«Multitasking vermanscht das Gehirn»

Frank Schirrmacher, der streitbarste Journalist Deutschlands, warnt vor dem grossen Konzentrationsverlust. Das Internet zerstöre das Denken.

«Ich bin zwar schneller geworden, durchdringe die Materie aber gedanklich nicht mehr so wie früher»: Frank Schirrmacher.

Nicola Pitaro

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Haben Sie Probleme, sich zu konzentrieren?

Ja, sehr. Ich habe massive Probleme mit der Aufmerksamkeit. Nicht weil ich älter werde, sondern weil ich mich von all den Medien beeinflussen lasse. Ich bin zwar schneller geworden, durchdringe die Materie aber gedanklich nicht mehr so wie früher.

Bleibt weniger hängen?

Wenn ich mir überlege, was ich von den Themen, über die ich mich vor einer Stunde informiert habe, noch weiss, wird mir ganz mulmig. Das Kurzzeitgedächtnis der Menschen hat sich in den letzten Jahren verändert: Während man sich früher sieben Dinge merken konnte, sind es heute noch fünf.

Die Jungen scheinen kein Problem zu haben, verschiedene Dinge gleichzeitig zu machen.

Das ist ein grosser Irrtum. Eine US-Studie zum Multitasking zeigt, dass der Mensch dafür nicht geschaffen ist. Unser Gehirn macht das auf Dauer nicht mit. Man kann das auch nicht trainieren, im Gegenteil: Man wird beim Multitasking immer schlechter. Multitasking führt deshalb auch bei Jungen zur raschen Erschöpfung. An die Stelle dessen, was sie nicht mehr können - Texte verstehen und deuten -, tritt nichts anderes. Die Reizüberflutung durchs Internet führt so weit, dass Kinder heute nicht einmal mehr Mimik richtig lesen und entziffern können.

Multitasking sei Körperverletzung, schreiben Sie in Ihrem Buch.

Multitasking ist die schlimmste Praxis unserer Zeit. Sie vermanscht, wie der Hirnforscher Wolf Singer sagt, das Gehirn. Es findet eine Veränderung im Hippocampus statt, durch die Reizüberflutung des Multitasking wird die Gedächtnisstruktur beschädigt. Für Computer ist es genial, wenn sie Dinge gleichzeitig tun. Wir Menschen können das nicht, wir sind lineare Wesen. Im frühen 20. Jahrhundert hat Taylor die Arbeitswelt mit der Stoppuhr geregelt, heute übernimmt dies das Multitasking: ein innerer, ein digitaler Taylorismus, der zu digitaler Demenz führt. So wie damals die Muskeln kaputtgingen, geht heute der Geist kaputt.

Hört man Ihnen zu, ist das Internet an allem schuld.

Zunächst: Ich bin ein Freund des Internets, ich nutze es und profitiere. Aber das Internet ist kein Spielzeug, sondern ein von kapitalistischen Kräften gesteuertes Biotop, in dem Urkräfte der Marktwirtschaft funktionieren. Es werden nicht nur Waren, sondern auch Gedanken verkauft. Es wird das Verhalten von Menschen berechnet. Und Internet ist nur ein Teil: Es sind die Computer selbst, die das tun. Um herauszufinden, welcher Zielgruppe man angehört, fragt man Google und erfährt qua Einschaltquoten, wohin man gehört. Es geht nicht um die interessantesten Ideen und Gedanken, es geht nur um die häufigsten. Das ist Manchester-Kapitalismus des 19. Jahrhunderts.

Das ist ziemlich kulturpessimistisch.

Die Kritik an Google als Machtmaschine kommt aus dem Netz selber. Das ist eine ziemlich radikale Bewegung, bei der es allerdings nicht um Maschinenstürmerei geht. Es geht im Wesentlichen um zwei Dinge: Herrschaftsverhältnisse und Datenschutz. Es ist ja nicht so, dass Google grösser ist als andere, Google ist schlicht gigantisch. Im Vergleich zu Google ist die Anzahl Klicks bei «Spiegel online» oder der «New York Times» absolut irrelevant. Und das ist bei Microsoft genauso. Man darf nicht vergessen, dass die Internetstrukturen Machtstrukturen sind.

