Kultur

Mörgelis Traumfrauen

Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 28.01.2011 82 Kommentare

Christoph Mörgeli hetzt in seiner neusten «Weltwoche»-Kolumne die Frauen von heute auf und singt ein Loblied auf die Weibsbilder aus dem Mittelalter. Dabei passiert ihm ein freudscher Verschreiber.

1/5 SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli hat es nicht so mit modernen Frauen wie Ursula Wyss, Chantal Galladé oder Christine Goll.
Bild: Keystone

   

Clever ist er, der Christoph Mörgeli. In seiner neusten «Weltwoche»-Kolumne versucht er sich in psychologischer Kriegsführung – und das alles für die Waffeninitiative. Das geht so: Er stachelt alle Schweizerinnen an, die für die Waffeninitiative stimmen wollen, und versucht sie so zu manipulieren, dass sie bei der Abstimmung vom 13. Februar verwirrt ein Nein in die Urne legen. Frauen, die so anders sind als die richtigen von einst. Frauen wie die Ja-Stimmerinnen Ursula Wyss, Chantal Galladé oder Christine Goll. Die vermögen Christoph Mörgeli so gar nicht in Fahrt zu bringen, im Gegensatz zu den Weibsbildern von anno dazumal.

Mimosen stimmen Ja

Früher, ja früher hatten wir noch richtige, mutige Frauen, die wussten, wie man mit Waffen umgeht, schwärmt Mörgeli. Ganz anders als die verweichlichten Frauen von heute, die von all dem keine Ahnung haben und «ihre Männer mehr fürchten als fremde Einbrecher» (woher diese ihre Waffen nehmen, hat Mörgeli bei seiner Argumentation «vergessen»). Zusammengefasst heisst das: Wer eine verweichlichte Mimose ist und sich vor allem fürchtet, stimmt Ja, wer eine richtig mutige Frau ist, stimmt Nein. Damit zielt er genau auf den wunden Punkt von emanzipierten Frauen: den Stolz.

Es ist erfrischend, von welchen Frauen Mörgeli in seiner Kolumne so schwärmt. Von der Gattin des wackeren Schneidermeisters Hediger in Gottfried Kellers «Fähnlein der sieben Aufrechten», die ein Gewehr so flink habe zusammensetzen können «wie ein Büchsenmachergesell». Was Mörgeli nicht schreibt: Die Frau aus der Novelle setzt das Gewehr nur deshalb zusammen, weil ein gewisser Karl nicht fähig dazu ist. Die Frau, die Macherin – der Mann, der Waschlappen.

Eine wie Gilberte de Courgenay

Auch Mörgelis zweite Traumfrau ist eine, die es nur auf dem Papier gibt. Sie heisst Hermine Frymann, die besagten Waschlappen Karl erst dann zum Manne nimmt, nachdem er am Eidgenössischen Schützenfest keine einzige Scheibe verfehlt hat. Ein Mann also, der sich von einer Frau sagen lässt, was er zu tun hat, und dies auch brav erledigt. Genau wie der zagende Werner aus Friedrich Schillers «Wilhelm Tell», der erst dann seinen Arsch hochkriegt, nachdem ihn Gertrud Stauffacher zum bewaffneten Widerstand angestachelt hat. Auch von ihr ist Mörgeli angetan. Dann hätten wir noch Gilberte de Courgenay aus dem Ersten Weltkrieg, die den militärmüden Kanonier Hasler an der Front anbrüllen muss, damit er sich an seine vaterländische Männlichkeit erinnert. Die Frau, eine Motivatorin – der Mann ein Weichei, der nur dank ihres energischen Appells in die Gänge kommt.

Frauen wie diese sehnt sich Christoph Mörgeli also herbei – selbst wenn sie nur auf dem Papier bestehen. Solche, die zwischen Heim und Herd mutig allen Widrigkeiten trotzen und ihren Mann, seine Uniform und – nicht zu vergessen – seine Waffe anhimmeln. So hätten es die Gegner der Waffeninitiative wohl gern. Denn so steht es ja auch im «Soldatenbuch» aus dem Jahre 1958, quasi ein Handbuch für tapfere Schweizer Wehrmänner. «Das Gewehr hängt im Schweizerhause zum Zeichen dafür: Hier wohnt ein Wehrmann. Frau und Kinder sehen das Ehrenkleid des freien Mannes und die Waffe, mit welcher der Vater und der ältere Bruder im Notfall auch sie verteidigen.»

Corine Mauch mit Speer

Christoph Mörgeli hat Glück. Es gibt auch heute noch solche Traumfrauen und sie werden seinem versteckten Aufruf folgen und überzeugt ein SVP-kompatibles Nein in die Urne legen. Und wie wir von seiner Kolumne wissen, steht hinter jeder dieser starken Frauen ein Jammerlappen von einem Mann. Dieser würde wohl am liebsten heimlich Ja stimmen, damit er nicht mehr an die Waffe im Schrank und die dazugehörige Verantwortung denken muss und in Ruhe Fernsehen schauen kann.

Aber das hat Mörgeli bestimmt nicht so gemeint. Und so trauert er weiter den sagenhaften mittelalterlichen Zeiten hinterher, als «tapfere Zürcherinnen sich in Wehr und Waffen auf dem Lindenhof versammelt» hätten. Die zarte Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch könne er sich so gar nicht mit Helm, Speer und schimmernder Rüstung vorstellen. Uns Frauen von heute schaudert es derweil bei der Vorstellung, wie Männer wie Mörgeli uns im Krieg vor den Feinden oder mit der Waffe zu Hause vor den Einbrechern beschützen müssten. Aber wir wollen ja den Mörgeli nicht beleidigen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.01.2011, 14:31 Uhr

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82 Kommentare

hans scholl

29.01.2011, 15:08 Uhr
Melden 1 Empfehlung

@marc lehmann: man(n) kann es nicht treffender sagen! ja ja, der mörgeli hat so seine sörgeli und dank tamedeli liest es jeder bleedeli. Antworten


Hans Wuersch

02.02.2011, 11:02 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Die Kolummne von Dr. Mörgeli in der Weltwoche ist ziemlich klar als 'Glosse' deklariert. Wer sich dadurch zu unflätigen Bemerkungen über den Autor hinreissen lässt, versteht diese Textart nicht. Ich staune immer wieder, wie Leute, die gerne Stilnoten nach Rechts verteilen, ihre Ansichten selber nur mit wenig Anstand äussern können. Die Replik von DJ ist amüsant. Antworten



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