Monumentales Bilderspektakel an der Waadtländer Riviera
Bei der Einfahrt in den Bahnhof ist der letzte Zeuge der Maschinenbau-Tradition Veveys nicht zu übersehen. Neben den Geleisen steht die Montagehalle der Ateliers de Constructions Mécaniques de Vevey (ACMV), die der Finanzjongleur Werner K. Rey Anfang der Neunzigerjahre ruinierte. Nun hat der junge französische Fotograf und Aktionskünstler JR die Ruine des Gebäudes neu «eingekleidet».
Er und seine Gehilfen klebten die monumentale Vergrösserung eines Werkes des amerikanischen Fotografen John Philipps auf die Backsteinmauern und die hohen schmalen Fenster. Philipps hatte 1940 in Texas das Innenleben von Fabriken der US-Kriegswirtschaft fotografiert.
Verkleidete Gebäude
«Das Bild auf der Fassade der Montagehalle ruft bei manchen Leuten aus Vevey die Erinnerung an die grosse Zeit der Ateliers Mécaniques wach», sagt Stefano Stoll. Der 36-Jährige ist Kulturbeauftragter der Stadt und gleichzeitig Direktor des Festivals für visuelle Kunst Images’ 10, das am Samstag Premiere hat. Es findet alle zwei Jahre statt, alternierend zur Vergabe der Preise am Internationalen Wettbewerb für Fotografie und am Europäischen Wettbewerb für Erstlingswerke von Filmerinnen und Filmern in Vevey.
JR wurde international durch Aktionen bekannt, bei denen er zum Beispiel die Augen und die Münder von Opfern der alltäglichen Gewalt in einem Slum von Rio de Janeiro fotografierte und in Grossformat auf Wände, Dächer und Treppen einer Favela mit Sicht auf den Justizpalast klebte. Bei der Verkleidung von vierzehn Gebäuden in Vevey verwendet der Franzose erstmals keine eigenen Aufnahmen, sondern Ikonen aus dem Bilderschatz des Fotomuseums Elysée in Lausanne.
Rekordhohe Arbeitslosigkeit
«Jedes Werk muss an dem Ort Sinn machen, an dem es gezeigt wird – oder wie es gezeigt wird», betont Stefano Stoll. Das Fabrikbild an der Montagehalle mit den eingeworfenen Fensterscheiben zum Beispiel macht Sinn. Die ACMV beschäftigten noch Mitte der Achtzigerjahre 750 Mitarbeitende. Neben Nestlé waren die Ateliers Mécaniques damals mit Abstand der grösste Arbeitgeber in der Region. Ihr Niedergang stürzte Vevey in eine Krise mit rekordhoher Arbeitslosigkeit und zwang die Stadtregierung, neue Perspektiven zu entwickeln.
«Es war das Ende der Industrie der Werkbänke und der Beginn des numerischen Zeitalters», erinnert sich der damalige Stadtpräsident und spätere FDP-Nationalrat Yves Christen. Vevey setzte auf die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, gründete den Förderverein Swissmedia und nannte sich fortan «Vevey Ville d’Images». Der Begriff «Bilderstadt» sollte das kulturelle Profil der Stadt an der Waadtländer Riviera schärfen. Zumal sie eine international renommierte Schule der Fotografie, das Schweizer Kameramuseum, das Museum Jenisch und die kantonale Sammlung alter Stiche beherbergt. 1995 organisierte Vevey das erste Festival de l’Image.
Festival war anfangs zu elitär
Doch die hohen Erwartungen der Stadtväter blieben zunächst unerfüllt. «Das Festival war zu elitär», blickt Christen auf das Jahr 2006 zurück, als er die Trägerstiftung präsidierte und den jungen Kulturbeauftragten Stefano Stoll zum Direktor des Festivals berief. Stoll brachte Erfahrung als Kulturmanager mit. Er hatte die Bieler Fototage mitbegründet und von 2000 bis 2002 unter Martin Heller, dem Künstlerischen Direktor der Expo.02, Projekte geleitet.
Das erste Festival unter seiner Leitung brachte 2008 die erhoffte Trendwende. 6000 Besucher zählten die Ausstellungen in Galerien, etwa 30 000 nahmen die Monumentalfotografien an Fassaden als Teil der Veranstaltung wahr. «Ich mache aus Vevey im wahrsten Sinne eine Bilderstadt», bezeichnet der Direktor sein Erfolgsrezept.
Er wählt dabei nur Werke von Künstlerinnen und Künstlern aus, die entweder an einem der bedeutenden «Rendezvous» der Fotokunst in Europa (Les Rencontres d’Arles, Visa pour l’image Perpignan, Art Basel sowie die Biennalen von Venedig und Lyon) zu sehen waren oder ohnehin internationale Grössen sind. Für Besucher soll das Festival gratis und gut zugänglich sein. Und die im öffentlichen Raum gezeigten Werke muss gemäss Stoll «ein Vater seinem Kind erklären können».
Wie vom Himmel gefallen
Menschen, die in Vevey zur Arbeit pendeln oder einkaufen gehen, übersehen die monumentalen Werke von JR, des Chinesen Li Wei und der Schweizerin Renate Buser an den Häuserfassaden ebenso wenig wie Touristinnen und andere Passanten. Stoll dringt mit den Bildern bewusst in den öffentlichen Raum ein und hat die Ausgabe 2010 auch unter das Leitmotiv «l’Intrusion(s)» gestellt. Das bringt die mit 22 auf 23 Metern grösste Fotografie, die über die Fassade der Waadtländer Kantonalbank gespannt ist, gut zum Ausdruck.
In dem Werk aus der Serie «Falls» inszeniert sich der in Peking aufgewachsene Li Wei selbst. Der Künstler scheint vom Himmel zu fallen und dringt wie ein Geschoss in die Zivilisation ein.
Das Eindringen gehört für den Festivaldirektor zum Wesen der Fotografie. «Ausser beim Selbstporträt nimmt der Fotograf immer etwas von der Persönlichkeit, der Intimität anderer Leute», sagt Stoll. Die überwiegend positiven Reaktionen auf die ersten, im Jahr 2008 verkleideten Häuserfassaden ermunterten ihn dazu, in dieser Richtung weiter vorzudringen. Durch die monumentalen Werke soll sich Vevey von den grossen Konkurrenzveranstaltungen in Arles, Perpignan, Basel, Venedig und Lyon unterscheiden.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.09.2010, 11:00 Uhr
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