Sind wir ihnen wirklich hilflos ausgeliefert?

Zur Not können wir die Apparate immer einmal wieder abstellen. Aber als Daten sind wir trotzdem in der Welt. Heute schon berechnen die Arbeitgeber die Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter nach mathematischen Formeln - und da wird alles berechnet: Kreativität, Gesundheit, Kommunikationsformen. Die meisten Menschen wissen gar nicht, was heute schon möglich ist. Und ein Management, das selbst nur in solchen Formeln denkt, wird gar nicht mehr in der Lage sein, Unberechenbares zu erkennen. Davor warne ich, und ich bin nicht allein. Wenn es ums Internet geht, klingt alles so süss und nett. Dabei geht vergessen, welche Umwälzungen im Gang sind. Das Internet ist nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern auch eine Datenmaschine, mit deren Hilfe Menschen ohne ihr Wissen eingesetzt werden - nicht nur im Arbeitsprozess. Es wird Menschen geben, die immer roboterhafter und angepasster reagieren müssen - sie handeln nach Algorithmen. Dabei gibt es ganz viele Dinge, die nicht algorithmisch zu schaffen sind, sonst hätte es keinen Einstein oder Picasso gegeben.

Geht es nur um Anpassung?

Das Problem bei den expansiven Netzen ist, dass die Übersicht verloren geht. Als im 19. Jahrhundert die industrielle Revolution begann und die Maschinen gebaut wurden, ging es um Arbeitsoptimierung. Der Mann, der das tat, war Frederick Taylor. Keine Sekunde darf unproduktiv verstreichen, er berechnete die kürzesten Arbeitsabläufe, die Wege, die Arbeitnehmer gehen sollten, die Handgriffe, die am effizientesten waren, die Stoppuhr, die das alles steuert. Und nun passiert genau das Gleiche mit dem Hirn. Die Stoppuhr ist der Mikroprozessor. Damals stellte man fest, dass die Körper der Menschen nicht gut mit den Maschinen umgehen konnten. Man erstellte Programme, welche die Muskeln befähigten, mit den Maschinen umzugehen. Gegen diese Zumutung entstanden dann die sozialen Bewegungen. Im 21. Jahrhundert geschieht genau das Gleiche, nicht mehr mit den Bizepsen, sondern mit den Gehirnen.

Mit welchen Folgen?

Jetzt entsteht eine Riesenindustrie, die im grossen Stil die Arbeit optimiert. Die Arbeitgeber freuen sich. Die Ausmasse werden durch das Echtzeitinternet enorm steigen. Und es wird auch eine sogenannte vorausschauende Suche geben. Wenn Sie am Abend ins Theater gehen wollen, können Sie schon am Nachmittag auf Google erfahren, wie es sein wird: Was die Leute schon gesehen haben, was andere darüber reden usw. Urteil heisst immer Mehrheitsmeinung und Konsens - und das findet sich dann auch im Netz. Und wenn ich dann herausfiltere, dass es gut ist, dann wird es auch gut sein. Das alles wird durch Echtzeitinternet verstärkt. Das kennen wir heute schon: Wenn ich Musik herunterlade, wird mir Musik vorgeschlagen, die mich auch noch interessieren könnte.

Es gibt Schlimmeres.

