und Gregory Knie. Ein Bravo an Thomas Wyss! Nichtkünstler sind die besseren Künstler! Antworten



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