Sie können sich ja nicht ausklinken. Wenn Sie keine SMS mehr schreiben und kein Internet mehr benutzen, dann partizipieren Sie nicht mehr an der Welt. Dann dreht sich die Welt einfach ohne Sie weiter. Und es braucht sehr viel Energie, sich von diesen Technologien fernzuhalten. Wir sind also gezwungen, daran teilzunehmen, und - noch schlimmer - wir werden dabei zu Objekten von anderen: Arbeitgebern, Krankenkassen, Analysten. Wir sind längst eine Datenmenge geworden. Um dagegenzuhalten, muss man den sogenannten Aufmerksamkeitsmuskel stärken. Das Lesen auf dem Papier wird eine ganz neue Rolle bekommen: Es wird eine therapeutische Funktion haben - in der Wirkung das Hirn verbessern. Lesen auf Papier ist der einzige Ort, der nicht überwacht wird und der nicht dauernd mit elektronischer Ablenkung lockt.

Eine Art Entschleunigung?

Ja. Das ganze Bildungswesen ist ja nicht in der Krise, weil die Lehrer das Falsche lehren, sondern weil sie gar nicht mehr wissen, was sie lehren sollen. Am Schluss geht es doch immer wieder darum, das eigene Denken zu befördern. Kontemplative Techniken und Ruhezeiten werden wieder eine grössere Rolle spielen.

Und Begrenzung der Arbeitszeit.

Ja, aber auch kognitive Auszeiten sind wichtig. Mir geht es vor allem darum, ein Bewusstsein für diese Problematik zu schaffen. Die meisten Menschen denken heute doch: Ich bin schuld, dass ich mich nicht mehr konzentrieren kann. Also liegt der Fehler bei mir.

Wählt man nicht einfach aus der Vielzahl der Informationen den Pfad aus, der einem weiterhilft?

Sie gehen immer noch von der Vorstellung aus, dass Sie der handelnde Mensch sind. Das ist aber nicht so! Die Urheberfrage, die heute so virulent ist, muss man grundsätzlich stellen: Wer ist der Urheber dieser ganzen neuen Welt? Waren Sie früher noch Herr über eine Maschine, so ist dies beim Internet nicht mehr der Fall: Bei einer genügenden Anzahl von Daten braucht man nur noch Algorithmen, die die Daten miteinander in Beziehung setzen. Amazon empfiehlt Ihnen ja wirklich gute Bücher. Ja, es geht noch weiter: Weil die Menschen nicht so wahnsinnig unähnlich sind, kann man heute auch schon Ihre Assoziationen vorausberechnen. Sie können dann nicht mehr sagen, wer letzten Endes das Subjekt oder die handelnde Person ist.

Zeitungen haben insofern keinen schlechten Stand, weil sie sagen, was wichtig ist und was nicht.

Ja, man muss in dieser schwierigen Zeit nur lange genug durchhalten. In der Tat wird die Frage, was wichtig ist und was unwichtig, zur zentralen Frage unseres Lebens. Wichtig heisst immer nur: wichtig für uns. Ich erwähne in meinem Buch ja etliche Beispiele aus der Medizin, die den Unterschied zwischen computergesteuerten Diagnosen und menschlichen, individuellen Diagnosen zeigen. Wir dürfen nicht die Software über Menschen entscheiden lassen - aber das wird kommen und womöglich gar nicht bemerkt werden. So wie Amazon uns heute ein Buch empfiehlt, empfiehlt dem Arbeitgeber eine Software, welcher Arbeitnehmer gefördert, versetzt oder entlassen werden sollte. Das ist keine Sciencefiction. Auch bei Personalentscheidungen sollten wir diese Fragen nicht der Software überlassen. Wir brauchen Navigationsmenschen, die in der Informationsflut unterscheiden können zwischen dem wirklich Wichtigen und dem Unwichtigen.

Was raten Sie Ihrem Kind?

Rat ist immer schwierig. Ich würde das Bewusstsein dafür stärken, dass mein Kind einen freien Willen hat. Es davon abhalten, seine Daten freizugeben. Wichtig scheint mir auch, dass Jugendliche sehen, dass das, was Maschinen ihnen sagen, eventuell nichts mit ihnen zu tun hat. Der Mensch muss sich die Autonomie bewahren. Die Dinge müssen nicht so sein, wie sie sind - dieses Wissen allein ist sehr viel wert. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.11.2009, 13:29 Uhr)

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